Pädagogik und Ironie

Gelegentlich muss ich erklären, was ich mit einem Text gemeint habe. Hier geht es um die Geschichte “Peter in der Schule”, die in der Kinderzeitschrift “Kleines Volk” abgedruckt war. Sie endet mit der Warnung: “Also Freunde, wenn ihr wissen wollt, warum etwas so ist, wie es ist, hört rechtzeitig zu fragen auf.”

Ein Vater oder eine Mutter mit dem Pseudonym “Berner Sennenhund” hat sich bei der Redaktion bitter über diese Geschichte beschwert.

Zuerst also die Geschichte, dann die Beschwerde und dann meine Antwort.

Peter in der Schule

Es war einmal ein seltsamer kleiner Bub, der hieß Peter, und der machte alle wahnsin­nig mit seiner Fragerei.

Als er in die Schule kommen sollte, frag­te er: “Warum muss ich in die Schule ge­hen?”

“Damit du lesen und schreiben und rechnen lernst!”, sagte die Mutter.

“Kannst du das denn?” fragte der Peter.

“Natürlich kann ich lesen und schreiben und rechnen!”

“Warum zeigst du mir nicht einfach, wie das geht?”

“Das geht nicht. Lesen und schreiben und rechnen lernt man in der Schule!”

“Und Zähne putzen und Schuhe zubin­den und den Popsch abwischen?”

“Das lernt man zu Hause!”

“Warum?”

“So, jetzt ist Schluss mit der Fragerei, jetzt ist Schlafenszeit!”, sagte die Mutter.

 

Als die Lehrerin ein A an die Tafel malte und sagte: “Das ist das A”‘ da sagte der Peter nur: “Warum?”

“Was meinst du mit ,Warum’?”

“Warum ist das ein A?”

“Schau, Peter, das ist ein Buchstabe und jeder Buchstabe hat einen anderen Na­men. Und mit verschiedenen Buchstaben kann man verschiedene Wörter schreiben. Und das hier ist eben der Buchstabe A.”

“Aber warum?”

“Schau, Peter, du hältst uns alle auf. Schreib jetzt das A in dein Heft!”

 

Als die Kinder alle Buchstaben gelernt hatten, fragte Peter: “Und wie schreibt man das?”, und schnalzte mit der Zunge.

“Was meinst du, Peter?”

“Na das da!”, und er schnalzte wieder mit der Zunge.

“Dafür gibt es keinen Buchstaben.” ,

“Warum denn nicht?”

“Weil es doch keine Wörter mit so einem Zungenschnalzer gibt.”

“Und wenn ich meinen Hund rufe?” Dabei schnalzte Peter mit der Zunge und winkte mit der Hand.

“Peter, wir müssen jetzt weiterarbeiten, sonst werden wir nicht fertig!”

 

Als die Kinder lernten, dass zwei und zwei vier sind, sagte der Peter nur: “Warum?”

“Sag Peter, was meinst du schon wieder mit ,Warum’?”

“Na, warum sind zwei und zwei vier?”

“Aber Peter, schau doch her: Hier sind zwei Stäbchen. Und wenn ich noch zwei Stäbchen dazulege und nachzähle, dann sehe ich, dass es vier Stäbchen sind. Das siehst du doch, Peter, oder?”

“Ja”, sagte der Peter, “ja, ich sehe, dass es vier sind.”

“Na also, Peter!”

“Aber ich will doch wissen, warum es vier sind!”

 

Und so war das einfach immer mit dem Peter. Wenn von den Fischen die Rede war, dann fragte er: “Warum leben die Menschen nicht auch im Wasser?”

“Weil sie ertrinken würden.”

“Und warum würden sie ertrinken?”

“Weil sie unter Wasser nicht atmen kön­nen!”

“Und warum können sie unter Wasser nicht atmen?”

“Weil sie keine Kiemen haben wie die Fi­sche!”

 

Jetzt hätte der Peter doch aufhören kön­nen zu fragen, nicht wahr? Jetzt hätte er doch Ruhe geben können. Jetzt hätte er sich doch denken können, dass er für heute genug erfahren hatte. Aber nein, er konnte es nicht lassen, es juckte ihn einfach, er musste weiterfragen: “Und warum haben die Menschen keine Kie­men?”

Findet ihr das in Ordnung? Muss man immer so lange weiterfragen, bis man keine Antwort mehr bekommt? Das ist doch lästig. Damit verärgert man doch nur die Leute.

Und dann: Hätte der Pe­ter rechtzeitig zu fragen aufgehört, dann wüsste er jetzt, warum die Menschen nicht unter Wasser leben. Weil sie keine Kieman haben. Aber weil er weitergefragt hat – weiß er wieder nichts!

Also, Freunde, wenn ihr wissen wollt, warum etwas so ist, wie es ist, dann hört rechtzeitig zu fragen auf.

 

Nun die Kritik von Berner Sennenhund:

Von: [Berner Sennenhund]

Datum: 01. Februar 2013 23:18:22 MEZ

An: redaktion@kleinesvolk.at

Betreff: Bodenlose Frechheit!

Sehr geehrte Redaktion,

ich gehöre zu den Leuten, die sich ab und an und bei Gelegenheit die Hefte durchlesen, die ihre Kinder so durchschmökern, dazu auch das “Kleine Volk”, das in unserer Volksschule als Lesehefte gebraucht werden (schlimm genug, dass für Lesebücher anscheinend kein Geld da ist und von den Eltern selbst bezahlte Heftchen als Lesestoff für den Leseunterricht herhalten müssen…). Auch die Jänner-Ausgabe fiel mir in die Hände und ich muss sagen, ich bin aus allen Wolken gefallen! Erst hab ich zweimal geguckt, ob ich wirklich das “Kleine Volk” erwischt habe. Ja. Dann zweimal, ob wirklich 2013 draufsteht und ich nicht zufällig eine Ausgabe von 1939 oder früher erwischt habe……

Dann habe ich noch zweimal den Text auf den Seiten 14/19 gelesen, und verzweifelt nach einer Auflösung für die Volksschulkinder gesucht, entweder in Richtung Philosophie (ich weiß, dass ich nichts weiß…..) oder in Richtung Ironie (…und dann wachte Peter auf aus seinem Alptraum und war

froh, dass nichts davon wahr war….). Nein! Nichts! Ich kam zu dem Schluß, dass Ihr das ernst meint! Falls nicht, dann hättet Ihr den Text wohl für Volksschulkinder anders aufbereiten müssen! Ich zeigte den Text zuerst in meinem Freundeskreis, weil ich nicht sicher war, ob das wahr sein konnte was da zu lesen war und auch einer Schulpsychologin und der Tenor war eindeutig: Blankes Entsetzen auf allen Seiten!

Was um Himmels Willen berechtigt Euch dazu, Kinder, die FRAGEN als “SELTSAM” zu bezeichnen? Seit wann dürfen Kinder keine Fragen mehr stellen, um Erwachsene nicht zu verärgern? Lehrerschonung?

Ok, man kann Kindern vermitteln, dass es jetzt nicht passt oder auch sagen, dass man hier nicht mehr weiter weiß. ABER: Kindern Fragen aufzulisten, die mit durchschnittlichem Wissen in Naturwissenschaften oder einschlägigen Seiten (kleiner Tipp: Wikipedia) zu beantworten sind, ist schlicht eine FRECHHEIT sondergleichen!

Gerade Kinder, die neugierig sind, sind gesund und normal und Kinder die NICHT FRAGEN sind SELTSAM!

Zu sagen: Wer zuviel fragt, weiß weniger als jemand, der einfach hinnimmt, was gesagt wird und nicht hinterfragt widerspricht allem, was man Kindern vermittelt.

Ich werde dieses Schreiben und die entsprechende Ausgabe “Kleines Volk” auch an die Frau Landesrätin Dr. Vollath und Frau Landesrätin Mag. Grossmann weiterleiten, die meinen Kindern bei einer Veranstaltung der Kinderuni Graz das Versprechen abgenommen haben, neugierig zu bleiben und sie fragen, wie ein solcher Text an unsere Volksschulkinder gelangen kann!

Es ist eine Frechheit und bestärkt alle Kinder, die andere Kinder, die mehr wissen oder mehr wissen wollen mobben, in ihrem Tun!

Ich kann nur noch einmal sagen: ich und viele andere sind schockiert, ich werde die Hefte weiterleiten wo auch immer ich kann und um Rat fragen.

Vielleicht können ja auch Sie mir erklären, was sie mit dem Verbot von Fragen gerne erreichen würden, aber natürlich nur, wenn ich Sie mit meiner Frage nach einer Antwort nicht allzu sehr verärgere………..

Von: [Berner Sennenhund]

Datum: 01. Februar 2013 23:24:28 MEZ

An: redaktion@kleinesvolk.at

Betreff: jänner 2013 die zweite

Nachdem Ihr auf Eurer Homepage so toll mit “Macht Lust auf Lesen, Wissen und Medien” werbt und nach Euren Angaben (man darf zitieren…):

All die oben genannten Schulzeitschriften ab der 1. Schulstufe werden laut Erlass des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur in Österreich unter der Geschäftszahl GZ. 33.359/1-V/12c/2003 für die Verwendung im Unterricht empfohlen. Sie unterliegen einer permanenten Qualitätskontrolle und werden von den Redaktionsteams stets gemäß den Erfordernissen der österreichischen Schulen und den Erwartungshaltungen und Bedürfnissen ihrer

Leserschaft inhaltlich und grafisch angepasst bzw. weiterentwickelt.

[Da] der Frageverbots-Text ja für die Verwendung im Unterricht empfohlen wird, werde ich und einige andere sicher auch noch auch beim Bundesministerium nachfragen, was damit bezweckt werden soll. Auch auf die Gefahr hin, dass wir lästig sein mögen, jemand ärgerlich wird und uns das Fragen verbieten möchte!

Von: [Berner Sennenhund]

Datum: 02. Februar 2013 17:55:25 MEZ

An: redaktion@kleinesvolk.at

Betreff: noch eine anmerkung zum jännerheft

Und bitte kommen Sie jetzt bloß nicht mit dem Argument “die Geschichte wird ja in Gruppenarbeit aufgelöst”!

In KEINER Zeile im Heft wird die kritische Seite erwähnt, mit der die Geschichte zu betrachten ist! Die Kinder bekommen die Hefte, schmökern sie durch und lesen sie selbständig schon mal durch. Dass die Lehrer dann mit den Kindern arbeiten und debattieren sollen ist ja schön und gut, aber dass

Kinder in der 3. Klasse mit dem Lesen des Heftes vielleicht nicht warten? Mein Kind hat die Geschichte gelesen, ich habe ihm danach lange erklären müssen, dass es nicht so ist, mein Sohn macht eine schwierige Zeit durch, weil er eben genau so ein Kind wie Peter ist und Schwierigkeiten in der Schule mit seinen Klassenkollegen hat und dann kommt SO eine Geschichte! Unkommentiert ausgeteilt und am Ende des Monats Jänner auch nicht im Unterricht wie vielleicht geplant bearbeitet!

Vielleicht sollte man sich überlegen, dass nicht immer alles nach Plan läuft?

Ich meine, es wird doch auch nicht eine Geschichte gedruckt, die lernschwache Kinder diskriminiert und dann so stehen gelassen und den Kindern selbst zur Auswertung überlassen!

Und hier meine Antwort:

Lieber Berner Sennenhund,
vielen Dank für Ihre Kritik an meiner Geschichte „Peter in der Schule“, über die ich mich durchaus gefreut habe. Denn Sie haben fast genau so reagiert, wie ich es mir von den Lesern und Leserinnen der Geschichte wünsche: mit Protest!
Denn die Geschichte ist natürlich geschrieben, um Widerspruch zu wecken. Und bei meinen Lesungen habe ich immer wieder festgestellt, dass sie das auch wirklich tut. Denn die Kinder merken sehr schnell, dass die Fragen, die Peter stellt, die Erwachsenen wirklich in Verlegenheit bringen. Es ist nämlich gar nicht so leicht zu beantworten, warum man Lesen und Schreiben in einer besonderen Einrichtung lernen soll, und es nicht zu Hause von den Eltern gezeigt bekommt so wie das Zähneputzen und das Popsch-Abwischen. Die Kinder merken üblicherweise gleich, dass der Hinweis, dass jetzt Schlafenszeit ist, von der Mutter nur vorgeschoben ist.
In der Schule bringt Peter wiederum die Lehrerin in Verlegenheit, die nicht erklären kann oder will, warum das A ein A ist. Vielleicht weiß sie ja, dass im Proto-Kanaanitischen Alphabet das stilisierte Bild eines Ochsen für den stimmlosen glottalen Plosiv stand und dass das aus dieser Glyphe abgeleitete Zeichen, als die Griechen es von den Phöniziern übernahmen, für den Vokal a umgedeutet wurde und wie aus dem griechischen Alpha das lateinische A entstand. Aber es ist ihr zu mühsam, diese Geschichte zu erzählen, oder sie hält sie für zu kompliziert für das Verständnis der Kinder, oder sie meint, dass die Geschichte jetzt nur ablenken würde, oder sie hält sich einfach an den Lehrplan, in dem davon nichts steht – und statt eine Antwort zu geben, weist sie Peter nur an, das A in sein Heft zu schreiben.
Und wieder bringt Peter die Lehrerin in Verlegenheit mit der Frage, wie man denn den Zungenschnalzer, mit dem er seinen Hund zu rufen pflegt, schriftlich wiedergeben kann. Leider geht das mit unserem Alphabet nicht, aber die Lehrerin macht sich nicht die Mühe zu erklären, warum.
Und der Gipfel: Peter, der genau sieht, dass zwei plus zwei vier ergibt, begnügt sich nicht damit, sondern er will wissen, warum zwei plus zwei vier ist. Hier muss ich als Autor zugeben, dass ich diese Frage auch nicht beantworten kann, obwohl ich das Gefühl habe, dass es eine sinnvolle Frage ist. Aber schon darüber nachzudenken, ob die Frage überhaupt sinnvoll ist, führt in tiefe philosophische Regionen.
Am Schluss wird noch gezeigt, dass man, wenn man Antworten auf Fragen weiter hinterfragt, sehr schnell zu einer Grenze gelangen kann, wo es keine Antworten mehr gibt oder wo man keine mehr bekommt. Warum fallen Steine zur Erde? Weil die Erde sie anzieht! Und warum zieht die Erde sie an? Wegen der Schwerkraft! Und woher kommt die Schwerkraft? Tja, an der Antwort arbeiten die Physiker noch, warten wir mal ab. Daher die Warnung: „Wenn ihr wissen wollt, warum etwas so ist, wie es ist – hört rechtzeitig zu fragen auf!“ Und das ist schon auch ernst gemeint: Wenn ihr ein sicheres Weltbild wollt – hört rechtzeitig zu fragen auf. Wenn ihr euch mit euren Fragen zu weit vorwagt, tja dann – dann werdet ihr wohl oder übel mit Unsicherheiten und Zweifeln leben müssen.
Bei einer Lesung hat mich ein Mädchen einmal gefragt: „Und wie weiß man, wann man aufhören muss zu fragen?“
„Du musst genau dann aufhören, wenn du auf die nächste Frage keine Antwort mehr bekommen würdest!“
„Und woher soll ich wissen, dass ich keine Antwort mehr bekommen werde?“
Genau: Wenn man nur ein bisschen darüber nachdenkt, dann merkt man, dass die Anweisung, rechtzeitig mit dem Fragen aufzuhören, gar nicht wirklich befolgt werden kann, weil man nicht gar nicht wissen kann, wann „rechtzeitig“ eigentlich ist.
Und nun komme ich zu dem, was glaube ich der Kern unseres Problems ist. Ich erhoffe mir von den Leserinnen und Lesern meiner Geschichten ein wenig selbständiges Denken. Ich hänge nicht eine große, rot umrandete Hinweistafel daran: „Achtung: Ironie! Ich meine es gar nicht so! In Wirklichkeit hat der Peter recht, und ihr sollt ja eh fragen!“
Die meisten Kinder spüren ganz ohne Hinweis, dass in der Geschichte der Peter recht hat und nicht die Erwachsenen, die sich nicht bemühen, seine Fragen zu beantworten. Und dass die Aufforderung des Autors, rechtzeitig mit dem Fragen aufzuhören, nicht einfach so hingenommen werden kann.
Es gibt leider immer noch viele Menschen, vor allem Eltern, aber auch Lehrer und Lehrerinnen, Bibliothekarinnen und Bibliothekare und – heutzutage schon recht selten – Rezensentinnen und Rezensenten, die meinen, in einer Geschichte für Kinder muss die „Moral“ ganz klar erkennbar sein. Aber ich fürchte, Kindern, die über die Geschichte vom Peter nicht nachdenken, und die die Aufforderung, nicht weiter zu fragen, einfach so hinnehmen, denen wird auch eine angehängte Aufmunterung „immer neugierig zu bleiben“ nichts nützen. Denn die Kinder zum Fragen ermuntern kann man nur, indem man ihre Fragen beantwortet, oder es zumindest versucht, oder ihnen hilft, die Antwort selbst zu finden – und zwar nicht irgendwann, sondern dann, wenn sie sie stellen! Leider ist unser Schulsystem mit seinen Lehrplänen und seiner Einteilung in Unterrichtsfächer und mit der Größe der Klassen und mit der Ausbildung der LehrerInnen nur beschränkt dafür geeignet. Im großen und ganzen erzieht es die Kinder immer noch weniger zum selbständigen Fragen und Forschen als dazu, sich einen vorgegeben Stoff möglichst gut zu merken – unabhängig davon, ob er einen interessiert oder nicht.
Wenn Ihr Sohn in der Klasse Probleme hat, weil er angeblich zu viel fragt, dann fragen Sie sich doch auch einmal, wie seine LehrerIn(nen) mit seinen Fragen umgehen. Wenn LehrerInnen die Fragen eines Kindes ernstnehmen und beantworten, zeigen Sie den anderen Kindern, dass dieses Fragen etwas Positives ist. Wenn die LehrerInnen aber das fragende Kind als obergscheit, lästig oder etwas in der Art behandeln, kann das von den anderen Kindern aufgegriffen werden. Es kann aber auch sein, dass das eine besonders wissbegierige Kind den anderen so oft als Vorbild hingestellt wird, dass diese sich benachteiligt und übergangen fühlen und – um ihre Selbstzweifel zu überdecken -, dieses vorbildliche Kind als Schleimer oder Ähnliches behandeln. Da würde ich einmal die Gesamtsituation betrachten und das Problem nicht ausschließlich bei den SchulkollegInnen suchen. In einer besonderen seelischen Situation kann es natürlich sein, dass man für den Humor oder die Ironie eines Textes nicht empfänglich ist, sondern alles, was irgendwie Bezug auf die Situation hat, als weitere Kränkung empfinden.
Lieber Berner Sennenhund,
mir ist schon klar, dass das Verständnis für Ironie sich nicht bei allen Kindern gleich schnell entwickelt. Aber wenn man Kinder nicht mit Ironie konfrontiert, werden sie auch kein Verständnis dafür entwickeln. Ich denke, wenn Sie die Geschichte in einer Sammlung von Satiren für Erwachsene gelesen hätten, wäre Ihnen die Ironie auch sofort aufgefallen. Im „Kleinen Volk“ haben Sie sich etwas anderes erwartet, und daher das Missverständnis. Trauen Sie den Kindern ruhig etwas mehr selbständiges Denken und Kritikfähigkeit zu.
Denn, wie schon gesagt, die meisten Leserinnen und Leser reagieren auf diese Geschichte fast so wie Sie: mit Protest. Nur eben mit fröhlichem Protest statt mit grimmigem. Aber das macht nichts: Hauptsache, wir sind uns einig.

Herzlichst
Martin Auer

 

Masken, Fratzen, Löwentatzen

Masken Stadtplan

Adolf Loos nannte das Ornament ein Verbrechen. Ganz sicher dienten die Stuckverzierungen an den Fassaden der Gründerzeit-Mietskasernen dazu, die kriminellen Wohnverhältnisse hinter diesen Fassaden zu beschönigen. Doch soll man deswegen die unbeschönigte Untat vorziehen, die die schmucklose, eintönige Wohnmaschine darstellt? Die Wohnmaschine demonstriert unverhüllt ihre Verachtung für die Individualität der darin wohnenden Menschen. Die Stuckfassade mit ihren Dämonen, Göttinnen, Engerln, Löwenhäuptern, Gorgonenfratzen, Atlanten und Karyatiden täuscht Individualität wenigstens vor. Vielleicht lässt es ja auch Rückschlüsse auf den Charakter des Bauherrn zu, ob er seine Fenster von prallbusigen Damen ohne Unterleib flankiert oder von kotzenden Teufeln gekrönt sehen wollte. Und während der an die Zinskasernen geklebte Stuck das Elend dahinter bemänteln sollte, signalisierte die Fassade der Bürgerhäuser schamlos den Klassenunterschied zwischen der Beletage und den Dienstbotenkammerln unterm Dach.

Die Zeit lässt ja vergangene Torheiten in milderen Licht erscheinen, und im Vergleich zur lieblosen Nüchternheit der Siedlungsblocks suggeriert der Kitsch von einst heute Wohnlichkeit, Behaglichkeit, Gediegenheit. Zumal ja die früheren Zimmer-Kuchl-Wohnungen und Einzelkabinette zusammengelegt worden sind, die Bassena höchstens noch als nostalgischer Blumentopf am Gang hängt und ein im Hof angebauter Lift einen bis zum ausgebauten Dachboden trägt. Zum entsprechenden Preis natürlich. Das Proletariat muss heute ohne Ornament auskommen und rächt sich durch Graffiti.

Ich jedenfalls hege Sympathie für die dämonischen Torwächter und industriell vervielfältigten Gipsköpfe und sammle ihre Konterfeis. So ist schon ein kleiner Führer durch das gipserne Pandämonium entstanden, das auf den Fassaden unserer Stadt ein geheimnisvolles Leben führt. Einmal im Jahr, in der Nacht zum 18. Juli (Das ist das Gründungsdatum des Zentralverbands der Hausbesitzer im Jahre 1888) kann man leise die Höllenhunde jaulen und die Löwenköpfe brüllen hören, und die identischen Mädchenköpfe über den Fenstersimsen flüstern im Chor den ebenfalls im Chor flirtenden Kriegerköpfen von gegenüber zu: „Gehn S‘, hörn S‘ auf, Sie Schlimmer!“

*

Der Fratzen-Stadtführer hat sein Heim auf der Plattform broadcastr. Einfach die App (gratis) für iPhone oder Android herunterladen und unter „Tours near you“ nach „Masken, Fratzen, Löwentatzen“ Ausschau halten.

“Hörensagen”, ein neuer Podcast

Die erste Folge einer neuen Podcast-Reihe ist erschienen: Hörensagen, “Protest und Kultur” Eine längere Plauderei mit Thomas Lohninger über alles, was uns grad so einfällt. In dieser Folge ist viel von meinen verschiedenen literarischen und sonstigen Projekten die Rede, von Protestkultur, Politik, Schauspielerei, na ja, von Gott und der Welt halt.

Ein Luegerdenkmal

Ein Luegerdenkmal von Robert M. Ascher (aus dem Roman “Der Schuhmeier”).
Dieses Denkmal steht nun dank broadcastr auf dem Luegerplatz rund um das aus Bronze. Anklicken und Lauschen…
Mit der broadcastr App kann man es an Ort und Stelle hören.

Zerrissen zwischen Copyright und Creative Commons

Fangen wir mit der Ökonomie an: In einer Gesellschaft, die auf dem Tausch von Waren beruht, tauschen Menschen normalerweise das Produkt ihrer Arbeit gegen ein anderes aus, das zu erzeugen gleich viel Arbeitszeit gekostet hat. Und zwar nicht, indem sie die Arbeitszeit unmittelbar messen. Es pendelt sich vielmehr mit der Zeit ein Gleichgewicht ein. Sagen wir, Waldbewohner tauschen mit Ackerbauern Fleisch gegen Mais und Palmwein. Wenn die Waldbewohner zuviel für ihr Fleisch verlangen, wird es für die Ackerbauern lohnender, selber in den Wald zu gehen und zu jagen. Wenn die Ackerbauern zuviel für ihren Palmwein und ihren Mais verlangen, wird es für die Waldbewohner auf Dauer lohnender, selber Äcker anzulegen und Palmen zu pflanzen. Das funktioniert aber nur, weil den Ackerbauern keine gebratenen Tauben in den Mund fliegen und die Waldbewohner den Palmwein nicht aus dem Bach schlürfen können. Das heißt, Fleisch, Mais, Palmwein sind knappe Güter, wie die Ökonomen sich ausdrücken. Sie müssen durch menschliche Arbeit erzeugt werden und menschliche Arbeit kann sie nur in gewissem Umfang hervorbringen.
Nun unterscheiden sich geistige Produkte menschlicher Arbeit grundsätzlich von materiellen Produkten. Sie werden nicht weniger, wenn man sie weitergibt. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Ich denke mir ein Lied aus und singe es anderen vor. Die summen mit, und nach zwei, drei Wiederholungen können sie das Lied selber singen. Die ganze Gruppe „hat“ jetzt das Lied, aber ich „habe“ es auch immer noch. Dieser Unterschied zwischen geistigen und materiellen Produkten menschlicher Tätigkeit besteht von Anfang an. Das hat zunächst weder mit Gutenberg noch mit dem Internet etwas zu tun. Wir wissen nicht, wie oft in der Menschheitsgeschichte Pfeil und Bogen erfunden worden sind. Aber wo immer diese Erfindung gemacht wurde, hat sie sich sicher mit Windeseile verbreitet. Ich muss ja nur einmal sehen, wie jemand einen Pfeil abschießt, um das Prinzip zu begreifen und den Vorteil, den dieses Jagdgerät bringt, einzusehen. Dann braucht es sicherlich noch eine Weile des Experimentierens – welches Holz nehme ich, wie befestige ich die Sehne, wie befestige ich die Pfeilspitze, wie befiedere ich den Pfeil – aber dann habe ich auch so etwas. Egal ob ich dem Erfinder die Idee „stehle“, oder ob er mir zeigt, wie es geht: Er hat sein Jagdgerät immer noch, und es funktioniert nicht schlechter, wenn ich auch eines habe. Das gilt auch für offensichtlich sehr handfeste und schwerwiegende Produkte. Eine Statue des Phidias zu kopieren kostete sicherlich viel Zeit und Schweiß, trotzdem ist das auch in der Antike schon gemacht worden und solche Kopien konnten in der ganzen antiken Welt bewundert werden. Aber sein Stil, seine Technik, seine Art, Menschen zu sehen und darzustellen, die konnten sich noch viel schneller verbreiten und andere Künstler beeinflussen.
Ideen, Wissen, Information, Meme – die Bezeichnung kann man sich aussuchen – sind also von Natur aus keine knappen Güter. Darum haben sie lange Zeit außerhalb der Sphäre des Warentauschs existiert. Die Verfertiger von geistigen Gütern mussten andere Möglichkeiten des Lebensunterhalts haben: Sie waren Priester, die vom Hof ausgehalten wurden oder deren Tempel Bauern einen Anteil ihrer Ernte abnahmen; wohlhabende Sklavenhalter; Mönche in Klöstern, die vom Zehent lebten; Adelige – oder aber sie hatten die Stellung von Dienern und Dienerinnen an den Höfen der Aristokraten.
Sicher wurde schon von frühester Zeit an immer wieder versucht, aus einem Wissensvorsprung, aus dem Monopol auf eine Information materiellen oder sozialen Gewinn zu schlagen. Vermutlich haben schon in frühester Zeit Schamaninnen und Schamanen bestimmtes Wissen geheim gehalten und nur an Auserwählte weitergegeben. Handwerkerclans haben bestimmte Techniken und Geheimrezepte gehütet und nur vom Vater auf den Sohn weitergegeben. Priester und Magier haben ihre Wissenschaft mit Geheimnis umgeben und Herrscher haben strenge Gesetze erlassen, um bestimmte Techniken nicht ans feindliche Ausland gelangen zu lassen, wie zum Beispiel die Porzellanherstellung im alten China. Eine Legende erzählt, dass Ivan der Schreckliche den Erbauer der Basilius-Kathedrale blenden ließ, damit der nicht woanders etwas ähnlich Schönes bauen sollte. Auch vom Architekten des Taj Mahal erzählt man, dass ihn sein Auftraggeber mit derselben Absicht hinrichten ließ. So manche Hausfrau will bis heute ihr Kuchenrezept erst auf dem Sterbebett verraten. Doch all diese Formen der Geheimhaltung machen Wissen noch nicht zur Handelsware.
Erst mit dem Kapitalismus wurde der Warentausch so allgemein und umfassend, dass auch geistige Produkte irgendwie zu Waren gemacht werden mussten. Zunächst war ja nur das Trägerobjekt die Ware, also das Bild auf der Leinwand, das papierene Buch, der Notendruck. Den bürgerlichen Maler-Handwerkern konnte das lange Zeit genügen, weil die Stiche, die nach einem Ölbild gefertigt wurden, das Original nur mangelhaft ersetzten. Aber dem Autor eines Buches oder dem Komponisten eines Klavierwerks konnte es passieren, dass er sein Manuskript einem gewieften Drucker billig verkaufte, der dann daraus einen Bestseller machte, während der Autor oder Komponist sein klägliches Honorar schon längst verbraucht hatte. Der Erfinder, der nicht das Kapital hatte, seine Erfindung selbst industriell zu verwerten, verlor jede Möglichkeit, von seiner Erfindung zu profitieren, sobald er sie einmal veröffentlicht oder an einen kapitalkräftigen Industriellen verkauft hatte.
Das Urheberrecht ermöglicht es erst, das geistige Produkt selber als Ware zu behandeln. Indem es jedem das Kopieren verbietet, der nicht das Recht dazu erworben hat, macht es auch aus dem immateriellen Produkt gegen seine eigentliche Natur ein knappes Gut. Erst jetzt kann das geistige Produkt gehandelt werden, nicht nur das Trägerobjekt.
Das Urheberrecht ist also eine Perversion. Es versucht das einzuschränken, was seit Urzeiten die Grundlage jeder menschlichen Kultur war: die ungehinderte Verbreitung von Memen.
Unter kapitalistischen Verhältnissen ist es aber gleichzeitig die Form, die es ermöglicht, dass Menschen sich berufsmäßig – das heißt mehr oder weniger ausschließlich – und unabhängig der Produktion von Memen widmen können. Ohne das Urheberrecht könnte es nur Hobbyautoren und Freizeiterfinderinnen geben, es sei denn, Unternehmen oder der Staat würden Mem-Produzenten besolden. Die wären aber dann nicht unabhängig.
Das Urheberrecht nützt aber noch in viel stärkerem Maß den Produzenten und Händlern der Trägerobjekte bzw. den Verwertern der Erfindungen. Denn die können nun ein Monopol auf das geistige Produkt erwerben. Früher musste der Buchdrucker, auch, nein, gerade wenn er einen potentiellen Bestseller hatte, sehen, dass er seinen Schnitt machte, bevor die Nachdrucke herauskamen.Vor solcher Konkurrenz ist der Produzent und Vermarkter der Trägerobjekte nun geschützt.
Der Schutz für die AutorInnnen ist gering. Denn das Urheberrecht gibt mir nur die Möglichkeit, mein Produkt auf dem freien Markt anzupreisen. Es gibt mir kein Existenzrecht, es garantiert mir kein Mindesteinkommen, ja nicht einmal einen Mindestanteil am Erlös. Denn auf dem freien Markt muss ich mich gegen die Konkurrenz anderer AutorInnen durchsetzen. Viele AutorInnen drängen auf den Markt. Irgendwo habe ich gelesen, dass nur 10% aller Bücher, die geschrieben werden, auch gedruckt werden. Vielleicht sind es auch nur 10% der Bücher, die Verlagen angeboten werden. Es sind also nicht die Verlage, die um vermarktbare Bücher konkurrieren, sondern es sind die AutorInnen, die um ein Plätzchen im Prospekt des Verlags raufen. Und so ist der Anteil der AutorInnen am Erlös der Bücher immer weiter gesunken.
„…und vergiß nicht, mit deinem Verleger 15% abzumachen“ schrieb Kurt Tucholsky 1929. Als ich 1986 mein erstes Buch veröffentlichte, waren es nur mehr 10%. Heute bieten die Verlage 9% oder sogar nur mehr 8%, mit dem unrealistischen Versprechen, nach dem soundsovielten Tausend würden es dann 10% sein und nach dem 20. Tausend sogar 12%. Doch die Auflagen werden immer kleiner und die Lebensdauer der Bücher immer kürzer. Der Anteil der Buchhonorare an meinem Einkommen wird – trotz 45 publizierten Titeln – immer geringer. Den Hauptteil machen Lesungshonorare aus.
Ich persönlich verhalte mich teils wie ein professioneller Autor, teils wie ein Hobbyautor. Das heißt, ich verdiene zwar meinen Lebensunterhalt mit Büchern und Lesungen, doch ich publiziere auch auf Weisen, die mir nichts einbringen, rein um des Publizierens willen. Meine Homepage ist weit mehr als nur eine Visitenkarte und ein Schaufenster für meine verkaufbaren Produkte. Hier gibt es viele eigenständige Werke, die nur für diese Publikationsart geschaffen worden sind. Meine iPhone-App „City Blues“ ist gratis. Mein Podcast „Nachttaxi“ hat eine größere Reichweite als viele meiner Bücher. Als Werbemedium für kaufbare Produkte taugt er aber wenig. Die Menschen konsumieren das, hinterlassen gelegentlich einen freundlichen Kommentar, sind aber kaum motiviert, andere meiner Produktionen käuflich zu erwerben. Ich vermute, dass die Gruppe der Käufer meiner Bücher und die der Konsumenten meiner Internetproduktionen sich nur wenig überschneiden. Produktionen, denen ich eine politische Bedeutung beimesse, stelle ich mit einer Creative Commons Lizenz der Allgemeinheit zur Verfügung, so meine Sammlung von Geschichten für die Friedenserziehung (http://www.peaceculture.net), meine Arbeit über Geschichte und Kultur der Roma und Sinti (http://roma-und-sinti.kwikk.info) oder meine Arbeit „Wie kommt der Krieg in die Welt?“. Über die Wirkung kann man nur Vermutungen anstellen: Die Geschichten zur Friedenserziehung sind im Druck in 5 verschiedenen Sprachen erschienen, im Internet gibt es bereits Übersetzungen in 31 Sprachen.
Dennoch beruht mein Ansehen als Autor im Wesentlichen darauf, dass ich Bücher verkaufe, dass meine Werke also von Verlagen für verwertbar angesehen werden. Aber nicht nur mein Ansehen in der Öffentlichkeit, sondern auch z.B. mein Anspruch auf Künstlersozialversicherung beruht darauf, dass ich verkaufbare Produkte vorzuweisen habe. Würde ich nur im Internet publizieren, also gratis, könnte ich nicht als Autor gelten, würde ich nicht zu Lesungen engagiert und so weiter.
Wie stehe ich also nun zum Urheberrecht? Ich denke, man darf die Frage des Urheberrechts nicht losgelöst von den gesamtgesellschaftlichen Verhältnissen betrachten. Wenn alles andere so bleibt, wie es ist, bin ich als Autor darauf angewiesen, dass mein geistiges Produkt als Handelsware fungieren kann und als solche vor Diebstahl geschützt wird. Ich bin z.B. darauf angewiesen, dass die Verwertungsgesellschaften darauf achten, dass der Abdruck meiner Werke in Lesebüchern auch honoriert wird, dass die Wiedergabe in Rundfunk und Fernsehen honoriert wird. Diese Einkünfte bessern mein Einkommen nicht unwesentlich auf, ich könnte darauf nicht gut verzichten. Ich brauche als Urheber vor allem Schutz davor, nicht von der Contentindustrie beraubt zu werden. Es war nicht unbedeutend, dass irgendwann in den 80er oder 90er Jahren, ich weiß es nicht mehr genau, die österreichischen Schulbuchverlage gezwungen wurden, Tantiemen zu zahlen. Die waren nämlich bis dahin von dieser Verpflichtung befreit.
Ich wünsche mir also ein Urheberrecht, das wirklich die Urheber schützt, und nicht eines, das in erster Linie die Verwertungsindustrie schützt, die den Urhebern ihr Recht abkauft. Die Auflagen der Bücher sinken ja nicht, weil so viele Raubkopien im Umlauf wären, sondern weil die Verlage die Kapital- und Lagerkosten scheuen für größere Auflagen, die sich nur langsam abverkaufen.
Man sollte vor allem unterscheiden zwischen einem Urheberrecht, das die wirklichen Urheber und Urheberinnen geistiger Produkte schützt, und einem Besitzrecht an geistigem Eigentum, das diejenigen betrifft, die diese Rechte von den Urhebern erwerben. Wenn die Interessen der Zweit- oder Drittbesitzer von Rechten an geistigem Eigentum betroffen sind – z.B. durch illegales Kopieren und Verbreiten im Internet, dann sollte nicht vom Urheberrecht die Rede sein, sondern vom Besitzrecht am geistigen Produkt anderer. So hätte die Gesellschaft die Möglichkeit zu differenzieren, wessen Rechte sie schützen will.
Wie aber können geistige Produkte überhaupt aus den Fesseln des Eigentums befreit, von ihrem Warencharakter erlöst werden? Sicherlich nur durch grundlegende Veränderungen in der Strukur der ganzen Gesellschaft.
Es gibt natürlich heute in Europa – anders als in den USA – bestimmte Formen der Umverteilung, die die Abhängigkeit der KünstlerInnen vom freien Markt ein wenig mildern: staatliche Subventionen, Preise, die Künstlersozialversicherung. Doch die führen wiederum in neue Abhängigkeiten.
Ein bedingungsloses Grundeinkommen dagegen würde wie auf vielen anderen Gebieten auch hier einen großen Wandel bedeuten. Es würde viel mehr Menschen ermöglichen, frei und unabhängig geistige Produkte herzustellen und der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, egal ob Gedichte oder Software, Tanzvideos oder Kochrezepte.
Die Verteidiger des Besitzrechtes an geistigen Produkten argumentieren ungefähr so: Aus einem großartigen Drehbuch einen großartigen Film zu machen ist schrecklich teuer. Niemand würde in die Realisierung eines solchen Produkts investieren, wenn seine Investition nicht geschützt wäre. Wenn alle sich aber den Film kopieren anstatt das Video zu kaufen, kann der Film seine Kosten nie einspielen, also werden keine großartigen Filme mehr produziert werden, wenn das Kopieren nicht unterbunden wird.
Aber vielleicht gibt es ja auch noch andere Finanzierungsmodelle. http://www.respekt.net ist eine Plattform, die dazu dient, zivilgesellschaftliche Projekte durch Crowd-Funding zu finanzieren. Vielleicht könnte man auch einen großartigen Film durch Crowd-Funding finanzieren? Den dann aber auch alle gratis herunterladen dürfen. Vielleicht mit der kleinen Einschränkung, dass die Spender und SpenderInnen einen Tag früher den Link erhalten. Ein Unterschied muss schließlich sein.

Stop ACTA

Stop ACTA & TPP: Tell your country’s officials: NEVER use secretive trade agreements to meddle with the Internet. Our freedoms depend on it!

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Lampedusa

Hast du die Decke mitgenommen, mein Sohn,
die Decke aus roter Wolle?
Ich hab sie für dich gewebt, mein Sohn,
dort im Norden sind kalte Nächte.

Ja, Mutter, ich habe die Decke mit,
die Decke aus roter Wolle.
Wenn sie mich einhüllt, denk ich an dich
und wie du mich immer gewärmt hast.

Und hast du die Dollars mit, mein Sohn,
die Dollars in kleinen Scheinen?
Ich hab sie für dich verdient, mein Sohn,
mit Putzen und Waschen für Fremde.

Ja Mutter, ich habe die Dollars noch,
die Dollars in kleinen Scheinen.
Ich hab sie ins Jackenfutter genäht,
direkt über meinem Herzen.

Und hast du ein Heim gefunden, mein Sohn,
ein Haus, einen sicheren Hafen?
Hast du einen Platz, wo du bleiben kannst
ohne Furcht vor Hunger und Feinden?

Ja Mutter, ich habe ein Heim gefunden,
hier werd ich für immer bleiben.
Auf dem Grund des Meeres da liegt es sich ruhig
ohne Furcht vor Hunger und Feinden.

Was bisher geschah…

Meine Biographie wird gebraucht für ein Jubiläumsbändchen.
Ist es schon so weit? Zeit für den Rückblick? Anscheinend ist es so weit.
Was gibt es zu sagen im Rückblick? Herzlich wenig eigentlich, oder auch unendlich viel. Aber was ist berichtenswert?
Je älter ich werde, um so klarer spüre ich, wie sehr die Geschichte und die Persönlichkeiten meiner Eltern meinen Charakter, mein Denken und meine Ideale geprägt haben. Mein Vater musste mit 16 Jahren Österreich verlassen. Seine Eltern hatten ihn mit einem Kindertransport nach England geschickt, um ihn vor den Nazis zu retten. Vier Jahre später mussten sie in einem Wald in der Ukraine einen Graben schaufeln helfen, sich bis auf die Unterwäsche ausziehen, hinknien und erschießen lassen. Wie und wo es genau war, habe ich erst spät im Leben erfahren. Die letzten Briefe meiner Großeltern an meinen Vater besitze ich. Ich habe sie bis heute nicht gelesen. Mein Vater ist aus der Emigration zurückgekehrt. Er fühlte sich verpflichtet dafür zu wirken, dass es Krieg und Faschismus nie mehr geben sollten. Das Mittel dazu konnte nur der Kampf für den Sozialismus sein, die Kampfgenossen nur die Kommunisten. An diesem Weg hielt er fest bis zur Niederschlagung des Prager Frühlings.
Meine Mutter stammte aus einer traditionsreichen Wiener Arbeiterfamilie. Ihre Geschichte ist nachzulesen in dem Buch Küss die Hand, gute Nacht, die liebe Mutter soll gut schlafen. Ihr Großvater hatte die erste gewerkschaftliche Organisation der Metalldrücker in Österreich gegründet. Als sie drei war, starb ihr Vater an den Folgen einer Weltkriegsverletzung, als sie zehn war, die Mutter an den Folgen einer illegalen Abtreibung. Zwei Jahre verbrachte meine Mutter in einem von einer Nazisse geleiteten evangelischen Waisenhaus, erlebte den Einmarsch, wurde vors Hotel Imperial geführt um dort: „Wir wollen unsern Führer sehn!“ zu rufen. Zwei unverheiratete Tanten haben sie aus dem Waisenhaus geholt, Straßenbahnschaffnerinnen, Kommunistinnen seit 1934 und bis ans Ende ihrer Tage.
So bin ich aufgewachsen in dem Bewusstsein, dass die Welt so, wie sie ist, nicht gut ist, und so, wie sie ist, nicht bleiben darf.
Beim Oktoberstreik 1950 war ich schon mit auf den Barrikaden, erzählte mir meine Mutter. Am 14. Jänner 1951 wurde ich geboren. Mit 8 Jahren begann ich aktiv für den Sozialismus zu kämpfen, als Mitglied der Jungen Garde, der Pionierorganisation der KPÖ. „Junge-Garde-Pioniere, immer froh und hilfsbereit, Junge-Garde-Pioniere, Kämpfer einer neuen Zeit“, sangen wir. Dass ich mit 9 Jahren an einem Ferienlager dieser Organisation teilnahm, wurde bei der Staatspolizei aktenkundig. Jede Woche war Heimabend, es gab Kreisspiele und Kampflieder und Weihnachtsbasteleien und Geschichten vom Genossen Lenin. Am 1. Mai marschierten wir mit Blauhemd und rot-weiß-rotem Halstuch angetan hinter der Eisenbahnerblaskapelle. Mit 14 trat ich dem Forum der Mittelschüler bei. Jede Woche gab es einen Vortrag mit Diskussion, die Vortragenden wurden von der Schulungsabteilung der KPÖ gestellt. Dazu gemeinsame Kinobesuche, erste Zigaretten, Schilager, erste Pettingversuche. Die Mitglieder waren fast ausschließlich Kinder von KPÖ-Mitgliedern, der Stil abgehoben und intellektualistisch. Als ich mit meiner Freundin den Vorsitz übernahm – sie war die Präsidentin, ich der Vize – wollten wir nicht nur Vorträge anhören, sondern „aktiv Schulpolitik“ betreiben. Es war die erste große – noch keusche – Liebe, und sie lehrte mich, wie tief eine Beziehung sein kann, die auf gemeinsamen Zielen beruht. Wir beteiligten uns am großen Schulstreik gegen das Schulunterrichtsgesetz von Piffl-Perčević und streuten auf den Schulgängen Flugblätter, die zur Demonstration gegen den Besuch des Schah von Persien in Wien aufriefen. Wegen der Flugblätter, die zum Schulstreik aufriefen, zeigte mich mein Direktor bei der Pressepolizei an. Ich wurde eine Stunde lang verhört von zwei Polizisten, die mit einem Siebzehnjährigen „guter Bulle, böser Bulle“ spielten. Ich blieb standhaft und weigerte mich zu gestehen. Mein letztes Schuljahr verbrachte ich an der Stubenbastei, wo der gute Direktor Nowotny alle aufnahm, die wegen rebellischen Verhaltens woanders geflogen waren. Wir beteiligten uns an den Ostermärschen gegen Atomwaffen. Die vermittelten uns ein ganz anderes Feeling als die Maiaufmärsche. Gitarren und Tamburine und „We shall overcome“ statt „Wir sind die Arbeiter von Wien“ und Blasmusik. Es war die Zeit der Musik von Bob Dylan und Joan Baez, Pete Seeger und Donovan. Als ich sechzehn war, trampte ich in den Ferien nach Hamburg und Amsterdam, mit siebzehn nach Schottland und England. Beim Cambridge Folk Festival hörte ich Pentangle und Odetta. In einem Klub in London sang jemand Suzanne von Leonard Cohen. Ich schrieb einen kurzen Text über einen „Gammler“, den ich am Strand von Oostende getroffen hatte. Er wurde in der Literaturbeilage der Volksstimme veröffentlicht. Nach der Matura trampte ich Richtung Spanien, kam aber nur bis Nizza, verdiente meine Reise als Straßenmusiker mit der Gitarre. Ich verliebte mich in die schöne Vietnamesin Françoise, die in einen in der Ferne weilenden Ernest oder Emile verliebt war. Der Franzose Noël verliebte sich in mich, und so zogen wir zu dritt durch Nizza, alle drei unglücklich verliebt und doch glücklich verbunden. Als ich zurückkam, mit einem Schilling in der Tasche, musste ich zum Bundesheer einrücken. Doch der gute Professor Strotzka hatte mir ein Attest geschrieben, dass ich leider homosexuell sei, und so durfte ich nach drei Tagen wieder nach Hause. In der Aufregung ließ ich meine Gitarre unter dem Eisenbett in Kaisersteinbruch liegen.
Nun sollte ich studieren. Ich hatte Germanistik und Geschichte inskribiert, wollte Deutsch und Geschichte am Gymnasium unterrichten und es besser machen als meine verhassten Lehrer. Doch die Universität war eine Enttäuschung. Nicht das Reich des Geistes herrschte dort, sondern dieselbe Langeweile wie am Gymnasium. Da spielte ich lieber Theater bei Conny Hannes Meyers Komödianten am Börseplatz. Wir setzten Texte von Erich Fried, von Brecht und von Heine in Szene. Ein paar Monate besuchte ich auch eine Schauspielschule. Ich lernte ein Mädchen kennen, sie wurde schwanger, wir heirateten. Die Beziehung hielt nicht, auf ein Jahr des Glücks folgte ein Jahr der Verzweiflung, schließlich die Trennung. Ich war ein Sonntagspapa.
Conny Hannes Meyer bekam die Kainz-Medaille und in Folge das Theater im Künstlerhaus und regelmäßige Subventionen. Aus dem Theaterrebellen wurde ein Intendant und aus dem Kollektiv eine Belegschaft. Der Intendant hätte am liebsten das Stammensemble zum Kollektivvertragslohn engagiert, um genug Reserven für den Einkauf von Stars zu haben. Wir brauchten einen Betriebsrat und dessen Mitglied und zeitweiliger Vorsitzender war ich. Wir setzten ein gleichmacherisches Gehaltsschema durch, bei dem die höchste Schauspielergage 11.000 Schilling und die niedrigste 10.000 Schilling betrug. Unsere Putzfrauen bekamen 6.000 Schilling im Monat. Nur der Direktor Conny bekam 20.000, dagegen war nichts zu machen. Da ich auch Dramaturg war, hatte ich die Programmhefte zu gestalten. Zu Horvaths Bergbahn setzte ich – um die Aktualität des Stücks zu unterstreichen – einen Artikel über die miserablen Arbeitsbedingungen beim Kamerahersteller Eumig ins Programmheft. Den hatte ich einer „Betriebszeitung“ entnommen, die der Kommunistische Bund vor diesem Betrieb verteilte. Die Firma verklagte mich und ich wurde wegen Ehrenbeleidigung verurteilt.
Als Betriebsrat musste ich immer wieder auf Konfrontationskurs zum Direktor gehen. Nun wiederholte sich mehrmals die Farce, dass ich im Februar, wenn am Theater die Verträge auslaufen, von Conny einen Kündigungsbrief bekam, worauf ihm postwendend der Betriebsrat mitteilte, dass ich als Mitglied des Betriebsrats unkündbar und die Kündigung folglich nichtig sei. Eine künstlerische Zusammenarbeit war natürlich nur mehr mit anderen Regisseuren möglich. Meine schönste Rolle war der Dorftrottel in Büchners Woyzeck in der Regie von Helmut Wiesner, mit Dieter Hofinger als Woyzeck.
Im Sommer 1976 wurde die Arena besetzt. Unglaubliches geschah in diesem alten Schlachthof, der einer kleinen Stadt glich: Ein Frauenhaus entstand neben einem Rockerclub, Wienerliednachmittage mit Kaffee und Gugelhupf wechselten mit Rockkonzerten ab, ganz Wien und vor allem Simmering war am Wochenende da und genoss Gratiskultur. Alles war so aufregend, dass ich irgend eine Formalität zu erledigen vergaß und nicht mehr für den Betriebsrat kandidieren konnte. Wieder wurde ich gekündigt. Das Ensemble bot mir an, für mich in Streik zu treten. Ich bedankte mich, aber lehnte ab, denn ich konnte künstlerisch dort sowieso nichts mehr machen.
Nun war ich freier Musiker und Liedermacher. Mit zwei Kollegen vom Theater gründete ich die Gruppe Dreschflegel. Wir spielten das, was man später neue Volksmusik nannte. In der Hauptsache wurde mein Leben von der Arbeit im Kommunistischen Bund bestimmt. Dem gehörte ich nicht direkt an, sondern bloß einer seiner „Massenorganisationen“, dem Verband kommunistischer Intellektueller. Ich schrieb Kampflieder und Agitpropszenen. Ein paar Auftritte hatte ich im Fernsehen in der Jugendsendung Ohne Maulkorb, doch ich vermasselte mir das, weil ich den Fakt ignorierte, dass man auch super Gitarre spielen können muss, wenn man als Liedermacher Erfolg haben will. Ich hatte mich nur auf die Texte konzentriert.
Der Kommunistische Bund bestimmte das Leben seiner Mitglieder wie eine religiöse Sekte. Wir wollten eine revolutionäre proletarische Partei aufbauen, doch die meisten von uns waren Studenten. Einige hatten ihr Studium abgebrochen um „in die Betriebe zu gehen“. Wir waren fasziniert von der Legende der „Großen proletarischen Kulturrevolution“ im fernen China, der angeblichen Erneuerung und Verjüngung des verstaubten, bürokratischen Polizeistaat-Kommunismus, den wir in den Nachbarländern aus etwas geringerer Entfernung und darum realistischer sehen konnten. Wir scherten uns einen Dreck darum nachzuprüfen, was in China wirklich geschehen war. Wir sammelten Geld für die Unabhängigkeitsbewegung von Zimbabwe und spendierten Mugabe zwei Landrover. Dass der ein trauriger Diktator werden würde, war nicht vorauszusehen. Wir sammelten aber auch Geld für die Roten Khmer des Pol Pot und taten alles, was über ihr blutiges Regime bekannt wurde, als Gräuelpropaganda ab. Bei einer Anti-Apartheid-Demonstration – US-Vizepräsident Mondale und Südafrikas Ministerpräsident Vorster trafen sich in Wien – wurde ich festgenommen. Ich wurde vor Gericht gestellt, weil ich zwei Polizisten „eingekreist und durch Schläge und Tritte verletzt“ hätte. Die zwei Polizisten hatten ihre Aussage schlecht auswendig gelernt und ich wurde freigesprochen. Zu den vernünftigsten Dingen, die wir taten, gehörte die Rettung des alten Wacker-Platzes in Meidling vor der Verbauung und die Unterstützung der Anti-Atomkraftwerk-Bewegung. Auch ich unterstütze diese Bewegung mit Liedern, sang auf Demos und Kundgebungen.
Nach Maos Tod und der Machtübernahme durch die Wirtschaftspragmatiker um Deng Xiaoping waren die Legenden nicht mehr aufrecht zu erhalten. Unsere Gruppe zerfiel. Es gab lächerliche Spaltungskämpfe, man sperrte sich gegenseitig aus dem Parteilokal aus, versuchte die Macht über die Druckerei zu übernehmen, es gab Agenten und Agentinnen, die die feindliche Fraktion ausspionierten, es gab Verrat und Verzweiflung. Im Grunde kämpften wir um unsere Illusionen, um eine Hoffnung, in die manche fünf, manche zehn Jahre ihres Lebens investiert hatten – und gegen die drohende Einsamkeit. Wer würden wir sein ohne „die Organisation“?
Ein Hoffnungsschimmer für einige von uns war die Bewegung der Solidarność in Polen. Hier waren nun wirklich die Arbeiter aufgestanden, hatten sich mit Philosophen und Künstlern – nun ja, auch mit der Kirche – verbündet. Vielleicht würde hier doch etwas Neues entstehen, eine wahre demokratische Volksherrschaft. Ein Jahr lang oder zwei gab uns das Komitee Solidarität mit Solidarność einen Lebensinhalt. Mit der in der Heimat als Musicalstar bekannten Teresa Haremza sang ich im Konzerthaus Verbotene Lieder aus Polen. Einmal hielt ich auf dem Stephansplatz in Wien eine Rede vor 7000 Menschen. Wir fuhren mit dem Auto nach Polen, erlebten die Euphorie der Menschen, nahmen großformatige Fotos von besetzten Fabriken und brennenden Parteilokalen mit, um sie hier auszustellen. An der Grenze zu Österreich nahmen uns die tschechischen Zöllner die Fotos ab. Wir verlangten eine Quittung, sie gaben uns keine, wir weigerten uns ohne Quittung die Grenzstation zu verlassen, erzählten allen Durchreisenden von der Ungerechtigkeit, die uns widerfuhr. Schließlich wurden wir von Soldaten abgeführt und in ein Kammerl gesperrt, bewacht von einem Soldaten mit geladenem Gewehr. In der Früh gaben wir auf und fuhren ohne Fotos und ohne Quittung heim.
Vor einigen Jahren hat mir im Vienna International Center ein kleiner, dicker Mann mit rotem Gesicht und Schnurrbart die Hand geschüttelt und eine Erinnerungsmedaille überreicht und vorher eine Rede gehalten, in der viel von Gott und Tradition die Rede war.
Eine Beziehung, die drei Jahre gedauert hatte, mündete in eine Hochzeit und endete in der Hochzeitsnacht. Die Braut war zu dem Schluss gekommen, dass sie doch den Trauzeugen bevorzugte. Die Organisation weg, die Frau weg, der beste Freund weg – es folgten drei einsame Jahre.
Ich arbeitete halbtags bei der Österreichischen Fremdenverkehrswerbung in der Presseabteilung. Ich schrieb den wöchentlichen Pressedienst: über Sommerrodelbahnen und Skilifte, Hallenbäder und Weitwanderwege. Mittwoch zu Mittag war Redaktionsschluss. Ich fetzte das Zeug manchmal erst Mittwoch Vormittag hin, den Rest der Zeit trank ich Kaffee, las Zeitungen, bohrte in der Nase und schrieb gelegentlich ein Gedicht oder feilte an einer Kurzgeschichte herum. Nachmittags hatte ich frei. Ich erfüllte mir einen Kindheitswunsch: Ich lernte zaubern. Ich trat auch einem Magierklub bei.
Mit meiner Tochter machte ich eine wunderbare Ferienwanderung durch Kärnten. Sie war neun Jahre alt und ich konnte mir ihr reden – und mit ihr schweigen. Etwas von unseren alljährlichen Ferienabenteuern ist zu spüren in Der Sommer des Zauberers.
Meine zweite Ex-Frau rief mich an und wir trafen uns im Club M in der Schleifmühlgasse. Von dort war es nicht weit ins KuKu und plötzlich fand ich mich in einer Szene von Folkmusikern und Liedermachern wieder. Ich gründete wieder eine Band, die Regenpfeifer. Sängerin und Bandgründer waren bald ein Paar. und blieben es mit Unterbrechungen 14 Jahre lang. Wir verbrachten die Ferien miteinander und ich schrieb ein Kinderbuch. Und weil ich schon dabei war, gleich ein zweites. Als wir zurückkamen, rief ich eine alte Bekannte von mir an – die Mutter einer Exfreundin – und fragte sie um Rat. Sie hieß Christine Nöstlinger. Sie erlaubte mir, ihr die Manuskripte zu schicken und reichte das eine, das ihr gefiel, an zwei Verleger weiter. In diesem Jahr besetzten wir die Hainburger Au und brieten Würstel und sangen in den eisigen Dezembernächten und spielten wieder einmal Fangen mit der Polizei.
Eines Tages läutete bei mir das Telefon. Herr Jochen Gelberg war am Apparat. Er fragte, ob er mich am nächsten Tag besuchen könnte, er wolle gern mein Buch herausbringen. Zuvor hatte sich zwar schon ein kleinerer österreichischer Verlag bereit erklärt, mein Buch zu veröffentlichen, aber da ich noch keinen Vertrag unterschrieben hatte, ging ich mit leichten Gewissensbissen zur Konkurrenz über.
Nun war ich Schriftsteller, aber ich war es doch noch nicht. Ich musste eineinhalb Jahre warten, bis das Buch herauskam. Und bis dahin konnte ich nichts Neues schreiben. Meine Freundin holte mich in Minirock und einem räudigen Hasenfelljäckchen, das sie auf dem Flohmarkt gefunden hatte, vom Büro ab und überredete mich, die Presseabteilung aufzugeben, das sei doch nichts für mich. Wir hatten ein paar Auftritte mit der Band, aber nicht genug um davon zu leben, und mussten bei „Ritterfesten“ auf dem Leopoldsberg Betriebsausflügler unterhalten. Eine uns befreundete Band waren die „Spielleute“, sie war die „Zigeunerin“ und ich der Hofnarr. Ich machte Kartentricks und Witze und trank viel Rotwein, um das Ganze auszuhalten. Dann führte ich das ganze Ensemble in meinem Kleinbus zurück nach Wien.
Was niemand wissen kann erschien und wurde freundlich aufgenommen und halbwegs verkauft. Es war kein großer Hit, aber Jochen Gelberg nahm mir das nicht übel und brachte noch mehr Bücher von mir heraus. Eine Zeitlang glaubte er wohl, ich könnte ein Star wie Christine Nöstlinger oder Erwin Moser werden, aber da habe ich ihn enttäuscht. Gelegentlich machte er mir Vorschläge, doch über dieses oder jenes Thema zu schreiben. Für eine Anregung bin ich ihm besonders dankbar: den Vorschlag, die Lebensgeschichte Jean-Henri Fabres zu schreiben: Ich aber erforsche das Leben. Einige Bücher wurden in andere Sprachen übersetzt, einige wurden mit Preisen ausgezeichnet. Von diesen sind auch welche im Gabriel Verlag erschienen, den Ingrid Weixelbaumer leitete. Ich wurde zu Lesungen eingeladen, verbrachte viel Zeit in Eisenbahnzügen und Hotelzimmern, in Schulbibliotheken, Musikzimmern und Turnsälen. Als Autor lebt man vom Tingeln, nicht von den Buchhonoraren, wenn man überhaupt davon leben kann. Die paar Ausnahmen sind bekannt. Einmal leisteten wir uns eine große Reise, nach Tonga im Südpazifik. Ich mietete ein uraltes Bauernhaus in der Steiermark und wir richteten es gemeinsam her. Zehn Jahre später hat der Besitzer es für sich beansprucht und das denkmalschutzwürdige Haus umgebaut. So dringend brauchte ich es auch nicht mehr, denn auch die Partnerin, mit der ich es geteilt hatte, war mir abhanden gekommen.
Das Internet als Publikationsmöglichkeit faszinierte mich von Anfang an. Hier gibt es zwar kein Geld zu verdienen, doch ein Publikum zu finden. Ich publizierte lyrikmaschine, als das WWW noch in den Kinderschuhen steckte. Seit einem Jahrzehnt gibt es www.martinauer.net.
Manchmal fragen mich von ihren Deutschlehrern schlecht beratene Jugendliche, was ich denn mit meinen Büchern sagen will. Meine Antwort darauf ist dann: „Wenn ich euch das sagen soll, muss ich euch alle meine Bücher vorlesen.“ Freilich gibt es doch so etwas wie einen gemeinsamen Nenner. Ich will da aber lieber den Verleger sprechen lassen: „Er ist, vermute ich mal, ein Moralist“, sagte Jochen Gelberg in einer Festrede und: „Dabei ist unter seinen Abenteuern im Kopf auch dieses eine, allergrößte Abenteuer: Wie verändern wir die Welt, damit sie bewohnbar bleibt?“ Und damit hat er’s wohl getroffen. Die Frage ist immer dieselbe geblieben, auch wenn die Antworten, dich ich zu geben versuche, sich geändert haben. O ja, ich versuche, Antworten zu geben. Zu viele begnügen sich mit Denkanstößen. Gelegentlich muss auch einmal jemand denken. Und ja, es ist ein Abenteuer. Kein Kampf mit Drachen, Seeräubern und bösen Magiern kann so aufregend sein wie das Abenteuer, die wirkliche Welt zu verstehen und – vielleicht – zu ihrer Verbesserung beizutragen. Vielleicht mein wichtigstes Projekt: Eine Sammlung von Geschichten über Frieden und Krieg, zu finden auf www.peaceculture.net in mehr als 20 Sprachen.
Dass jedes Ende auch ein Anfang ist, diese tröstliche Wahrheit glaubt man ja immer erst, wenn man schon getröstet ist. Eine neue Beziehung folgte, eine, die auch gemeinsame Bücher hervorbrachte. Doch auch die war nicht von Dauer.
Eine Reise nach Kenia begann als Lesetournee und mündete in ein Internetprojekt mit Jugendlichen aus den Slums und in den Roman Stadt der Fremden.
Meine Tochter heiratete. In einer Kirche. Ihr zweiter Vater und ich führten sie gemeinsam zum Altar. Bald war ich Großvater.
Für ein halbes Jahr, nicht einmal, machte ich eine Reise zwei Häuserblocks weiter und in eine Welt, die ebenso fremd war wie die, die ich in Afrika kennengelernt hatte. Das Buch Hurentaxi gibt darüber Auskunft.
So habe ich mich schon als einsamer alter Wolf gesehen, der die Welt durchstreift und Berichte aus der Welt der Benachteiligten an die Satten und Privilegierten schickt. Doch es ist anders gekommen. Das größte Abenteuer hat gerade erst begonnen, jetzt, wo schon die Zeit angebrochen ist, da man Rückblicke von mir verlangt. Das Abenteuer heißt Familie. Familie mit allem, was dazugehört: Frühstück machen und Windeln wechseln und Wochenendausflug und Hustensaft und Vorlesen und Vorhänge aussuchen und Haare waschen und Sonntag Vormittag zu dritt unter der Decke kuscheln und Legosteine im Bett finden. Es ist ein Abenteuer. Leicht wird es nicht immer sein und der Ausgang ist ungewiss. Den nächsten Rückblick erst in zwanzig Jahren, bitte! Dann werden wir weiter sehen.

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Die Vorstellung ist gewöhnungsbedürftig. Aber: Die Vorlesegeschichten immer mit dabei haben – beim Ausflug, im Urlaub, im Wartezimmer der Frau Doktor… So abwegig ist das vielleicht gar nicht. Auf iPad & Co kann man sogar Bilderbücher zeigen.
In meinem Bauchladen gibt es jetzt auch Kinderbücher als eBook.

Schlagzeile

Diese Schlagzeile würde ich gerne auf der ersten Seite einer großen Tageszeitung sehen:
“Für Karlheinz Grasser gilt die Unschuldsvermutung”.
Einen Artikel braucht’s dann gar nicht mehr.