Religion und Kultur

Ein Aspekt, der die meisten Religionen von den meisten anderen Ideologien unterscheidet, ist ihr ehrwürdiges Alter.  Sie sind über Jahrhunderte aufs engste mit der gesamten Kultur verwoben gewesen, von der Gesetzgebung und den großen gemeinschafltichen Ritualen bis in die feinsten Verästelungen des Alltagslebens, von den monumentalen Sakralbauten bis zum Kitsch im Wohnzimmer. Sie sind, Gott sei’s geklagt, allgegenwärtig in der Alltagssprache . Sie befriedigen stärker als andere Ideologien das Bedürfnis der Menschen nach Zugehörigkeit, nach Orientierung.

Der Witz erzählt von einem jüdischen Atheisten, der am Sonntag gefragt wird, warum er nicht schon am Vortag zugegeben hat, dass er nicht an Gott glaubt. „Bist du verrückt, doch nicht am Schabbes!“ ist seine Antwort. Das ist ein Witz, doch es gibt sie, die jüdischen Atheisten, die bewusst koscher leben, weil sie zwar nicht an Gott glauben, aber Juden bleiben wollen.

Die meisten Menschen werden in eine religiöse Kultur hineingeboren und wir Menschen sind nun einmal so gebaut, dass wir an uns Überliefertes nur im äußersten Notfall in Frage stellen. Mehr als bewusste Überlegung binden uns tausend senitmentale Fäden an die Tradition. Man erinnert sich an die Erstkommunion, an die Hochzeit in der Kirche und so weiter. Ich bin in einer kommunistischen atheistischen Familie aufgewachsen und trotzdem in einer Welt voller christlicher Symbole. Grimm’s Märchen sind voll davon, an jeder Ecke stehen Heiligenbilder und Kirchen, „Jessasmarandjosef“ und „Gottseidank“ begleiten Schrecken und Erleichterung. Weihnachtsengerln lösen in mir ebenso sentimentale Gefühle aus wie rote Fahnen am 1. Mai.

Wenn du mich fragst, welche gemeinschaftlichen Einrichtungen ein menschliches Gemeinwesen braucht, so würde ich wohl mit Schule, Fabrik und Spital anfangen und dann alles mögliche aufzählen, nur keine Kirche. Wenn du mir aber sagst, ich soll ein „Dorf“ zeichnen, dann würde ich eine Ansammlung von Häuschen hinmalen und in der Mitte ein großes mit einem spitzen Dach und einem Turm mit einem Kreuz oben drauf.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.