Critical Whiteness und derlei

Zu einem Artikel in der taz „Die rassifizierte Linke“
(http://m.taz.de/Ueber-Rassismus-reden/!5375695;m/)

In allen Bewegungen, wo unterdrückte Gruppen sich wehren, gibt es Tendenzen, den Spieß einfach umzudrehen. National Unterdrückte entwickeln ihren eigenen Nationalismus, Frauen wehren sich gegen patriarchalen Sexismus mit feministischem Sexismus, rassistisch Unterdrückte schlagen zurück mit antiweißem, antideutschem, antisemitischem etc. Rassismus. Das ist nur zu verständlich, nur zu menschlich, aber leider kontraproduktiv. Viele Freiheitskämpfe sind nicht Kämpfe für die Freiheit, sondern Kämpfe für die Freiheit der eigenen Gruppe. In stalinistischen Regimen musste man eine proletarische Herkunft nachweisen, um studieren zu dürfen – und darüberhinaus natürlich parteitreu sein. Dass die Befreiung der Arbeiterklasse die Befreiung der ganzen Menschheit sein sollte, war zur Phrase verkommen. Wenn bei der Burschenschaft Hysteria die Rollen vertauscht werden und solidarische Männer nur verschleiert mitdemonstrieren dürfen, dann ist das hoffentlich auch eine Satire auf gewisse Strömungen im Feminismus. Sicher bin ich mir da aber nicht.

Mit der Critical Whiteness ist das so eine Sache. Solange die Forderung dahin geht, dass man sich als AngehörigeR einer privilegierten Gruppe bewusst machen sollte, dass auch im gemeinsamen Kampf für Menschenrechte (aller Art) die sozialen Unterschiede nicht einfach verschwinden, dass in antirassistischen Gruppen nicht unbedingt weiße mittelständische Männer immer den Mund am weitesten aufreißen sollen, dass in feministischen Gruppen weiße Mittelständlerinnen sich einmal überlegen sollen, wie viel sie wirklich über die Probleme puertorikanischer oder schwarzer etc. Frauen wissen, ist das eine klare Sache. Aber wie alles kann man das auch übertreiben und es wird auch übertrieben. Zum einen gibt es da weiße Männer und Frauen, die sich ständig masochistisch auf die Brust schlagen (Leider finde ich das Zitat nicht mehr: Eine amerikanische Akademikerin hat sich öffentlich gefragt, ob sie als weiße Frau überhaupt ein guter Mensch sein kann) – und sich damit wiederum in den Vordergrund spielen. Zum anderen gibt es eben die Tendenz, Angehörigen der als privilegiert angesehenen Gruppe den Mund zu verbieten oder sie überhaupt aus der antirassistischen, antisexistischen oder antinationalistischen Bewegung auszuschließen, wie in dem Beispiel, das im Artikel geschildert wird. Das führt zu Entsolidarisierung und zur Verfestigung der Rassen-, Klassen-, Geschlechterschranken, die man doch überwinden will. Natürlich halte ich mich als Mann erst einmal zurück, wenn von Frauenrechten die Rede ist, und höre zu. Aber wenn ich nach reiflicher Überlegung auch meinen Senf dazu gebe, will ich nicht, dass meine Argumente pauschal als „Mansplaining“ weggewischt werden.

Die Einteilung in Privilegierte und Nichtprivilegierte ist auch nie eindeutig zu treffen. Die lesbische weiße Millionärin tut sich leichter als der schwule schwarze Hafenarbeiter, aber sie haben gemeinsame Probleme, über die sie zu gemeinsamem Handeln finden könnten. Ich bin ein weißer Mann (oh je, schon schlecht), aber als Enkel eines jüdischen Paars, das in Treblinka vergast worden ist und als prekär lebender Künstler, dessen Pension geringer ist als die Mindestsicherung, habe ich auch mein Pinkerl zu tragen. Die syrischen Flüchtlinge, denen ich Deutschunterricht gegeben habe, waren zu Hause wohlhabende Geschäftsleute, hier sind sie abhängige Almosenempfänger und Angehörige einer religiösen Minderheit. Stehen die jetzt über oder unter mir auf der Privilegienleiter? Müssen wir das zuerst aushandeln, bevor wir uns solidarisieren?

Da Privilegien auf verschiedenen Ebenen des Menschseins vorhanden sind, gibt es wohl – obwohl sie, wie wir wissen, höchst unterschiedlich verteilt sind – fast niemanden auf diesem Globus, der oder die nicht Privilegiertere über sich und weniger Privilegierte unter sich hat. Da praktisch alle Menschen in irgend einer Form – wenn auch in sehr unterschiedlichem Ausmaß – unter Ungerechtigkeiten zu leiden haben, und da es heute Probleme zu lösen gilt, die die gesamte Menschheit betreffen, glaube ich, dass PRINZIPIELL alle Menschen fähig sind, sich für Menschenrechte und einen bewohnbaren Planeten zu solidarisieren.

Ein Gedanke zu „Critical Whiteness und derlei

  1. Hallo Martin,
    danke für deinen Artikel und deine Texte, die bringen uns zum Nachdenken.
    …Eigentlich muß ich nur so tun, als wäre jeder Andere ich. Dann habe ich Verständnis, Zeit, Geduld und guten Willen. – und wenn ich dann mal hochnäsig bin, oder übergriffig, oder unverschämt, kann ich mir mit Nachdruck gegenüber treten und mich bremsen. – und wenn ich mal verzweifeltig bin, oder traurig, oder unfähig, ist es ganz selbstverständlich, dass ich mir helfe und mich wieder aufrichte.
    Grüße von ich zu ich,
    Andrea

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