Zerrissen zwischen Copyright und Creative Commons

Fangen wir mit der Ökonomie an: In einer Gesellschaft, die auf dem Tausch von Waren beruht, tauschen Menschen normalerweise das Produkt ihrer Arbeit gegen ein anderes aus, das zu erzeugen gleich viel Arbeitszeit gekostet hat. Und zwar nicht, indem sie die Arbeitszeit unmittelbar messen. Es pendelt sich vielmehr mit der Zeit ein Gleichgewicht ein. Sagen wir, Waldbewohner tauschen mit Ackerbauern Fleisch gegen Mais und Palmwein. Wenn die Waldbewohner zuviel für ihr Fleisch verlangen, wird es für die Ackerbauern lohnender, selber in den Wald zu gehen und zu jagen. Wenn die Ackerbauern zuviel für ihren Palmwein und ihren Mais verlangen, wird es für die Waldbewohner auf Dauer lohnender, selber Äcker anzulegen und Palmen zu pflanzen. Das funktioniert aber nur, weil den Ackerbauern keine gebratenen Tauben in den Mund fliegen und die Waldbewohner den Palmwein nicht aus dem Bach schlürfen können. Das heißt, Fleisch, Mais, Palmwein sind knappe Güter, wie die Ökonomen sich ausdrücken. Sie müssen durch menschliche Arbeit erzeugt werden und menschliche Arbeit kann sie nur in gewissem Umfang hervorbringen.
Nun unterscheiden sich geistige Produkte menschlicher Arbeit grundsätzlich von materiellen Produkten. Sie werden nicht weniger, wenn man sie weitergibt. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Ich denke mir ein Lied aus und singe es anderen vor. Die summen mit, und nach zwei, drei Wiederholungen können sie das Lied selber singen. Die ganze Gruppe „hat“ jetzt das Lied, aber ich „habe“ es auch immer noch. Dieser Unterschied zwischen geistigen und materiellen Produkten menschlicher Tätigkeit besteht von Anfang an. Das hat zunächst weder mit Gutenberg noch mit dem Internet etwas zu tun. Wir wissen nicht, wie oft in der Menschheitsgeschichte Pfeil und Bogen erfunden worden sind. Aber wo immer diese Erfindung gemacht wurde, hat sie sich sicher mit Windeseile verbreitet. Ich muss ja nur einmal sehen, wie jemand einen Pfeil abschießt, um das Prinzip zu begreifen und den Vorteil, den dieses Jagdgerät bringt, einzusehen. Dann braucht es sicherlich noch eine Weile des Experimentierens – welches Holz nehme ich, wie befestige ich die Sehne, wie befestige ich die Pfeilspitze, wie befiedere ich den Pfeil – aber dann habe ich auch so etwas. Egal ob ich dem Erfinder die Idee „stehle“, oder ob er mir zeigt, wie es geht: Er hat sein Jagdgerät immer noch, und es funktioniert nicht schlechter, wenn ich auch eines habe. Das gilt auch für offensichtlich sehr handfeste und schwerwiegende Produkte. Eine Statue des Phidias zu kopieren kostete sicherlich viel Zeit und Schweiß, trotzdem ist das auch in der Antike schon gemacht worden und solche Kopien konnten in der ganzen antiken Welt bewundert werden. Aber sein Stil, seine Technik, seine Art, Menschen zu sehen und darzustellen, die konnten sich noch viel schneller verbreiten und andere Künstler beeinflussen.
Ideen, Wissen, Information, Meme – die Bezeichnung kann man sich aussuchen – sind also von Natur aus keine knappen Güter. Darum haben sie lange Zeit außerhalb der Sphäre des Warentauschs existiert. Die Verfertiger von geistigen Gütern mussten andere Möglichkeiten des Lebensunterhalts haben: Sie waren Priester, die vom Hof ausgehalten wurden oder deren Tempel Bauern einen Anteil ihrer Ernte abnahmen; wohlhabende Sklavenhalter; Mönche in Klöstern, die vom Zehent lebten; Adelige – oder aber sie hatten die Stellung von Dienern und Dienerinnen an den Höfen der Aristokraten.
Sicher wurde schon von frühester Zeit an immer wieder versucht, aus einem Wissensvorsprung, aus dem Monopol auf eine Information materiellen oder sozialen Gewinn zu schlagen. Vermutlich haben schon in frühester Zeit Schamaninnen und Schamanen bestimmtes Wissen geheim gehalten und nur an Auserwählte weitergegeben. Handwerkerclans haben bestimmte Techniken und Geheimrezepte gehütet und nur vom Vater auf den Sohn weitergegeben. Priester und Magier haben ihre Wissenschaft mit Geheimnis umgeben und Herrscher haben strenge Gesetze erlassen, um bestimmte Techniken nicht ans feindliche Ausland gelangen zu lassen, wie zum Beispiel die Porzellanherstellung im alten China. Eine Legende erzählt, dass Ivan der Schreckliche den Erbauer der Basilius-Kathedrale blenden ließ, damit der nicht woanders etwas ähnlich Schönes bauen sollte. Auch vom Architekten des Taj Mahal erzählt man, dass ihn sein Auftraggeber mit derselben Absicht hinrichten ließ. So manche Hausfrau will bis heute ihr Kuchenrezept erst auf dem Sterbebett verraten. Doch all diese Formen der Geheimhaltung machen Wissen noch nicht zur Handelsware.
Erst mit dem Kapitalismus wurde der Warentausch so allgemein und umfassend, dass auch geistige Produkte irgendwie zu Waren gemacht werden mussten. Zunächst war ja nur das Trägerobjekt die Ware, also das Bild auf der Leinwand, das papierene Buch, der Notendruck. Den bürgerlichen Maler-Handwerkern konnte das lange Zeit genügen, weil die Stiche, die nach einem Ölbild gefertigt wurden, das Original nur mangelhaft ersetzten. Aber dem Autor eines Buches oder dem Komponisten eines Klavierwerks konnte es passieren, dass er sein Manuskript einem gewieften Drucker billig verkaufte, der dann daraus einen Bestseller machte, während der Autor oder Komponist sein klägliches Honorar schon längst verbraucht hatte. Der Erfinder, der nicht das Kapital hatte, seine Erfindung selbst industriell zu verwerten, verlor jede Möglichkeit, von seiner Erfindung zu profitieren, sobald er sie einmal veröffentlicht oder an einen kapitalkräftigen Industriellen verkauft hatte.
Das Urheberrecht ermöglicht es erst, das geistige Produkt selber als Ware zu behandeln. Indem es jedem das Kopieren verbietet, der nicht das Recht dazu erworben hat, macht es auch aus dem immateriellen Produkt gegen seine eigentliche Natur ein knappes Gut. Erst jetzt kann das geistige Produkt gehandelt werden, nicht nur das Trägerobjekt.
Das Urheberrecht ist also eine Perversion. Es versucht das einzuschränken, was seit Urzeiten die Grundlage jeder menschlichen Kultur war: die ungehinderte Verbreitung von Memen.
Unter kapitalistischen Verhältnissen ist es aber gleichzeitig die Form, die es ermöglicht, dass Menschen sich berufsmäßig – das heißt mehr oder weniger ausschließlich – und unabhängig der Produktion von Memen widmen können. Ohne das Urheberrecht könnte es nur Hobbyautoren und Freizeiterfinderinnen geben, es sei denn, Unternehmen oder der Staat würden Mem-Produzenten besolden. Die wären aber dann nicht unabhängig.
Das Urheberrecht nützt aber noch in viel stärkerem Maß den Produzenten und Händlern der Trägerobjekte bzw. den Verwertern der Erfindungen. Denn die können nun ein Monopol auf das geistige Produkt erwerben. Früher musste der Buchdrucker, auch, nein, gerade wenn er einen potentiellen Bestseller hatte, sehen, dass er seinen Schnitt machte, bevor die Nachdrucke herauskamen.Vor solcher Konkurrenz ist der Produzent und Vermarkter der Trägerobjekte nun geschützt.
Der Schutz für die AutorInnnen ist gering. Denn das Urheberrecht gibt mir nur die Möglichkeit, mein Produkt auf dem freien Markt anzupreisen. Es gibt mir kein Existenzrecht, es garantiert mir kein Mindesteinkommen, ja nicht einmal einen Mindestanteil am Erlös. Denn auf dem freien Markt muss ich mich gegen die Konkurrenz anderer AutorInnen durchsetzen. Viele AutorInnen drängen auf den Markt. Irgendwo habe ich gelesen, dass nur 10% aller Bücher, die geschrieben werden, auch gedruckt werden. Vielleicht sind es auch nur 10% der Bücher, die Verlagen angeboten werden. Es sind also nicht die Verlage, die um vermarktbare Bücher konkurrieren, sondern es sind die AutorInnen, die um ein Plätzchen im Prospekt des Verlags raufen. Und so ist der Anteil der AutorInnen am Erlös der Bücher immer weiter gesunken.
„…und vergiß nicht, mit deinem Verleger 15% abzumachen“ schrieb Kurt Tucholsky 1929. Als ich 1986 mein erstes Buch veröffentlichte, waren es nur mehr 10%. Heute bieten die Verlage 9% oder sogar nur mehr 8%, mit dem unrealistischen Versprechen, nach dem soundsovielten Tausend würden es dann 10% sein und nach dem 20. Tausend sogar 12%. Doch die Auflagen werden immer kleiner und die Lebensdauer der Bücher immer kürzer. Der Anteil der Buchhonorare an meinem Einkommen wird – trotz 45 publizierten Titeln – immer geringer. Den Hauptteil machen Lesungshonorare aus.
Ich persönlich verhalte mich teils wie ein professioneller Autor, teils wie ein Hobbyautor. Das heißt, ich verdiene zwar meinen Lebensunterhalt mit Büchern und Lesungen, doch ich publiziere auch auf Weisen, die mir nichts einbringen, rein um des Publizierens willen. Meine Homepage ist weit mehr als nur eine Visitenkarte und ein Schaufenster für meine verkaufbaren Produkte. Hier gibt es viele eigenständige Werke, die nur für diese Publikationsart geschaffen worden sind. Meine iPhone-App „City Blues“ ist gratis. Mein Podcast „Nachttaxi“ hat eine größere Reichweite als viele meiner Bücher. Als Werbemedium für kaufbare Produkte taugt er aber wenig. Die Menschen konsumieren das, hinterlassen gelegentlich einen freundlichen Kommentar, sind aber kaum motiviert, andere meiner Produktionen käuflich zu erwerben. Ich vermute, dass die Gruppe der Käufer meiner Bücher und die der Konsumenten meiner Internetproduktionen sich nur wenig überschneiden. Produktionen, denen ich eine politische Bedeutung beimesse, stelle ich mit einer Creative Commons Lizenz der Allgemeinheit zur Verfügung, so meine Sammlung von Geschichten für die Friedenserziehung (http://www.peaceculture.net), meine Arbeit über Geschichte und Kultur der Roma und Sinti (http://roma-und-sinti.kwikk.info) oder meine Arbeit „Wie kommt der Krieg in die Welt?“. Über die Wirkung kann man nur Vermutungen anstellen: Die Geschichten zur Friedenserziehung sind im Druck in 5 verschiedenen Sprachen erschienen, im Internet gibt es bereits Übersetzungen in 31 Sprachen.
Dennoch beruht mein Ansehen als Autor im Wesentlichen darauf, dass ich Bücher verkaufe, dass meine Werke also von Verlagen für verwertbar angesehen werden. Aber nicht nur mein Ansehen in der Öffentlichkeit, sondern auch z.B. mein Anspruch auf Künstlersozialversicherung beruht darauf, dass ich verkaufbare Produkte vorzuweisen habe. Würde ich nur im Internet publizieren, also gratis, könnte ich nicht als Autor gelten, würde ich nicht zu Lesungen engagiert und so weiter.
Wie stehe ich also nun zum Urheberrecht? Ich denke, man darf die Frage des Urheberrechts nicht losgelöst von den gesamtgesellschaftlichen Verhältnissen betrachten. Wenn alles andere so bleibt, wie es ist, bin ich als Autor darauf angewiesen, dass mein geistiges Produkt als Handelsware fungieren kann und als solche vor Diebstahl geschützt wird. Ich bin z.B. darauf angewiesen, dass die Verwertungsgesellschaften darauf achten, dass der Abdruck meiner Werke in Lesebüchern auch honoriert wird, dass die Wiedergabe in Rundfunk und Fernsehen honoriert wird. Diese Einkünfte bessern mein Einkommen nicht unwesentlich auf, ich könnte darauf nicht gut verzichten. Ich brauche als Urheber vor allem Schutz davor, nicht von der Contentindustrie beraubt zu werden. Es war nicht unbedeutend, dass irgendwann in den 80er oder 90er Jahren, ich weiß es nicht mehr genau, die österreichischen Schulbuchverlage gezwungen wurden, Tantiemen zu zahlen. Die waren nämlich bis dahin von dieser Verpflichtung befreit.
Ich wünsche mir also ein Urheberrecht, das wirklich die Urheber schützt, und nicht eines, das in erster Linie die Verwertungsindustrie schützt, die den Urhebern ihr Recht abkauft. Die Auflagen der Bücher sinken ja nicht, weil so viele Raubkopien im Umlauf wären, sondern weil die Verlage die Kapital- und Lagerkosten scheuen für größere Auflagen, die sich nur langsam abverkaufen.
Man sollte vor allem unterscheiden zwischen einem Urheberrecht, das die wirklichen Urheber und Urheberinnen geistiger Produkte schützt, und einem Besitzrecht an geistigem Eigentum, das diejenigen betrifft, die diese Rechte von den Urhebern erwerben. Wenn die Interessen der Zweit- oder Drittbesitzer von Rechten an geistigem Eigentum betroffen sind – z.B. durch illegales Kopieren und Verbreiten im Internet, dann sollte nicht vom Urheberrecht die Rede sein, sondern vom Besitzrecht am geistigen Produkt anderer. So hätte die Gesellschaft die Möglichkeit zu differenzieren, wessen Rechte sie schützen will.
Wie aber können geistige Produkte überhaupt aus den Fesseln des Eigentums befreit, von ihrem Warencharakter erlöst werden? Sicherlich nur durch grundlegende Veränderungen in der Strukur der ganzen Gesellschaft.
Es gibt natürlich heute in Europa – anders als in den USA – bestimmte Formen der Umverteilung, die die Abhängigkeit der KünstlerInnen vom freien Markt ein wenig mildern: staatliche Subventionen, Preise, die Künstlersozialversicherung. Doch die führen wiederum in neue Abhängigkeiten.
Ein bedingungsloses Grundeinkommen dagegen würde wie auf vielen anderen Gebieten auch hier einen großen Wandel bedeuten. Es würde viel mehr Menschen ermöglichen, frei und unabhängig geistige Produkte herzustellen und der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, egal ob Gedichte oder Software, Tanzvideos oder Kochrezepte.
Die Verteidiger des Besitzrechtes an geistigen Produkten argumentieren ungefähr so: Aus einem großartigen Drehbuch einen großartigen Film zu machen ist schrecklich teuer. Niemand würde in die Realisierung eines solchen Produkts investieren, wenn seine Investition nicht geschützt wäre. Wenn alle sich aber den Film kopieren anstatt das Video zu kaufen, kann der Film seine Kosten nie einspielen, also werden keine großartigen Filme mehr produziert werden, wenn das Kopieren nicht unterbunden wird.
Aber vielleicht gibt es ja auch noch andere Finanzierungsmodelle. http://www.respekt.net ist eine Plattform, die dazu dient, zivilgesellschaftliche Projekte durch Crowd-Funding zu finanzieren. Vielleicht könnte man auch einen großartigen Film durch Crowd-Funding finanzieren? Den dann aber auch alle gratis herunterladen dürfen. Vielleicht mit der kleinen Einschränkung, dass die Spender und SpenderInnen einen Tag früher den Link erhalten. Ein Unterschied muss schließlich sein.