Die Kultur- und Sozialanthropologie und ihr Verhältnis zur eigenen Geschichte und zu den Geschichtswissenschaften

Wozu Fachgeschichte und wer soll sie schreiben?
Die Kultur- und Sozialanthropologie und ihr Verhältnis zur eigenen Geschichte und zu den Geschichtswissenschaften

Zwischentagung der Arbeitsgruppe Fachgeschichte für die Tagung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde 2017

Ort: Wien

VeranstalterInnen: Peter Schweitzer (Vorstand des Instituts für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien), Marie-France Chevron, Peter Rohrbacher (beide Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien)

Datum: 9.–10. 12. 2016

Von Martin Auer

Das ist die ungekürzte Version des Berichts. Die offizielle Version ist auf H/SOZ/KULT erschienen:

Die Frage: „Wozu Fachgeschichte?“ rüttelt an den Grundfesten, betonten die OrganisatorInnen in ihrer Einleitung. Die Geschichte des Fachs wird oft nicht von den Vertretern des Fachs geschrieben, sondern von Historikern. Und da müssen Kommunikationsprobleme und Vorurteile überwunden werden: Können Ethnologen überhaupt die eigene Geschichte schreiben? Können andererseits Historiker diese Geschichte schreiben, ohne über Detailkenntnisse des Fachs zu verfügen? Wie unterschiedlich die Zugänge auch sein mögen, Fachgeschichte wird immer wichtiger.

FELIX WIEDEMANN (Berlin), erläuterte in seinem Referat Zur Rolle von Migrationen in kulturhistorischen Narrativen um 1900 am Beispiel des vorderen Orient unterschiedliche Herangehensweisen: Ethnologen gehen an die Fachgeschichte normalerweise aus einer internalistischen oder präsentistischen Perspektive heran, also ausgehend von einem spezifischen Problem in der Gegenwart. Ansätze, die in der gegenwärtigen Debatte nicht mehr von Bedeutung sind, sind aus dieser Sicht nicht besonders relevant. Gerade solche überholten Ansätze können aus externalistischer oder historischer Sicht aber höchst interessant sein. Denn hier interessiert in erster Linie die Genese bestimmter Diskurse in einem bestimmten Zeitraum und nicht die Frage: „wahr oder falsch“. Wiedemann führte das anhand des Migrationismus eines Friedrich Ratzel und einer Reihe seiner Nachfolger aus. Migration war schon zur Zeit der ersten Globalisierung und auch nach dem 1. Weltkrieg ein bestimmendes Thema in Politik, Wissenschaft und Kultur. Die Geschichte der Wanderungen der Wüstennomaden so zu erzählen, dass sich eine zyklische Gesetzmäßigkeit ergibt, nach der in bestimmten Abständen weniger kultivierte Völker, die sich in einem „fluiden“ Naturzustand befinden, aus den Wüsten- und Steppengebieten heraus die „Kulturgebiete“ überschwemmen, gleichzeitig zerstörerisch aber auch befruchtend und erneuernd, ist ein Versuch, diese „wilde Kontingenz“ nomothetisch in den Griff zu bekommen oder wenigstens in eine „geregelte Kontingenz“ zu überführen. Solche Modelle können einer Tendenz zugeordnet werden, die Kultur- und Sozialwissenschaften durch das Aufstellen nomothetischer Modelle den Naturwissenschaften anzunähern und so die soziale Welt kontrollierbarer zu machen. Im romantischen Bild des „edlen Beduinen“, der immer wieder die dekadente etablierte Kultur zerstört und erneuert, schlägt sich aber auch der Kulturpessimismus des Fin de Siècle nieder.

PETER ROHRBACHER (Wien) zeigte anhand des Fallbeispiels Dominik Wölfel in der NS-Zeit die Notwendigkeit von thematischer Differenzierung und Detailforschung auf. Wölfel wurde 1935 als Kustos für Afrika am Wiener Museum für Völkerkunde pragmatisiert, verlor jedoch diese Stellung in der NS-Zeit aufgrund seiner „jüdischen Versippung“, nämlich der Ehe mit einer „Halbjüdin“. Nach dem Krieg erhielt er seine Stelle zurück und galt als Opfer des NS-Regimes. Neben anderen Ehrungen wurde in Wien eine Gasse nach ihm benannt. Seit den 1990er Jahren wird das Opferbild jedoch gründlich angezweifelt. Wölfel erhielt nämlich trotz seiner Suspendierung relativ hohe wissenschaftliche Förderungen und er veröffentlichte 1937 ein Buch über den Spanischen Bürgerkrieg, das ihn als Franco-Verehrer ausweist und antisemitische Äußerungen enthält. Die mit der Überprüfung der Wiener Straßennamen befasste HistorikerInnenkommission stufte die nach ihm benannte Gasse als „Fall mit intensivem Diskussionsbedarf“ ein. Er habe das „NS-Unrechtsregime durch öffentliches Wirken“ gestützt wie auch generell „antidemokratische Regime“. Solchen Brüchen auf den Grund zu gehen und Überlieferungen, die unterschiedliche Auslegungen erlauben, einer gründlichen Revision zu unterziehen, ist nun eine der Aufgaben der Fachgeschichte. Detailforschung ergibt, dass Wölfel ursprünglich auch wegen politischer Gegnerschaft entlassen hätte werden sollen. Das SS-Ahnenerbe plante jedoch, die von Wölfel aufgefundene Torriani-Handschrift zu publizieren, um sie als Beweis für die „arische“ Abstammung der blonden und blauäugigen Urbevölkerung der Kanarischen Inseln zu verwenden. Darum durfte Wölfel – wie aus einer Intervention des Ahnenerbe klar wird – offiziell nicht als politischer Gegner aufscheinen. Wölfel unterlief allerdings die Intentionen des Ahnenerbe durch Anhänge, die veranschaulichten, dass das Indogermanische auf den Kanarischen Inseln nicht greifbar war. Wölfel’s Spanienbuch – an dem ja auch seine Frau mitarbeitete – wertet Rohrbacher als Versuch, Francos Wohlwollen zu erlangen, um sich samt Familie auf den Kanarischen Inseln niederlassen zu können. Der NS-Sicherheitsdienst stufte das Werk trotz eingeflochtener Goebbels-Zitate als deutschfeindlich ein und Wölfel wurde die Ausreise verweigert. Die Forschungsgelder von knapp 20.000 RM schließlich erhielt Wölfel auf Initiative seiner Förderer Diedrich Westermann und Eugen Fischer für seine „Kanarischen Sprachdenkmäler“. Beide besetzten leitende Funktionen innerhalb des kolonialen Reichsforschungsrates, sie standen theoretisch im Gegensatz zum Ahnenerbe und waren an Wölfels „Weißafrika“-These interessiert. Mit den Geldern konnte Wölfel unter anderem den aus „rassischen Gründen“ pensionierten Bruder seiner Frau als Hilfskraft anstellen und später auch die wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ entlassene Annemarie Hefel, die er so vor einer Einberufung als Marinehelferin bewahren konnte. Rohrbacher kommt zu dem Schluss, dass das von der Historikerkommission vorgelegte „belastende Beweismaterial“ in Bezug auf Dominik Josef Wölfel in der NS-Zeit nicht standhält und somit ihre Interpretation zurückzuweisen ist.

KHALED HAKAMI (Wien) erklärte, warum die meisten Menschen Progressivisten sind und
Herbert Spencer protestiert hätte
. Eine Untersuchung österreichischer Schulbücher ergibt, dass hier durchgehend ein Bild menschlicher Entwicklung von der kulturlosen, elenden Steinzeit zu immer höheren Stufen gezeichnet wird. Eric Wolfe kritisiert solchen Schulbuch-Evolutionismus als „moralische Erfolgsstory“. Stephen K. Sanderson und Robert. L. Carneiro haben gezeigt, dass diese populäre Sichtweise nicht von Autoren wie Morgan, Tylor und Spencer geprägt wurde, sondern ihnen von ihren Kritikern, hauptsächlich Vertretern des Kulturrelativismus, mehr oder weniger unterschoben wurde. Hakami zitiert hier den Boas-Schüler Robert Lowie: „In its classical form the evolutionary theory held that all cultures must pass through the same stages of moral development.“ Das gleiche Urteil findet sich bei Linton, Boas, Goldenweiser. Die Lektüre der Primärtexte zeigt aber ein anderes Bild. So hat Spencer in seinem Aufsatz Progress, its Law and Cause genau diese teleologische Auffassung von Fortschritt kritisiert. Was Spencer tatsächlich tut, ist: Komplexität erforschen. In seinen Principles of Sociology schreibt er: „Evolution is a change from indefinite incoherent homogeneity to a definite coherent heterogeneity, through continuous differentiations and integrations.“ Wenn Gesellschaften wachsen, verändert sich auch ihre Struktur. Das ist heute ein Gemeinplatz in der Soziologie. Objektives Kriterium für Komplexität ist laut Spencer Ausdifferenzierung und Integrierung. Mit zunehmender Bevölkerung steigt die Arbeitsteilung und damit auch die Integration. Aber Komplexität bedeutet nicht automatisch „Fortschritt“. Den Unterschied zwischen einer teleologischen und einer deterministischen Anschauung erklärt Robert Carneiro: Zu sagen, dass auf die Entwicklungsstufe A die Stufe B folgen muss, ist teleologisch und falsch. Richtig ist aber zu sagen, dass, wenn eine Gesellschaft sich auf Stufe B befindet, sie vorher A durchlaufen haben muss. Im Gegensatz zur Anthropologie wird Spencer in der Makrosoziologie bis heute rezipiert und sein Prinzip, dass Entwicklung zunehmende Komplexität bedeutet, angewandt. Hakami betont den Unterschied zwischen Theorien und Prinzipien. Obwohl die meisten Theorien der Evolutionisten in ihrer konkreten Ausformung heute falsifiziert sind, behalten ihre Prinzipien weiterhin Gültigkeit, ähnlich wie Darwins Prinzip der natürlichen Auslese bis heute gültig ist, obwohl die meisten seiner konkreten Theorien sich als falsch herausgestellt haben. Zusätzlich zu einer emischen Sichtweise, die Spencer in den Kontext seiner Zeit stellt, brauche es auch eine etische Außensicht, die Theorien aufgrund des Falsifikationskriteriums evaluiert. So könne man nicht nur eine Geschichte der Theorien schreiben, sondern eine Geschichte richtiger und falscher Theorien.

Wozu Bastian fragte bündig MARIE-FRANCE CHEVRON (Wien). Wozu einen Autor lesen, der 1905 gestorben ist, zwar als Reisender und Begründer wichtiger Institutionen bekannt ist, der aber als antiquiert gilt, den die wenigsten gelesen haben und dessen Schriften in der Tat unleserlich sind? In ihrer Antwort stellt Chevron heraus, dass Adolf Bastian von Anfang an eine multidisziplinäre und interdisziplinäre Herangehensweise an die Wissenschaft vom Menschen forderte. Er wollte einen Weg finden, die Ethnologie als Wissenschaft zu begründen, damit sie an den großen Forschungen über die Menschheit mitarbeiten konnte. Er suchte nach Erklärungen für die Unterschiede und Ähnlichkeiten in den Lebensweisen der Menschen, die er auf seinen Reisen weltweit erlebt hatte. Durch den Vergleich der „Völkergedanken“, der verschiedenen Kulturen, wollte er zu den „Elementargedanken“, den grundlegenden Denkstrukturen der Menschen vordringen. Ähnliche Ansätze findet man bei Lévi-Strauss. Aufgabe der Ethnologie sei es, Materialien zu den Völkergedanken zu sammeln, sowohl Objekte als auch Erzählungen, um diesen Vergleich zu ermöglichen. Aufgrund dieser Forderungen wurde Feldforschung – empirische Erhebung – als Voraussetzung der Ethnologie festgelegt. Dies im Rahmen einer Arbeitsteilung mit anderen Wissenschaften. Ethnologie könne sich nicht bloß durch ihr Objekt definieren, sondern nur durch ihre Stellung im System der Wissenschaften. Bastian forderte, die Ergebnisse der Biologie und der Psychologie in die Überlegungen einzubeziehen, die Ursachenkette von den physiologischen Grundlagen der psychischen Vorgänge und die Übergänge höheren Denk- und Reflexionsleistungen erforschen. Da die „Völkergedanken“ kulturelle Überlagerungen von psychologischen Strukturen darstellten, Anpassungen unter dem Einfluss von Umweltbedingungen in den verschiedenen geographischen Provinzen, aber auch historisch bedingt seien, suchte er die Zusammenarbeit mit der Geographie und der Geschichtswissenschaft. Wesentlich war ihm der Grundgedanke der psychischen Einheit der Menschheit. Fachgeschichtlich ist Bastian wichtig, weil er Zusammenhänge zwischen verschiedenen Bereichen aufgedeckt hat. An seinem Beispiel kann man erkennen, wie Möglichkeiten und Weichenstellungen im Fach sichtbar werden. Generell hilft Fachgeschichte erkennen, wie aus unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten wissenschaftliche Spezialisierungen – wie Ethnologie, Volks- und Völkerkunde, Soziologie – entstanden sind und wie sie als Ergebnis von konkurrierenden Erklärungsansätzen zu weiteren Überlegungen geführt haben. Das bedeutet unter anderem, dass man verschiedene heutige Ansätze besser einordnen kann, und im Sinn der Forschungsökonomie das Rad nicht neu erfinden muss. Die Wege, wie Ergebnisse zustande kommen, müssen dargestellt werden, aber auch die Irrwege.

ZSÓFIA HACSEK (Wien) zeigte in ihrem Beitrag Ethnologie in Ungarn – Wo liegen die Wurzeln? auf, dass das Studium der Fachgeschichte wesentlich sein kann, wenn es gilt, auf politische bzw. bildungspolitische Entscheidungen Einfluss zu nehmen. Die gegenwärtige ungarische Regierung plant, die seit 1990 bestehenden Studienrichtungen – und damit auch die Organisationen – der Kulturanthropologie in den nächsten Jahren abzuschaffen, mit der Begründung, sie seien unnötig und hätten in Ungarn keine Wurzeln. Es ist eine ungarische Besonderheit, dass das gleiche Wort néprajz von Anfang an sowohl für volkskundliche als auch für völkerkundliche Forschungen verwendet wurde. Die ersten Einrichtungen dieser Wissenschaft wurden kurz nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich gegründet, in einer Zeit starker nationalistischer Ressentiments gegen die österreichische Reichshälfte. Aus ideologischen Gründen wurden daher die volkskundlichen Richtungen der néprajz stets bevorzugt gegenüber den völkerkundlichen und gesellschaftsforschenden Richtungen. Die Rezeption der außereuropäischen Forschungen ungarischer Wissenschaftler hing stark von deren Ungarnbezug ab. Wenn ForscherInnen beweisen konnten, dass ihr Thema historische oder linguistische Bezüge zu Ungarn hatte, wurden die Reisen mit einem breiten Interesse verfolgt und gerne von ungarischen Privaten oder von der Ungarischen Ethnographischen Gesellschaft, gefördert. Der Indienforscher Aurél Stein und der Afrikaforscher Emil Torday arbeiteten im britischen Dienst. Letzterer wurde beispielsweise von Malinowski hoch geschätzt, aber seine Forschungsergebnisse blieben in Ungarn fast unbekannt. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass auch die völkerkundlichen und gesellschaftsforschenden Richtungen in Ungarn weit zurückliegende Wurzeln haben und nicht erst seit 1990 bestehen, dass aber ihre Rezeption aus ideologischen Gründen fast immer in den Hintergrund gedrängt wurde.

GABRIELE ANDERL (Wien) berichtete über Ergebnisse und Problemstellungen der Provenienzforschung am Beispiel des Wiener Weltmuseums. Auch in diesem Museum wurde auf Basis des Kunstrückgabegesetzes von 1998 im Auftrag des Bundes Provenienzforschung durchgeführt mit dem Ziel, jene Objekte aufzuspüren, die zwischen 1933 und 1945 verfolgungsbedingt entzogen worden waren, und die Rückgabe an die rechtmäßigen EigentümerInnen in die Wege zu leiten. Rund 4.500 Objekte wurden in dieser Zeit erworben, aber oft erst Jahre später katalogisiert. Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich daraus, dass ethnographische Sammelstücke oft Alltagsgegenstände sind, die nicht wie Kunstgegenstände signiert oder datiert sind oder andere Provenienzspuren tragen. Auch weisen die Aktenbestände große Lücken auf. Anderls Vorgängerin Ildikó Cazan konnte bereits zwei Dossiers anlegen, unter anderem zum Fall Stefanie Demeter, die 1942 in Maly Trostinec ermordet wurde, deren Erben aber bis heute nicht gefunden werden konnten. Außereuropäische Ethnographica spielten in den Sammlungen des Wiener Bürgertums nur eine geringe Rolle. Eine Ausnahme war die Sammlung des bekannten Herrenausstatters Friedrich Wolff-Knize, die neben Gemälden auch eine beachtliche Anzahl Africana umfasste. Dass das Museum für Völkerkunde im Vergleich zu anderen Museen sich nur wenig an jüdischem Besitz bereichert hat, lag nicht am mangelnden Willen, sondern nur an mangelnder Gelegenheit. Das belegt der Schriftverkehr im Zusammenhang mit dem Erbe des Afrikaforschers Ludwig Ritter von Höhnel, dessen Witwe Valeska als „Volljüdin“ galt. Die Leitung des Museums ließ die zuständigen Stellen wissen, dass sie „in erheblichem Maße am Erwerb dieser schönen Sammlung interessiert“ sei. Das Gausippenamt ermahnte die Behörde, „dass bei einem eventuellen Abtransport der genannten Jüdin ein Vernichtung bzw. Beschädigung der wertvollen Sammlung verhütet werden müsse“. Die Deportation und Enteignung Valeska Höhnels wurde allerdings durch einen befreundeten Arzt, der NSDAP-Mitglied war, verhindert. Nicht im Museum verblieben sind ca. 900 Objekte aus dem alten Jüdischen Museum, die während der NS-Zeit dorthin verbracht, aber nicht inventarisiert wurden. Auch die beschlagnahmten Bestände aus St. Gabriel wurden retourniert, da keine rechtsgültige Eigentumsübertragung erfolgt war. 2007 hat der Kunstrückgabebeirat die Rückgabe von mehr als 40 Gegenständen, die als „Spende“ in den Besitz des Museums gelangt waren, an die Erben des 1939 geflüchteten Ärztepaares Dr. Hans und Else Abels beschlossen. Erst in der jüngeren Zeit werden in ethnographischen Sammlungen auch frühere Eigentumsverhältnisse der Objekte dokumentiert. Daher ist bei vielen Objekten die Herkunftsbestimmung fast aussichtslos, und der größte Teil der untersuchten Objekte musste als „offen“ klassifiziert werden. Nur ein kleiner Teil konnte eindeutig als „bedenklich“ oder „unbedenklich“ eingestuft werden.

GABRIELE HABINGER (Wien) präsentierte einen genderspezifischen Zugang zur Disziplin- und Institutionengeschichte am Beispiel des Werdegangs von Annemarie Hefel – wissenschaftliche Hilfskraft am Wiener Institut für Völkerkunde während der NS-Zeit. Sie war die erste Frau, die eine wissenschaftliche Anstellung an diesem Institut erhielt. Die Frage stellt sich, wie ihr das angesichts des Weiblichkeitsbildes des NS-Regimes gelingen konnte, noch dazu, wo sie als regimekritisch galt und enge Beziehungen zu den bereits vertriebenen Padres Wilhelm Schmidt und Wilhelm Koppers unterhielt. Dennoch wurde ihr von Heinrich Baumann, den die Nationalsozialisten anstelle von Koppers eingesetzt hatten, kurz nach ihrer Promotion im Juni 1941 eine Stelle als wissenschaftliche Hilfskraft angeboten. Unterschiedliche Faktoren wirkten zusammen, um das zu ermöglichen. Zunächst war Baumann vor allem an der fachlichen Qualifikation seiner MitarbeiterInnen interessiert, nicht so sehr an der politischen Einstellung, wenn sie nicht nach herausgestellt wurde. Zweitens hatte Hefel ihr Studium gerade zu einem Zeitpunkt abgeschlossen, als männliche Kräfte aufgrund der militärischen Ereignisse immer rarer wurden. Ab 1942 gab es im Hauptfach Völkerkunde keine Studienabschlüsse mehr. Drittens brauchte er dringend jemand, der die Afrika-Lehrsammlung, die von Berlin nach Wien transferiert worden war, aufarbeitete, und die Anthropos-Bibliothek, die sich seit Ende November in Baumanns Arbeitszimmer befand, katalogisierte. Die Anstellung war zunächst auf drei Monate befristet und wurde einmal verlängert, ausdrücklich als Kriegsersatz für den Assistenten Josef Haekel. Die Arbeitsbelastung war groß und die Bezahlung gering. Schließlich war Hefel aber politisch doch nicht mehr tragbar für Baumann und er drangsalierte sie, bis sie schon im April 1942 kündigte. Eine Anstellung am Naturhistorischen Museum, die sie anstrebte, wurde von Baumann verhindert, vor dem Kriegseinsatz rettete sie eine Anstellung durch Dominik Wölfel. Erst nach 1945 gelang ihr eine Karriere als Afrikanistin. Am Beispiel Hefels und anderer Wissenschaftlerinnen zeigt sich, dass Frauen in der NS-Zeit nur unter bestimmten Umständen in den Wissenschaftsbetrieb eindringen konnten. Soziale Herkunft, Beziehungen und Netzwerke spielten eine wesentliche Rolle. Weiters galt es, der Lehrmeinung des Institutsvorstands zu entsprechen. Schließlich wurden Frauen nur als Ersatz für zum Wehrdienst eingezogene männliche Kollegen eingestellt und ihre Laufbahn ausdrücklich auf die Zeit von deren Abwesenheit beschränkt. Die Wissenschaftlerinnen wurden in untergeordneten Stellungen belassen, stark beansprucht und nicht entsprechend entlohnt oder befördert. Festgehalten muss werden, dass auch jene, die sich in Opposition zum NS-Wissenschaftsbetrieb befanden, trotzdem ihren Beitrag dazu leisteten. Eine Auseinandersetzung mit dem historischen Ausschluss von Frauen aus dem Wissenschaftsbetrieb und dessen Mechanismen liefert auch für die Gegenwart aufschlussreiche Erkenntnisse. So zeigt sich, dass weibliche wissenschaftliche Karrieren nicht in ihrer Singularität zu betrachten sind, sondern immer auch vor dem Hintergrund struktureller Zusammenhänge.

Der Beitrag von ANDRE GINGRICH (Wien) über ein Kapitel der NS-Geschichte der anthropologischen Fächer in Wien, nämlich über die Rolle von Viktor Christian, „graue Eminenz“ der Wiener Völkerkunde, bildete den Abschluss des ersten Konferenztages. Christian war von 1938–1945 Dekan der philosophischen Fakultät und 1938–1940 geschäftsführender Vorstand des Instituts für Völkerkunde. Er war Präsident der Anthropologischen Gesellschaft in Wien (AGW) bis 1945, Leiter der „Lehr- und Forschungsstelle Vorderer Orient“ im SS-Ahnenerbe und bis zu seinem Tod Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Konkret ging es 1.) um den Ausschluss Studierender 1938/39 von der Universität; 2.) um die „Forschungen“ des Naturhistorischen Museums und der Akademie der Wissenschaften in den Kriegsgefangenenlagern Kaisersteinbruch und Wolfsberg 1942/43; und 3.) um die Komplizen- und Mitwisserschaft der völkerkundlichen Mitglieder der AGW und ihres Präsidenten in Bezug auf die „Rassegutachten“ der Wiener physischen Anthropologen Geyer, Tuppa, Routil und Wastl 1940–44. Zu Punkt 1.) kommt Gingrich zu dem Ergebnis, dass Christian für die Ausschlüsse, die 30% bis 35% der Studierenden betrafen, de jure verantwortlich war, de facto die Listen zum Teil schon vorbereitet waren, zum Teil von seine beiden Assistenten erstellt wurden. Zu Punkt 2.): Die Finanzierung der Untersuchungen, an denen auch der Ethnologe Martin Gusinde beteiligt war, wurde vom Präsidenten der Akademie Srbik im Einvernehmen mit Viktor Christian beschlossen. Zu Punkt 3.) lautet die Schlussfolgerung, dass Christian als Präsident der Anthropologischen Gesellschaft als Mitwisser, Förderer und Beschützer von Tätern angesehen werden muss, die sich kriminalhistorisch gesehen der Beihilfe zum Mord schuldig gemacht haben. Die Frage nach dem „Wozu“ der Fachgeschichte beantwortete Gingrich mit dem Verweis auf die Verantwortung in gegenwärtiger politischer, medialer, aber vor allem auch ethisch-moralischer Hinsicht. Ein Fach, das seine Beteiligung am „Damals“ verschweigen würde, verliert seine Legitimität in der Gegenwart. Zum „Wie“ stellte er fest, dass zum Verständnis der Vorgänge das Fachwissen der EthnologInnen und AnthropologInnen erforderlich ist, dass eine rein „emische“ Sicht aber nicht ausreicht. Denn es ist schließlich wesentlich herauszufinden, wer wie und in welchem Ausmaß verfolgt wurde, und darüber geben die Sichtweisen der Akteure keine ausreichende Auskunft. Darum plädierte Gingrich für eine pluralistisch diversifizierte Zugangsweise, die emischen und etischen Zugängen ebenso ihre Legitimität zugesteht wie jenen, die in einem „dritten Weg“ beides zu integrieren trachten – eventuell auch nach Gesichtspunkten der „Abduktion“.

KATJA GEISENHAINER (Wien) ging den Verbindungen zwischen Frankfurter und Wiener Völkerkundlern von der Zwischenkriegszeit bis in die unmittelbaren Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg nach. Die Netzwerke zwischen Wiener und Frankfurter Völkerkundlerinnen und Völkerkundlern waren im Vergleich zu anderen fachspezifischen Verbindungen zwischen Österreich und Deutschland besonders intensiv. Die Erklärung findet Geisenhainer darin, dass in beiden Städten ein kulturhistorischer Ansatz vertreten wurde. In Frankfurt durch Leo Frobenius mit seiner Kulturmorphologie, in Wien durch die Patres Wilhelm Schmidt und Wilhelm Koppers mit ihrer religiös basierten Kulturkreislehre. Selbst als Koppers 1938 entlassen wurde und Hermann Baumann 1940 seine Nachfolge antrat, wurde dieser Ansatz weiterverfolgt, jedoch modifiziert durch die Annahme, dass Kultur und eine vorausgesetzte Rasse eine Einheit bildeten. Frobenius hielt sowohl vor als auch nach dem „Anschluss“ Österreichs Vorträge in Wien. Der Wiener Oswald Menghin, der nach dem „Anschluss“ als Unterrichtsminister für die Säuberungen an der Universität Wien verantwortlich war, wurde von Frobenius 1923 und 1938 zu Vorträgen nach Frankfurt eingeladen. Hermann Baumann unterhielt zu Frobenius‘ Kulturmorphologischem Institut enge Verbindung, obwohl in den dort betriebenen Studien rassenkundliche Ansätze nahezu keine Rolle spielten. Der als „politisch unzuverlässig“ und „jüdisch versippt“ eingestufte Mitarbeiter Frobenius‘ Adolf Ellegard Jensen, dem die Lehrbefungnis entzogen worden war, konnte mit Hilfe des kolonialpolitischen Amtes weiter wissenschaftlich arbeiten. Er unterhielt Kontakt mit dem Wiener Dominik Wölfel, der in einer ähnlichen Lage war. Jensen unterhielt auch Kontakt mit P. Wilhelm Schmidt im Schweizer Exil. Nach dem Krieg übernahm er die Leitung des Frobenius-Instituts und setzte sich – auf deren Bitten – für die nationalsozialistisch belasteten Baumann und Menghin ein. Der Graebner-Schüler Paul Leser (Frankfurt) und der Schmidt-Schüler Robert von Heine-Geldern (Wien) mussten beide wegen ihrer jüdischen Herkunft fliehen. Beide hielten im Exil Kontakt zueinander und auch zu Koppers und Schmidt. Nach dem Krieg setzte sich Koppers gemeinsam mit Heine-Geldern für eine Wiedergutmachung für Paul Leser ein. Geisenhainer kommt zu dem Schluss, dass für die Vernetzungen unter den WissenschaftlerInnen die Stellung zum NS-Regime eine geringere Rolle spielte als der gemeinsame kulturhistorische Ansatz.

GERTRUD BODEN (Frankfurt/M.) argumentierte am Fallbeispiel von Oswin Köhlers Arbeiten über die Khwe in Namibia, dass die Aufarbeitung der Fachgeschichte auch für die Angehörigen der untersuchten Gemeinschaften geschehen muss. Der Fokus liegt dabei auf der Wirksamkeit der konkreten Arbeitsweise oder Praxis für das Forschungsergebnis. Hauptwerk des Afrikanisten Köhler ist seine bisher unvollendet gebliebene Enzyklopädie Die Welt der Kxoé-Buschleute. Eine Selbstdarstellung in ihrer eigenen Sprache. Mit Übersetzung, Anmerkungen und Kommentaren von Oswin Köhler, ein insofern einzigartiges Werk, als Köhler alle Bereiche der untersuchten Kultur in originalsprachigen Texten darzustellen suchte. Berechtigterweise sehen die Khwe das Material als Dokumentation ihres kulturellen Erbes an. Sie verbinden auch die Vorstellung damit, dass sie angesichts des sozialen und kulturellen Wandels, den sie selbst wahrnehmen, hier ihre originale Sprache und Kultur (wieder-)finden können. Boden, die mit der Herausgabe der bisher unveröffentlichten Teile betraut ist, konnte durch Untersuchungen vor Ort, nicht zuletzt durch Gespräche mit überlebenden Zeitzeugen, und natürlich durch Untersuchung des hinterlassenen schriftlichen Materials, Köhlers Arbeitsweise rekonstruieren, die nicht dem Ideal der teilnehmenden Beobachtung entsprach, sondern großteils „am Schreibtisch“ geschah und vor allem in der Befragung alter Männer aus einem eng umgrenzten Gebiet bestand. Die korrekte Aussprache der Vokabel bezog Köhler von einer einzigen zum „Sprecher“ ernannten Person. Köhler hatte auch in den letzten Jahren künstlich eine „natürliche Umgebung“ für die von ihm so bezeichneten „letzten freien Jäger“ geschaffen und seine zahlreiche Besuche nie in der Regenzeit durchgeführt. Auch musste er, um sich in dem militärisch-politisch heiklen Gebiet aufhalten zu können, gute Beziehungen zum Apartheid-Regime aufrechterhalten. Aus all dem ergibt sich für Boden die Verpflichtung, die Khwe über die logistische, politische und ideengeschichtliche Bedingtheit der sie betreffenden Forschungsergebnisse aufzuklären, und zwar dialogisch, partizipativ und egalitär. Für die Zukunft stellt sich die Frage: Wie sollen sich Angehörige der beforschten Gemeinschaften an der Aufarbeitung der Fachgeschichte beteiligen, wie kann ihre Mitautorschaft praktisch gewährleistet werden? Die Bedingtheit der eigenen Praxis dabei offenzulegen wird dazu notwendig, wenn auch nicht hinreichend sein.

HAN VERMEULEN (Halle/Saale) betonte in seinem Beitrag über Geschichte der Ethnologie im 18. und 19. für das 21. Jahrhundert, dass es sich dabei um die Geschichte einer Reihe von Disziplinen handelt, um history of anthropology. Er fordert eine historizistische Methode, die Anachronismen vermeidet, historisch-kritisch und vergleichend vorgeht, die Ansichten der früheren Wissenschaftler in ihrer Zeit kontextualisiert, also emisch vorgeht, und Forschungsprogramme, also Paradigmen in Betracht zieht. Daher: historicist-emic-paradigmatic method. Die Anfänge der Ethnologie ortet Vermeulen nicht bei den Sozialevolutionisten wie Bastian, Tylor oder Morgan, sondern in der deutsch-russischen Frühaufklärung im 18. Jahrhundert. Es waren deutschsprachige Historiker wie Gerhard Friedrich Müller (1705-83), August Ludwig Schlözer (1735-1809), und Adam Franz Kollár (1718-83) die eine Wissenschaft der Völker und Nationen prägten und als Völker-Beschreibung (1740), ethnographia (1767-71), Völkerkunde (1771-75) und ethnologia (1781-83) bezeichneten. Gerhard Friedrich Müller, von Peter dem Großen an die russische Akademie der Wissenschaften berufen, bereiste mit der 2. Kamtschatka-Expedition 10 Jahre lang Sibirien, um Daten über Völker, Kulturen und Geographie zu beschaffen. Er beschrieb Religionen, Rituale und Kleidung der ethnische Gruppen Sibiriens. Sein Forschungsprogramm war: Beschreibungen zu sammeln mit dem Ziel, sie vergleichen zu können. Das sprachvergleichende Programm von Leibniz gab seinem Programm die Struktur: Man kann Völker nicht aufgrund ihrer Sitten klassifizieren, sondern nur aufgrund ihrer Sprache. Müllers Schriften wurden auf Deutsch allerdings erst 2003 bis 2010 publiziert. August Ludwig Schlözer war Professor für Geschichte an der Universität Göttingen. 1761 bis 1762 wohnte er sechs Monate bei Müller. Er führte 1771 den Begriff Völkerkunde ein, entwarf eine ethnographische Methode der Geschichtsschreibung und wollte ein nach Linnäischer Methode verfertigtes Systema Populorm in Classes entwickeln. Adam Frantisek Kollár, ein Historiker in Wien, kannte Schlözers Werke und übernahm seine Ideen. Er benutze 1781 als erster den Begriff ethnologia und definierte ihn als notitia gentium populorumque, bzw. Erforschung der Ursprünge, Sprachen, Sitten und Institutionen verschiedener Nationen. Ethnographie und Ethnologie entwickelten sich in multikulturellen Großreichen – dem Russischen, dem Deutschen (damals noch Heiligen Römischen) und dem Habsburgerreich – aus der Geschichtswissenschaft, der historischen Linguistik und der Geographie, neben und parallel zur Anthropologie, die ihre Wurzeln in den Naturwissenschaften und der Philosophie hat. Erst ab 1879 wurden die vier Felder physische Anthropologie, Ethnologie, Linguistik und Archäologie in den USA zu einer gemeinsamen Disziplin zusammengefasst.

Black Betty

Black Betty war keine nette Dame. Es war die Peitsche des Aufsehers.

Black Betty had a baby,
bam balam!
Black Betty had a baby,
bam balam!

Damn thing gone crazy,
bam balam!
Damn thing gone crazy,
bam balam!

Damn thing gone blind,
bam balam!
Pretty Betty don’t mind,
bam balam!

Take This Hammer

20. April 2017, Open House GG32

Take this hammer,
carry it to the captain!
Take this hammer,
carry it to the captain!
Take this hammer,
carry it to the captain!
Tell him: I’m gone!
Tell him: I’m gone!

If he ask you,
was I running,
tell him, I’m flying!

If he ask you,
was I laughing,
tell him, I’m crying!

This old hammer
killed John Henry,
but it won’t kill me!

Take this hammer,
carry it to the captain!
Take this hammer,
carry it to the captain!
Take this hammer,
carry it to the captain!
Tell him: I’m gone!
Tell him: I’m gone!

Zwei Altwiener Hurenlieder

DREI WILDE ENTEN
Melodie: Martin Auer

Drei wilde Enten,
die fliegen übern See.
Und was ins Wasser g’faI|en is,
kommt nimmer in die Höh!

Hot oans g’sch|agn, hat zwoa g’schIagn,
hat drei bei der Nacht.
Da hat mi mei Bua
um die Jungfernschaft bracht.

I pfeif auf mei Jungfernschaft,
i pfeif auf mei Leben!
Der Bua, der mirs g’nommen hat,
der kann mirs nimmer geb’n.

Schenk mir a Fufz’ger.
Wir hab’n ka klans’s Geld,
’s is scho zum Verreck’n
auf dera blöd’n Welt.
IM WIEDNER SPITAL
Melodie: Martin Auer

Im Jahre dreiundneunzig
da is mir was passiert,
da hams mi ohne Umständ
ins Wiedner Spital g’führt.

Auf’s Stiegerl bin i kumma,
uje, da hab i g’schaut,
da steht der Spekuliertisch,
jetzt, Maderl, steig hinauf.

Saal neunzehn bin i kumma
vergelt’s Gottl hab i g’sagt.
Jetzt hat mei arme Lotte
den Feldzug mitgebracht!

Dortn Iz Mayn Rueplats

By Morris Rosenfeld

Nit zukh mikh vu di mirtn grinen,
Gefinst mikh dortn nit, mayn shats.
Vu lebns velkn bay mashinen,
Dortn iz mayn rueplats.

Nit zukh mikh vu di feygl zingen,
Gefinst mikh dortn nit, mayn shats.
A shklaf bin ikh, vu keytn klingen,
Dortn iz mayn rueplats.

Nit sukh mikh vo fontanen spritsn,
Gefinst mikh dortn nit, mayn shats.
Vu trern rinen, tseyner kritzen,
Dortn iz mayn rueplats.

Un libstu mikh mit varer libe,
To kum tzu mir, mayn guter shats.
Un hayter oyf mayn harts, dos tribe,
Un makh mir zis mayn rueplats.

—-

Don’t look for me where myrtles grow,
You will not find me there, my beloved.
Where lives wither at the machines,
There is my resting place.

Don’t look for me where birds sing,
You will not find me there, my beloved.
A slave am I, where chains clang.
There is my resting place.

Don’t look for me where fountains play,
You will not find me there, my beloved.
Where tears are flowing, teeth are gnashing,
There is my resting place.

And if you love me with true love,
Then came to me, my good beloved,
And light up my gloomy heart,
And make sweet my resting place.

The Death of Harry Simms

In the industrialized countries of the West trade unions have long since become part of the establishment. Their heroic times belong to the past. But in many developing countries the fight for union rights has only just begun. What we need in this globalized world are global trade unions who practice international solidarity. So this song is in memory of a heroic union organizer in the USA, Harry Simms, who was shot by gunmen in the pay of the coal owners during the coal miners‘ strike in Harlan County, Kentucky, in 1932.
Harry Simms auf Wikipedia

THE DEATH OF HARRY SIMMS

The song was written by Aunt Molly Jackson and Jim Garland.

Come and listen to my story, come and listen to my song
I will tell you of a hero, who’s now dead and gone
I will tell you of a young boy, whose age was nineteen
He was the bravest union man, that I have ever seen

Harry Simms was a pal o‘ mine, we labored side by side
Expecting to be shot on sight, or taken for a ride
By them dirty cole operator gun thugs, that roamed from town to town
A-shooting down the union men, where e’er they may be found

Harry Simms was walkin‘ down the track, one bright sun-shiny day
He was a youth of courage, his step was light and gay
He did not know the gun thugs was hiding on the way
To kill our brave young comrade this bright sun-shiney day

Harry Simms was killed on Brush Creek, in nineteen thirty-two
He organized the miners, into the N.M.U.
He gave his life in struggle, that was all that he could do.
He died for the union, also for me and you.

Ich glaube, das Internet wäre viel interessanter, wenn auf jedem Blog derselbe Content zu sehen wäre, dafür aber unterschiedliche Anzeigen.

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Zur Rolle des Irrationalen in Arjun Appadurais „Fear of Small Numbers“ („Die Geographie des Zorns“)

Abstract: Appadurai führt die Gewalt gegen Minderheiten in der Ära der Globalisierung auf pathologische, irrationale Strebungen wie „Angst vor der Unvollständigkeit“ der reinen nationalen Ethnie zurück. Demgegenüber wird argumentiert, dass irrationale Strebungen dann gesellschaftlich wirksam werden, wenn sie der Befriedigung realer Interessen von Teilen der Gesellschaft dienlich sind.

Appadurai stellt diesen Essay vor als zweiten Teil seines 1989 begonnen Projekts über die kulturelle Dynamik der Globalisierung, dessen erster Teil Modernity at Large (Appadurai 2005) war. In die­sem Buch will er nun die dunkleren Seiten der Globalisierung behandeln. Ins Zentrum stellt er die Frage, warum die Ära der Globalisierung auch eine Ära der Gewalt gegen Minderheiten, des Ethno­zids und Geno­zids ist, und ebenso eine Ära der Gewalt, die von Minderheiten ausgeht, nämlich in Form des Terro­rismus. In dieser kurzen Arbeit möchte ich nur untersuchen, wie Appadurai den er­sten Teil dieser Frage be­antwortet und welche Rolle er dabei irrationalen Strebungen zuweist.

Appadurai unterscheidet zwei Grundformen der Gewalt, die seit 1998 hervorgetreten sind. Die erste sind die Genozide und ethnischen Säuberungen in Jugoslawien, im Kaukasus, in Ruanda und Indi­en. Der zweite Typus sind Terroranschläge wie der gegen das World Trade Center 2001. Von den Ereig­nissen des ersten Typus sagt er, sie hätten gezeigt, „daß die Globalisierung pathologische Ele­mente im Kern der heiligen Ideologie der Nation und der nationalen Identität offenlegen könnte.“ (Appa­durai 2009: 13) Worin bestehen nun diese pathologischen Elemente? Der moderne National­staat be­ruhe auf der gefährlichen Idee des „nationalen Ethnos“. Kein sich noch so multikulturell ge­bärdender Nationalstaat käme ohne die Vorstellung aus, seine Souveränität gründe sich auf eine Art ethni­schen Geist. Die Globalisierung würde diese Idee bedrohen, indem sie die Grenzen zwischen „uns“ und „ihnen“ verwischt, indem sie die Unsicherheit, was nationale Zugehörigkeit bedeutet, wachsen lässt. Nationalstaaten würden in dieser Zeit „wie die letzten Dinosaurier verzweifelt um ihr Leben kämpfen“ (Appadurai 2009: 35)1. Die Gewissheit, dass unverwechselbare, einzigartige Völ­ker aus klar abgegrenzten nationalen Territorien stammen und diese kontrollieren, sei durch die glo­bale Fluidität von Reichtum, Waffen, Menschen und Bildern ins Wanken geraten (vgl. Appadurai 2009: 19). Besonders die Fiktion der souveränen Volkswirtschaft sei zerstoben, und so bliebe heute nur noch das Feld der Kultur übrig, „um Phantasien der Reinheit, der Authentizität, der Grenzen und der Sicherheit auszuleben“ (Appadurai 2009: 37).

Minderheiten nun würden die ethnische Reinheit des Nationalstaats gefährden. Der Begriff der Minderheit hätte seinen Ursprung in der Welt der Parla­mente, Gerichte, Stadträte, wo es um den Schutz der Rechte bzw. Meinungen von vorübergehenden „prozeduralen“ Minderheiten gegangen sei. Diese Schutzwürdigkeit sei nun auf permanente kultu­relle Minderheiten übertragen worden, und dies sei ein wichtiger Grund für die ambivalente Hal­tung, die man in ganz unterschiedlichen Demokratien Minderheiten gegenüber eingenommen hat. Appadurai sagt weiters, „daß sowohl Min­derheiten als auch Mehrheiten Produkte einer durch und durch modernen Welt der Statistiken, Volkszählungen, Bevölkerungskarten und anderer staatlicher Instrumente sind, die es im großen und ganzen erst seit dem 17. Jahrhundert gibt“ (Appadurai 2009: 56). Es fragt sich, wie Appadurai das wohl meint. Minderheiten wie „Juden“2 oder „Zigeuner“ kennt Europa seit Jahrhunderten, lange be­vor es Nationalstaaten gab. Desgleichen die „Cagots“ in Süd­frankreich (vgl. Bériac1987), die „Karrner“ und „Jenischen“ in Tirol und der Schweiz (vgl. Schleich/Pescosta 2003) oder die „Tin­kers“ in Großbritannien (vgl. Helleiner 1995). Die „scheduled castes“, also förderungswürdigen Kasten sind sicherlich ein bürokratischer Begriff des modernen indischen Staates (übernommen von der britischen Kolonialverwaltung), aber unberührbare Kasten gibt es in Indien seit Jahrtausenden (vgl. Jalali 1993). Nicht nur Statistiken schaffen Minderheiten, auch Ghettos und Kleidervorschrif­ten, Acht-und-Bann-Erklärungen, abgesonderte Kirchenbänke oder Berufsbe­schränkungen. Wie dem auch sei:

Der Haß auf Minderheiten in einer zunehmend globalen Welt hat etwas ganz und gar Rätselhaf­tes. Rätselhaft ist, warum die zahlenmäßig relativ kleinen Gruppen, die dem Wort „Minderheit“ seine Bedeutung geben, und normalerweise politische und militärische Schwäche implizieren, Minderheiten nicht davor bewahren, zum Gegenstand von Furcht oder Haß zu werden. Warum muß man die Schwachen töten, foltern oder in ein Ghetto sperren? (Appadurai 2009: 65)3

Und er fährt fort: „Diese Frage hätte man in der Geschichte immer wieder stellen können, um dem Problem ethnischer Gewalt gegen kleine Gruppen auf die Spur zu kommen.“ (Appadurai 2009: 65) Also ist das Phänomen doch nicht so neu?

Appadurai zählt einige mögliche Antworten auf die Rätselfrage auf: Kampf der Kulturen, Scheitern des staatlichen Gewaltmonopols, weltweite Betäubung unserer humanitären Reflexe durch die Überflutung mit medialer Gräuelberichterstattung, Zunahme des globalen Waffenhandels oder gar Korrektur der Überbevölkerung im Sinne von Malthus. Sie alle verwirft er. Minderheiten rufen laut Appadurai ein pathologisches Phänomen hervor, das er „Angst vor der Unvollständigkeit“ nennt:

Numerische Mehrheiten können gegenüber kleinen Gruppen gerade dann eine aggressive, ja mörderische Haltung einnehmen, wenn bestimmte (zahlenmäßig kleine) Minderheiten sie daran erinnern, daß es nur sehr wenige Menschen sind, deren Existenz sie daran hindert, ihren Status als Mehrheit auszubauen zu dem einer unbefleckten Gemeinschaft, zu einem makellos reinen na­tionalen Ethnos. (Appadurai 2009: 21)

In diesem Absatz sind es also „Mehrheiten“, die Angst vor der Unvollständigkeit haben. Jedoch, ei­nige Kapitel später:

Angesichts der in der Globalisierungslogik liegenden systematischen Beeinträchtigung nationa­ler wirtschaftlicher Souveränität und des wachsenden Drucks, der dadurch auf Staaten lastet, sich als Treuhänder der Interessen eines territorial definierten und begrenzten Volkes zu gerieren, er­weisen sich Minderheiten in einer aus wenigen Megastaaten bestehenden Welt der ungeregelten Wirtschaftsströme und und beeinträchtigten Souveränitäten für viele Staaten selbst als geeignete Projektionsflächen für ihre Ängste vor der eigenen (wirklichen oder phantasierten) zahlenmäßi­gen Unterlegenheit oder Marginalität. (Appadurai 2009: 57–58)

Hier sind es also kleinere Staaten, die gegenüber den wenigen „Mega­staaten“ an einer Art Minder­wertigkeitskomplex leiden, und deshalb auf die Minderheiten in ihrem Inneren losgehen: „Minder­heiten sind, mit anderen Worten, Metaphern für und Zeichen der Erinnerung an den Verrat am klas­sischen nationalen Projekt.“ (Appadurai 2009: 58)

Da es schwer vorstellbar ist, dass Staaten an Ängsten leiden und Minderheiten als Metaphern und Projektionsflächen benutzen, muss man sich fragen, wen Apadurai hier mit „Staat“ meint: Das Staatsvolk? Die im Staatsapparat Beschäftigten? Die Politiker und Politikerinnen? Es lässt sich nicht wirklich fassen. Durch den ganzen Essay zieht sich eine Vagheit, die sich in Sätzen zeigt wie:

Allgemeiner gesprochen […] sind Minderheiten die Lunte an einem explosiven Cocktail aus Ver­unsicherungen, der sich zwischen dem Alltag und seinem schnell sich wandelnden globalen Hin­tergrund zusammenbraut. Wegen ihres gemischten Status schaffen sie Verunsicherung bezüglich des nationalen Selbst und der nationalen Staatsbürgerschaft. (Appadurai 2009: 59).

Indem er Hauptwörter gebraucht, schafft es Appadurai, von Verunsicherung zu sprechen, ohne zu sagen, wer verunsichert wird. Andere rhetorische Mittel, Dinge in der Schwebe zu lassen, sind häu­fig vorkommende Formulierungen wie: „hat zu tun mit“, „spielt eine Rolle“, „hängt zusammen mit“ usw., die Korrelationen herstellen, ohne sich auf Kausalitäten festzulegen.

Doch lesen wir weiter:

Natürlich hat auch jeder Fall von innerstaatlicher Gewalt gegen Minderheiten seine eigene ‚rea­listische‘ Soziologie: steigende Ansprüche, grausame Märkte, korrupte Staatsorgane, arrogante Interventionen von außen und ein tiefsitzender Argwohn oder Haß zwischen nationalen Bevölke­rungsgruppen, der nur darauf wartet, entfesselt zu werden. (Appadurai 2009: 58)

Sollen hier also doch noch handfestere Interessen ins Spiel gebracht werden? Ein wenig tautolo­gisch erscheint, dass hier der „Hass zwischen nationalen Bevölkerungsgruppen“ in die Reihe von Faktoren gestellt wird, die Gewalt und Hass gegen Minderheiten erklären sollen. Doch sie sollen es sowieso nicht wirklich, denn: „Aus diesen Elementen können wir nur die Charaktere des Dramas zusammenstellen.“ (Ap­padurai 2009: 58)

Um zu verstehen, warum Minderheiten eigentlich weltweit diesem Muster zum Opfer fallen, können wir auf das klassische anthropologische Argument von Mary Douglas zurückgreifen, daß ‚Schmutz etwas ist, das fehl am Platz ist‘; jede moralische oder soziale Taxonomie reagiert dem­zufolge allergisch auf alle Elemente, die ihre Grenzen verwischen (1966). (Appadurai 2009: 58)

Wir haben es hier also mit der Angst vor der Verunreinigung zu tun, die wir in diesem Fall wohl als irrational einstufen dürfen.

Sosehr die ‚Minderheiten‘-Gruppen in unseren nationalen Territorien auf die eine oder andere Weise auch gebraucht werden – und sei es nur, um unsere Toiletten zu putzen und unsere Kriege zu führen –, so wenig sind sie wegen ihrer anomalen Identitäten und Bindungen anderer­seits willkommen. In dieser doppelten Eigenschaft versinnbildlichen sie für viele Nationalstaaten das Grundproblem der Globalisierung: Sie ist ebenso notwendig […] wie unwillkommen. […] So ge­sehen wird in der globalisierten Gewalt gegen Minderheiten eine tiefsitzende Angst um das na­tionale Projekt und dessen ambivalentes Verhältnis zur Globalisierung ausagiert. Als gesichtslose Macht kann die Globalisierung nicht Opfer eines Ethnozids werden, Minderheiten aber sehr wohl. (Appadurai 2009: 59)

Hier ist es nun die rhetorische Form der Passivkonstruktion, die uns nicht verrät, wer da seine oder ihre Ängste ausagiert. Jedenfalls: Minderheiten versinnbildlichen also die Globalisierung und sie werden als Ersatzopfer umgebracht, weil man nicht die Globalisierung umbringen kann.

Wie lassen sich nun die konkreten Beispiele, die Appadurai am Anfang des Essays anführt, mit Hil­fe dieser Analyse erklären? Am ausführlichsten behandelt Appadurai die antimuslimischen Pogrome in Indien während der Herrschaft der hinduistischen Partei BJP. Die hinduistischen Nationalisten hätten den Muslimen vorgeworfen, sie seien der muslimischen Welt gegenüber loyaler als gegen­über Indien. Sie hätten die Muslime der sexuellen Unmoral und der Unterdrückung ihrer Frauen be­schuldigt. Sie hätten jede Erfüllung irgendeiner Forderung der muslimischen Gemeinschaft als „Be­schwichtigungspolitik“, als einen Schritt hin zur Kapitulation vor Pakistan hingestellt.

Der Beschwichtigungsdiskurs ist faszinierend, weil er sich genau auf dem abschüssigen Gelände zwischen dem Gefühl, eine Mehrheit zu sein, und der Enttäuschung unvollständiger Identifikati­on mit dem ungeteilten Ethnos des Gemeinwesens bewegt. (Appadurai2009: 93)

Appadurai bringt also den Beschwichtigungsdiskurs mit der Angst vor der Unvollständigkeit in Zu­sammenhang, aber es wird nicht klar, wer an dieser Angst leidet. Sind die Rechten selber von dieser Angst befallen oder schüren sie demagogisch diese Angst bei den Massen – oder beides? Allerdings erfahren wir einige Absätze davor, „daß die Idee einer hinduistischen Mehrheit in Wirklichkeit die numerische Minderheit der oberen Kasten verschleiert. Diese landbesitzenden Kasten haben […] einen Aufstieg der unteren Kasten nämlich weit mehr zu fürchten als die dortigen Muslime.“ (Appa­durai 2009: 91) Das klingt doch nach handfesten politischen und wirtschaftlichen Interessen und nicht nach einer pathologischen „Angst vor Unvollständigkeit“. Waren die 120.000 Hindus, die 2002 an den Pogromen gegen Muslime teilnahmen, eine numerische Mehrheit, die von der Minder­heit daran erinnert wurde, dass sie kein makellos reines nationales Ethnos waren? Gujarat hat 60 Millionen Einwohner. Der Spiegel schrieb mit Bezug auf den damaligen Chefminister von Gujarat und BJP-Führer:

Modis Polizisten und Bürokraten sollen bisherigen Untersuchungen zufolge die Pogrome tole­riert, wenn nicht angeheizt haben. Zum Teil feuerten die Uniformierten auf Muslime. Ein inter­ner EU-Bericht sprach vorige Woche sogar von geplanten politischen Aktionen. (Falk­sohn/Rao 2002: 162)

Könnten die Motive der Reinheit noch mit anderen Motiven verbunden sein? Helene Basu schreibt in ihrer Untersuchung über die riots:

Erfolg und Reichtum muslimischer Wirtschaftsunternehmer erregen Neid, der von Ideologen der hindu-nationalistischen Bewegungen als „gerechte Empörung“ über die „Ausbeutung von Hin­dus durch Muslime“ geschürt wird. Dies wird z. B. auf Flugblättern deutlich[…]. In einem sol­chen Pamphlet wird zum Boykott von muslimischen Wirtschaftsunternehmen aufgerufen; kleine und große muslimische Betriebe […] und ihre angeblichen Einkünfte werden aufgelistet, musli­mische Geschäftsleute als skrupellose Ausbeuter gebrandmarkt, die sich von vertrauensseligen Hindus unrechtmäßig „hinduistisches Geld“ aneignen, um zum Dank ihre Frauen zu vergewalti­gen und schließlich einen Glaubenskrieg zu führen. (Basu 2004: 238)

Das legt die Vermutung nahe, dass Menschen dann gerne einer irrationalen Reinheitspropaganda folgen, wenn sie ihnen die Möglichkeit verspricht, unliebsame Konkurrenz loszuwerden und sich vielleicht sogar unmittelbar am Eigentum der die Reinheit gefährdenden Minderheit zu bereichern.

Appadurai ist nicht der einzige, der Hass auf und Gewalt gegen Minderheiten mit irrationalen Stre­bungen erklärt. Eigentlich ist das ja eine gängige, populäre Erklärung. Kann man Hass auf Min­derheiten, Anti­semitismus, Antiziganismus etc. auch rational erklären? Das Beispiel der „Cagots“ könnte hier er­hellend sein. Diese Außenseitergruppe, die vom 13. bis weit ins 19. Jahrhundert hin­ein in Spanien und Frankreich diskriminiert wurde, unterschied sich nämlich weder in der Sprache, noch in der Re­ligion, noch im Aussehen, noch nach der Herkunft von der übrigen Bevölkerung. Die Cagots waren eine Minderheit einzig und al­lein, weil sie von der Mehrheit ausgeschlossen wurden. Sie durften nur in bestimmten Vierteln woh­nen, in der Kirche nur auf abgesonderten Plätzen sitzen und nur bestimmte Berufe ausüben, die mit Holzverar­beitung zu tun hatten: Sie waren hauptsächlich Zimmerleute. Natürlich wurden ihnen di­verse Laster angedichtet. Und sie waren bettelarm (vgl. Be­riac 1987). Das lässt darauf schließen, dass ihre Arbeit nicht gut bezahlt wurde. Und das lässt wie­derum schlie­ßen, dass bei de­nen, die ihre Dienste in Anspruch nahmen, ein Interesse daran bestand, dass sie weiter Ausgestoße­ne bleiben sollten, weil Ausgestoßene eben nehmen müssen, was sie krie­gen.

Ähnlich verhielt es sich mit den „Zigeunern“, die 1487 auf dem Reichstag zu Lindau in die Reichs­acht getan wurden. 500 Jahre lang wurden sie verfolgt, trotzdem verschwanden sie nicht aus Euro­pa. Warum? Weil sie nützlich waren, weil sie in den Dörfern, die für sesshafte Handwerker keinen ausreichenden Markt boten, als Wanderarbeiter schmiedeten, reparierten, Holzwaren herstellten und so weiter (vgl. Djuric/Becken/Bengsch 1996). Und warum wurden sie weiter verfolgt, wenn sie doch nützlich waren? Weil sie als Ver­folgte, als Vogelfreie, noch nützlicher waren. Weil jemand, der eigentlich nicht da sein darf, sich für seine Arbeit mit dem bescheiden muss, was man ihm gibt. Ähnlich verhielt es sich mit den „Juden“.

Unbestreitbar spielten bei der Verfolgung all dieser Grup­pen irrationale Momente eine Rolle, xeno­phobe Ängste, von Generation zu Generation weitergege­bene Stereotypen, unhaltbare Vorwürfe. Doch um die Funktion dieser irrationalen Momente zu ver­stehen, genügt es nicht zu erforschen, wie sie entstanden sind. Es ist notwendig zu wissen, warum sie erhalten bleiben. Warum werden My­then nicht überprüft, Vorurteile nicht widerlegt, Ängste vor den Unbekannten nicht durch Kennen­lernen überwunden? Weil niemand sich davon einen Vorteil verspricht. Weil niemand ein Interesse daran hat. Für die christliche Kirche war das Judentum eine gefährliche Konkurrenz. Die Könige nahmen die Juden unter ihren Schutz – gegen entsprechende Zahlung. Sie hatten also kein Interesse daran, sie ihren übrigen Untertanen wirklich gleichzustellen. Seither ist die Geschichte der Juden in Europa eine Geschichte nicht von durchgängiger Verfolgung, sondern von Vertreibung und Wieder­ansiedlung, von Pogromen und teuer erkauften Privilegien (vgl. Brumlik 2009). Sie waren nützlich als Ärzte, Handwerker, Kaufleute und Bankiers, aber noch nützlicher dadurch, dass man sie als Fremde holen konnte, wenn man sie brauchte, und verjagen, wenn sie eine lästige Konkurrenz wa­ren, dass man sie mit Sondersteuern belegen oder einfach aus­rauben und enteignen oder im Be­darfsfall umbringen konnte. Warum also sollte jemandem daran gelegen sein, die Vorwürfe des Got­tesmordes, des Brunnenver­giftens, des Ritualmordes, der Spio­nage für den jeweiligen Feind oder der sexuellen Ungezügeltheit zu überprüfen? Erst das revolutio­näre Bürgertum von 1848 hatte – wenigstens zeitweise – ein Interesse daran.

Gewiss war der nationalsozialistische „Rassenwahn“ irrational und hatte seine fanatischen Gläubi­gen. Aber hätte er politisch wirksam werden können, wenn er nicht der Vorberei­tung eines neuen Eroberungskrieges dienlich gewesen wäre? Ging es der deutschen Industrie, die sich nach Hitlers Wahlsieg mit ihm arrangierte, um die „Logik der Reinheit“ (Appadurai 2009: 71)? War sie interes­siert an einem „Projekt des Deutschtums in den Begriffen der Ethnie oder Rasse“ (Appa­durai 2009: 71) oder hatte sie bloß nichts dagegen, weil die angestrebte Vorherrschaft des Germanentums ihr neue Märkte versprach? War die Masse der Deutschen und Öster­reicher, die Hitler mehr oder weni­ger willig folgten, von der „Angst vor der Unvollständigkeit“ ge­quält, oder hatte man sie nicht ge­ködert mit der Hoffnung auf Beseitigung der jüdischen Kon­kurrenz, mit der Hoffnung auf Bereiche­rung am jüdischen Vermögen, mit der Hoffnung auf Land im Osten, mit der Hoffnung auf eine flo­rierenden Wirtschaft und sichere Arbeitsplätze in einem weltmarktbeherrschenden siegreichen Deutschland? „Von den 1933 bestehenden ca. 100 000 jüdischen Unternehmen im Deutschen Reich […] waren im April 1938 nur 40 Prozent noch nicht ‚arisiert‘“. (Mönninghof 2001: 13) Durch die Vertreibung der Wiener Juden und Jüdinnen wurde allein Wohnraum für 180.000 Menschen frei­gemacht. Handfeste Motive für eine Komplizenschaft, handfeste Gründe, eine Propaganda nicht in Frage zu stellen, die die Juden als „Problem für die Reinheit des arischen deutschen Blutes, für das fast vollkommene Pro­jekt eines national reinen und unbefleckten Ethnos“ (Appadurai 2009: 71–72) hinstellte. Auch der geplanten vollständigen Ausrottung der Juden kann man ein rationales Element nicht absprechen. Nachdem man sie in Deutschland und Österreich vollständig ausgeraubt hatte, nachdem die Vertreibung der noch verbliebenen nicht mehr möglich war, nachdem nun jeder Jude und jede Jüdin auf der Welt, der oder die Zeitung lesen oder Radio hören konnte, infolge einer selbsterfüllenden Prophezeiung nun ein Feind der Nazis sein musste, nachdem man es nicht mehr mit ein paar hunderttausend, sondern in den eroberten Gebieten mit Millionen Juden zu tun hatte, nachdem man diese Millionen nicht durchfüttern konnte und die Ghettos, in die man sie hätte sper­ren müssen, gefährliche Pulverfässer gewesen wären – war die „Endlösung“ nur folgerichtig. Was als Kombination von irrationalem Wahn und zynischer Propaganda begonnen hatte, war – in der Logik eines durch und durch verbrecherischen Kriegs – zur ungeheuerlichen militärischen Notwen­digkeit geworden.

In Appadurais Buch gibt es durchaus Andeutungen und Hinweise auf handfeste materielle Interes­sen. Auch die Rolle der Propaganda erwähnt er gelegentlich. Doch er klärt nicht, in welchem Ver­hältnis irrationale Ängste und reale Interessen zu einander stehen. Bei wem entstehen diese Ängste, wer verbreitet sie, wer lässt sich von ihnen anstecken, wer übernimmt die damit verbundenen Ver­dächtigungen und Beschuldigungen gutgläubig und wer macht sie sich zynisch zunutze, wer weiß es besser und unternimmt nichts dagegen und wer könnte es besser wissen, will es aber nicht? Menschliches Handeln ist immer von irrationalen Motiven und rationalen Überlegungen bestimmt. Aber irrationale Motive können nur dann gesellschaftliche wirksam werden, wenn sie den danach Handelnden – zumindest zeitweilig – einen realen Nutzen verschaffen.

Literaturverzeichnis

Appadurai, Arjun/Engels, Bettina (Übers.). 2009. Die Geographie des Zorns, Frankfurt am Main.

Appadurai, Arjun. 2006. Fear of small numbers. An essay on the geography of anger, Durham u. a.

Appadurai, Arjun. 2005 (orig. 1996). Modernity at large, Minneapolis.

Basu, Helene. 2004. Riots, in: Historische Anthropologie 12, 2: 228–242.

Beriac, Françoise. 1987. Une minorité marginale du Sud-Ouest, in: Histoire, économie et société 6, 1: 17–34.

Brumlik, Micha. 2009. Kurze Geschichte der Juden, Berlin.

Djurić, Rajko/Becken, Jörg/Bengsch, A. Bertolt. 1996. Ohne Heim – ohne Grab. Die Geschichte der Roma und Sinti, Berlin.

Falksohn, Rüdiger/Rao, Padma. 2002. Blutrausch wie im Mittelalter, in: Der Spiegel 06.05.2002 : 160–162.

Helleiner, Jane. 1995. Gypsies, Celts and tinkers, in: Ethnic and Racial Studies 18, 3: 532–554.

Mönninghoff, Wolfgang. 2001. Enteignung der Juden. Wunder der Wirtschaft; Erbe der Deutschen, Hamburg.

Jalali, Rita. 1993. Preferential policies and the movement of the disadvantaged, in: Ethnic and Raci­al Stu­dies 16, 1: 95–120.

Schleich, Heidi/Pescosta, Anton S. 2003. Das Jenische in Tirol. Sprache und Geschichte der Karr­ner, La­ninger, Dörcher, Landeck.

1Weiter unten heißt es freilich: „Empirisch gesehen ist es natürlich unsinnig, von einem Ende des Natio­nalstaats zu sprechen.“ (Appadurai 2009: 44)

2Unter all diese in Anführungszeichen gesetzte Begriffe wurden zu unterschiedlichen Zeiten von unter­schiedlichen Instanzen unterschiedliche Personen nach unterschiedlichen Definitionen subsumiert.

3Im Original dieser misslungenen Übersetzung ist nicht von relativ kleinen Gruppen, sondern von „rela­tively small numbers“ die Rede (Appadurai 2006: 50).