Ein Sünder

Ein reicher Mann (vielleicht ein Manager von Monsanto oder Nestlé) ist gestorben und muss im Jenseits vor seinen Richter treten.
Schreiend wirft er sich auf die Knie: „Herr, vergib mir, ich war im Leben ein großer Sünder!“
„Beruhige dich!“, sagt der Herr, „Sünder gibt es schon längst nicht mehr. Wir sprechen hier nur von moralisch anders Begabten.“
„Danke, o Herr, Du nimmst mir eine große Last von der Seele. Dann komme ich also nicht in die Hölle?“
„Aber woher, die Hölle ist längst abgeschafft. Wir haben hier ein modernes, humanes Zentrum für Seelen mit origineller Tugendauffassung.“
„Dank sei Dir, o Herr! Und wie ist da die Behandlung?“
„Tja, Eintauchen in siedendes Pech, Zwicken mit glühenden Zangen, Stechen mit eisernen Gabeln …“
„Herr, ich flehe Dich an, was soll daran modern und human sein?“
„Nun, die Gabeln sind desinfiziert!“

Motten

Mehl, Reis, Grieß, Zucker, das kommt bei mir alles in Dosen. Gute, dicht verschließbare Dosen. Wegen der Motten. Haferflocken, Hirse, Brösel, Kakao – alles kommt in diese dicht schließenden Klarsichtdosen aus Plastik. Aber einmal ist es einer Motte doch gelungen, ihre Eier in einer dieser Dosen abzulegen. Einer Dose, ein Viertel voll mit Grieß. Einer Dose, die irgendwie ganz in den Hintergrund des Küchenschranks gerutscht ist. Und die ich erst gestern gefunden habe. Die Dose war voll toter Motten. Aus ihren Eiern geschlüpft sind sie in einem Paradies. In einem Schlaraffenland von Grieß. Sie haben gefressen, sich verpuppt, sich verwandelt, und sind ein zweites Mal geboren worden. Diesmal in ein Gefängnis. In eine Hölle aus Grieß, aus der es kein Entkommen gegeben hat. Wahrscheinlich sind sie darin erstickt.
Irgendwie scheint mir die Geschichte ein Gleichnis zu sein. Ich weiß nur nicht recht, wofür.