Über den didaktischen Umgang mit Gedichten – Teil 2

Nun ist auch schon – prompt und flugs – die Antwort der Herausgeber des Praxisbuches gekommen. Hier also mein kleines Scherzgedichtlein mit den vorgeschlagenen Änderungen.

Knapp daneben

Ich bin der Ritter Hildebrand,
mein treues Schwert lehnt an der Mauer.

In bittrer Kälte, finster Nacht,
halt ich auf dieser Burg die Aufsicht.

Wagt sich ein wilder Feind hervor?
Klopft da ein böser Geist an die Tür?

Wer immer kommt, ich bin bereit
zum harten Kampf, zum edlen Gemetzel.

Ich bin fürwahr ein stolzer Ritter,
und wer mich angreift, büßt neckt, bereut es sauer!

Doch Kampf ist nicht mein einz’ges Streben,
der Dichtkunst widme ich mein Dasein.

Ich gieße fasse, was ich nachts erträume,
in schöne Worte, edle Verse,

und will darüber jemand lachen,
den werd ich grausam niederstrecken!

Und hier meine Antwort an die Herausgeber:

„Necken“ bedeutet also dasselbe wie „angreifen“? Wie werden wir da in Zukunft Angriffskriege bezeichnen? Als „Neck-Kriege“?

„Bereuen“ bedeutet dasselbe wie „büßen“? Wieviele Ketzer mussten für ihre Ansichten büßen, haben aber nicht bereut?

„In Verse fassen“ bedeutet dasselbe wie „In Verse gießen“? Ein Stein wird in Gold gefasst, aber das Gold wird in eine Form gegossen.

Ich bin so pingelig, nicht weil mein Text so unantastbar ist, sondern weil Sie mit ihrem Buch die Kinder anscheinend an die Dichtkunst heranführen wollen. Wenn Sie aber so mit Gedichten umgehen, und seien es auch nur Scherzgedichte eines Kinderbuchautors, dann kommen mir große Zweifel, ob ein solches Buch seinen Zweck gut erfüllen kann. Denn in der Dichtkunst kommt es viel weniger als auf korrekte Reime auf das richtige Gespür für den Sinn der Wörter an.

Über den didaktischen Umgang mit Gedichten

Von einem Schulbuchverlag erreicht mich folgende Mail:

Im Frühjahr 2010 bringen wir ein Praxisbuch mit dem Titel „Reime finden – Verse schmieden“ heraus. […]

Darin würden wir gerne folgendes Gedicht abdrucken:
Autor: Martin Auer, Titel: Knapp daneben

Da das Gedicht ß enthält,, aber auch in schweizerischen Grundschulen verwendet wird, haben wir die Wörter mit ß so ersetzt, dass sich keinerlei Sinnänderung ergibt. Auf Wunsch können wir in der Quellenangabe statt „von Martin Auer““ auch schreiben „nach Martin Auer“.

Welche Änderungen sie an meinem Gedicht vornehmen wollen, haben mir die Herausgeber des Praxisbuches leider nicht mitgeteilt. Ich habe nachgefragt und bin gespannt.

Aber üben wir das inzwischen einmal mit Goethes „Zauberlehrling“. Mit dem „daß“ brauchen wir uns nicht weiter aufzuhalten, das schreiben inzwischen nicht nur die Schweizer mit ss. Aber weiter im Text:

Walle! walle
Manche Strecke,
Dass, zum Zwecke,
Wasser fließe rinne
Und mit reichem, vollem Schwalle
Zu dem Bade sich ergieße tja, was nun? entspinne? gewinne? Da geht nix!

Probieren wir’s anders:

Dass, zum Zwecke, Wasser laufe
und in reichem, vollem Schwalle
in die Badewanne traufe.

Na ja, ich weiß nicht…
Vielleicht so:

Walle! walle
Manche Strecke,
Dass, zum Zwecke,
Wasser tröpfle
Und ich dann, bei vollem Schwalle
In die Badewanne köpfle.

Super. Keinerlei Sinnänderung, und die Schweizer Kinder werden nicht durch scharfe ß verwirrt.

Probieren wir es noch einmal. Könnte man wenigstens dann „fließen“ durch „rinnen“ ersetzen, wenn es nicht das Reimwort ist?

Verfließet, vielgeliebte Lieder,
Zum Meere der Vergessenheit!
Kein Knabe sing‘ entzückt euch wieder,
Kein Mädchen in der Blüthenzeit.

Ihr sanget nur von meiner Lieben;
Nun spricht sie meiner Treue Hohn.
Ihr war’t in’s Wasser eingeschrieben;
So fließt denn auch mit ihm davon.

Zu „fließen“ gehört der Fluss, zu „rinnen“ das Rinnsal. Könnte man statt „fließende Gewänder“ „rinnende Gewänder“ sagen? Ausgerechnet die Macher eines Praxisbuches zum Reimen und Verseschmieden wollen mir weismachen, dass man in Gedichten Wörter mit ß so ersetzen kann, dass sich keinerlei Sinnänderung ergibt.