Schlafen

„Ich hab dich lieb! “
ruft der Sohn ihr ins Ohr.
„Ich dich auch“, krächzt sie
und sucht weiter nach Worten.
„Was möchtest du denn?“
„Schlafen“, flüstert sie, „ich will noch schlafen.“
„Dann schlaf nur! „, ruft der Sohn ihr ins Ohr. „Ich hab dich lieb! “
„Ich dich auch“, krächzt sie
und schließt wieder die Augen.
Und der Sohn geht für heute.
Er hat noch anderes zu erledigen
und heute wird sie
nicht sterben.

Bin ich jetzt hier zu Hause?

„Bin ich jetzt hier zu Hause?“, fragt sie. Die neue Zimmergenossin ignoriert sie, und die sie auch.
Wir hängen ihr Bilder an die Wand. Das Foto von ihr mit Mutter und Schwester erkennt sie sofort, aufgenommen vor achtzig Jahren in Schönbrunn, beim einzigen Ausflug, den sich die Mutter jemals hat leisten können.
Der Mann, mit dem sie sechzig Jahre verheiratet war? „Den Herrn da hab ich schon irgendwo einmal gesehen.“ Jahrelang hat sie sein Bild geküsst vor dem Einschlafen, nach seinem Tod, jetzt ist er im Nebel verschwunden.
Langsam löst sich das Leben auf, von der Gegenwart hin zur Vergangenheit. Wo sie gestern war, weiß sie nicht mehr, wo sie vor dem Spital gewohnt hat, erinnert sie nicht. Selbst ihr Name gehört nicht mehr zu ihr. „Trude? Was, heiß ich immer noch so?“
Das Kreuzworträtsel vor ihren Augen ist jetzt ihre Welt. Mühsam füllt sie die Kästchen mit zittrigen Buchstaben, Seite um Seite füllt sie langsam mit Wörtern und Wörtern.