Ein Sünder

Ein reicher Mann (vielleicht ein Manager von Monsanto oder Nestlé) ist gestorben und muss im Jenseits vor seinen Richter treten.
Schreiend wirft er sich auf die Knie: „Herr, vergib mir, ich war im Leben ein großer Sünder!“
„Beruhige dich!“, sagt der Herr, „Sünder gibt es schon längst nicht mehr. Wir sprechen hier nur von moralisch anders Begabten.“
„Danke, o Herr, Du nimmst mir eine große Last von der Seele. Dann komme ich also nicht in die Hölle?“
„Aber woher, die Hölle ist längst abgeschafft. Wir haben hier ein modernes, humanes Zentrum für Seelen mit origineller Tugendauffassung.“
„Dank sei Dir, o Herr! Und wie ist da die Behandlung?“
„Tja, Eintauchen in siedendes Pech, Zwicken mit glühenden Zangen, Stechen mit eisernen Gabeln …“
„Herr, ich flehe Dich an, was soll daran modern und human sein?“
„Nun, die Gabeln sind desinfiziert!“

Motten

Mehl, Reis, Grieß, Zucker, das kommt bei mir alles in Dosen. Gute, dicht verschließbare Dosen. Wegen der Motten. Haferflocken, Hirse, Brösel, Kakao – alles kommt in diese dicht schließenden Klarsichtdosen aus Plastik. Aber einmal ist es einer Motte doch gelungen, ihre Eier in einer dieser Dosen abzulegen. Einer Dose, ein Viertel voll mit Grieß. Einer Dose, die irgendwie ganz in den Hintergrund des Küchenschranks gerutscht ist. Und die ich erst gestern gefunden habe. Die Dose war voll toter Motten. Aus ihren Eiern geschlüpft sind sie in einem Paradies. In einem Schlaraffenland von Grieß. Sie haben gefressen, sich verpuppt, sich verwandelt, und sind ein zweites Mal geboren worden. Diesmal in ein Gefängnis. In eine Hölle aus Grieß, aus der es kein Entkommen gegeben hat. Wahrscheinlich sind sie darin erstickt.
Irgendwie scheint mir die Geschichte ein Gleichnis zu sein. Ich weiß nur nicht recht, wofür.

Maybe

„Ist Weihnachten vorbei?“ , krächzt meine Mutter.
„Gestern war Weihnachten“, schreie ich, um ihre Taubheit zu durchdringen.
Neben dem Bett steht der kleine Plastikbaum, den ihr Enkel, mein Neffe, gestern mitgebracht hat. Die Kette aus bunter Folie, mit der er den Baum geschmückt hat, habe ich vor mehr als fünfzig Jahren gebastelt.
Das Spital ist weihnachtlich leer. Nur sie und ich sind im Zimmer.
„Ich möcht‘ auch Packerln auspacken!“, krächzt sie.
„Du hast gestern Geschenke ausgepackt“, schreie ich. „Schau, diesen Teddy hast du bekommen!“
Sie schaut den Teddy lange an.
„Darf ich ihn behalten?“, krächzt sie.
„Natürlich darfst du ihn behalten!“
„Ich bin jetzt dein Teddy“, schreit der Teddy, um ihre Taubheit zu durchdringen. „Ich hab dich lieb!“
„Ich hab dich auch lieb“, krächzt sie, und spitzt die Lippen, um ihm ein Bussi zu geben.
„Wie heiß ich denn?“, schreit der Teddy.
Angestrengt denkt sie nach. „Maxi! Du heißt Maxi!“
„Ich heiß Maxi! Ich heiß Maxi!“, schreit der Teddy, und hüpft vor Freude auf der Bettdecke herum. „Und wie heißt du?“
Angestrengt denkt sie nach. „I don’t know“, krächzt sie. In ihrer Jugend war sie zwei Jahre in England.
„Heißt du vielleicht Mitzi?“
Schwach schüttelt sie den Kopf.
„Heißt du vielleicht Trude?“, fragt der Teddy, und nennt ihren richtigen Namen.
„Maybe!“
„Oder heißt du vielleicht Mama?“
„No, no, not Mama!“
„Du heißt Trude!“, schreit der Bär. „Ich heißt Maxi, du heißt Trude! Ich hab dich lieb!“, schreit der Bär und streichelt sie mit der Pfote.
„Gib mir ein Bussi!“, schreit der Bär.
Und sie gibt ihm ein Bussi. Und noch viele viele Bussi.