Wieder im Druck: „Ich aber erforsche das Leben – Die Lebensgeschichte des Jean-Henri Fabre“

Dieses 1995 im Beltz Verlag erschienene Buch ist nun als amazon Taschenbuch erhältlich.


Jean-Henri Fabre, 1823–1915, war ein scharfsichtiger Beobachter der lebendigen Natur. Tierisches Verhalten erforschte er lange vor Nikolaas Tinbergen und Konrad Lorenz. Aufgespießte Kä­ferleichen zu klassifizeren, war nicht, was er unter Wissenschaft verstand. Die erstaunlichen Instinktleistungen der Insekten entschlüsselte er durch geduldiges und genaues Beobachten in freier Natur. Mit scharfsinnig ausgedachten Experimenten stellte er ihre Fähigkeiten auf die Probe, deckte ihre Möglichkeiten und auch ihre Grenzen auf. Immer wieder musste er erstaunt feststellen, dass den so verblüffend intelligent wirkenden Verhaltensweisen der kleinen Lebewesen angeborene Abläufe zugrunde liegen, die in ihrer angestammten Umwelt perfekt funktionieren, aber versagen, wenn der Experimentator die Gegebenheiten listig verändert. Sein Staunen vor der Vielfalt und Größe der Natur verstand er in seinen Schriften meisterhaft mitzuteilen. Akademisches Kauderwelsch, das mit Gelehrsamkeit beeindrucken will, verachtete er zutiefst. Seine Forschungsberichte schildern packend die Aufgaben, vor die das Leben die verschiedenen Lebewesen stellt, und wie sie diese, jedes auf seine Art, bewältigen: „ihre Sitten und Handwerke, ihre Kriege und Liebschaften, ihr Privat- und Gesellschaftsleben“. Seine Bücher erregten die Bewunderung von Wissenschaftlern wie Charles Darwin ebenso wie von Dichtern wie Frédéric Mistral und Romain Rolland. Den größten Teil seines Hauptwerks, der Souvenirs entomologiques, verfasste er zwischen seinem sechzigsten und neunzigsten Lebensjahr

Pizza

Papa hat Pizza gemacht.
Nurias tomatenverschmierte Freundin: „Warum müssen Erwachsene Pizza mit Messer und Gabel essen?“
Tomatenverschmierte Nuria: „Ja wirklich!“
Papa, die Gabel zum Mund führend: „Erwachsene sind halt komisch!“
Nuria: „O Gott, dann werden wir auch einmal komisch!“
Papa kaut grinsend.

Jeden Tag

Jeden Tag, wenn ich mit dem Fahrrad an dieser Ecke vorbeifahre, so zwischen acht und halb neun am Vormittag, stehen da zwei Männer, ein älterer und ein jüngerer. Der ältere hält den jüngeren um die Mitte gefasst vor sich, denn der jüngere, anscheinend mehrfach behindert, kann alleine nicht stehen. Ihre Kleidung ist ärmlich, beide tragen Wollmützen und Windjacken.Ihre Hautfarbe ist bräunlich, die Gesichtszüge sind asiatisch. Sie könnten von den Philippinen stammen oder aus Indonesien. Der jüngere sieht dem älteren ähnlich, obwohl sein Gesichtsausdruck durch die Behinderung entstellt ist. Er ist vielleicht sein Sohn oder sein jüngerer Bruder. Mit herunterhängender Lippe, hervorquellenden Augen wirkt sein Blick stier, verständnislos. Der ältere steht hinter ihm, hält ihn fest, sein Gesichtsausdruck ist verhalten, verrät nichts. Jeden Tag führt er den Sohn da hinaus, wahrscheinlich nur ein paar Schritte vors Haus, jeden Tag steht er mit ihm da und hält ihn fest, damit er an die frische Luft kommt, vielleicht auch, damit er etwas sieht, Menschen und Autos, die da vorbeiziehen. Man sieht es dem Sohn nicht an, ob er gern da ist, ob er versteht, was er sieht. Man sieht es dem Vater nicht an, ob er aus Liebe zu seinem Sohn da steht oder aus Pflichtgefühl, ob ihn der Zustand des Sohns bekümmert. Er spricht nicht zu ihm, er zeigt ihm nichts, er deutet nicht. Er hält ihn nur fest, damit er nicht umfällt. Es ist, wie es ist, und man tut, was zu tun ist, und sie beide gehören zusammen. Aber was weiß ich schon. Ich weiß nur, dass sie immer da stehen, wenn ich vorbeiradle, zwischen acht und halb neun, wortlos, fast ohne Bewegung, der eine den anderen festhaltend, jeden Tag.