Das Wichtigste, was ein Führer braucht, sind Feinde.

Das nächste, was er – oder sie – braucht, sind Menschen, die echte Sorgen, Probleme oder Ängste haben, denen er Abhilfe verspricht, wenn sie die Feinde bekämpfen. Wenn es ihm gelingt, die zu mobilisieren, dann bekommt er auch die Unterstützung von Leuten mit dem nötigen Reichtum, um ihn zu finanzieren, von Intellektuellen, die sich ihm als Ideologen andienen und von allen möglichen anderen SpezialistInnen, die sich unter seiner Führung bessere Karrierechancen ausrechnen. Und oft finden sich auch noch ein paar IdealistInnen, die aus verschiedenen Gründen das Bedürfnis haben, wo dazuzugehören, einer Sache zu dienen und sich eventuell auch dafür zu opfern.

In der U-Bahn

Halb acht Uhr früh, ich bringe meine Tochter zur Schule. In der U-Bahn sagt eine kleine, etwas rundliche Frau mit Brille etwas zu mir. Ich schiebe meine Haube von einem Ohr hoch, weil ich sie in der lauten U-Bahn nicht verstehe: „Wie bitte?“
„Guten Tag!“.
„Guten Tag!“ antworte ich. Kennt sie mich? Kenne ich sie? Sollte ich sie kennen?
Nein, sicher nicht.
Sie hält auch meiner Tochter die Hand hin und grüßt sie höflich. Dann beginnt sie zu erzählen: Sie ist 38 Jahre alt. Sie hat zwei Kinder, die in die Schule gehen. Eins in die Volksschule und eins in die Hauptschule.
An ihrer etwas schweren Zunge und dem leicht kindlichen Tonfall erkenne ich, dass ich es mit einer Person mit Lernbehinderung zu tun habe. Und natürlich an dem Umstand, dass sie wildfremde Menschen in der U-Bahn freundlich grüßt und ein Gespräch beginnt. Denn welcher normale Mensch macht schon sowas, nicht?

Nulltoleranz

Es gibt vieles, was unsere Gesellschaft nicht tolerieren sollte. Aber immer, wenn ich den Ausdruck „Nulltoleranz“ höre oder lese, rinnt es mir kalt über den Rücken. Nulltoleranz bedeutet, es sich leicht machen. Kein Abwägen der Umstände, kein Beurteilen der Person, ihrer möglichen Motive, kein Einschätzen der Schwere der Übertretung – Nulltoleranz ist einfach ein anderes Wort für „kurzen Prozess machen“.

Wieder im Druck: „Ich aber erforsche das Leben – Die Lebensgeschichte des Jean-Henri Fabre“

Dieses 1995 im Beltz Verlag erschienene Buch ist nun als amazon Taschenbuch erhältlich.


Jean-Henri Fabre, 1823–1915, war ein scharfsichtiger Beobachter der lebendigen Natur. Tierisches Verhalten erforschte er lange vor Nikolaas Tinbergen und Konrad Lorenz. Aufgespießte Kä­ferleichen zu klassifizeren, war nicht, was er unter Wissenschaft verstand. Die erstaunlichen Instinktleistungen der Insekten entschlüsselte er durch geduldiges und genaues Beobachten in freier Natur. Mit scharfsinnig ausgedachten Experimenten stellte er ihre Fähigkeiten auf die Probe, deckte ihre Möglichkeiten und auch ihre Grenzen auf. Immer wieder musste er erstaunt feststellen, dass den so verblüffend intelligent wirkenden Verhaltensweisen der kleinen Lebewesen angeborene Abläufe zugrunde liegen, die in ihrer angestammten Umwelt perfekt funktionieren, aber versagen, wenn der Experimentator die Gegebenheiten listig verändert. Sein Staunen vor der Vielfalt und Größe der Natur verstand er in seinen Schriften meisterhaft mitzuteilen. Akademisches Kauderwelsch, das mit Gelehrsamkeit beeindrucken will, verachtete er zutiefst. Seine Forschungsberichte schildern packend die Aufgaben, vor die das Leben die verschiedenen Lebewesen stellt, und wie sie diese, jedes auf seine Art, bewältigen: „ihre Sitten und Handwerke, ihre Kriege und Liebschaften, ihr Privat- und Gesellschaftsleben“. Seine Bücher erregten die Bewunderung von Wissenschaftlern wie Charles Darwin ebenso wie von Dichtern wie Frédéric Mistral und Romain Rolland. Den größten Teil seines Hauptwerks, der Souvenirs entomologiques, verfasste er zwischen seinem sechzigsten und neunzigsten Lebensjahr

Pizza

Papa hat Pizza gemacht.
Nurias tomatenverschmierte Freundin: „Warum müssen Erwachsene Pizza mit Messer und Gabel essen?“
Tomatenverschmierte Nuria: „Ja wirklich!“
Papa, die Gabel zum Mund führend: „Erwachsene sind halt komisch!“
Nuria: „O Gott, dann werden wir auch einmal komisch!“
Papa kaut grinsend.

Jeden Tag

Jeden Tag, wenn ich mit dem Fahrrad an dieser Ecke vorbeifahre, so zwischen acht und halb neun am Vormittag, stehen da zwei Männer, ein älterer und ein jüngerer. Der ältere hält den jüngeren um die Mitte gefasst vor sich, denn der jüngere, anscheinend mehrfach behindert, kann alleine nicht stehen. Ihre Kleidung ist ärmlich, beide tragen Wollmützen und Windjacken.Ihre Hautfarbe ist bräunlich, die Gesichtszüge sind asiatisch. Sie könnten von den Philippinen stammen oder aus Indonesien. Der jüngere sieht dem älteren ähnlich, obwohl sein Gesichtsausdruck durch die Behinderung entstellt ist. Er ist vielleicht sein Sohn oder sein jüngerer Bruder. Mit herunterhängender Lippe, hervorquellenden Augen wirkt sein Blick stier, verständnislos. Der ältere steht hinter ihm, hält ihn fest, sein Gesichtsausdruck ist verhalten, verrät nichts. Jeden Tag führt er den Sohn da hinaus, wahrscheinlich nur ein paar Schritte vors Haus, jeden Tag steht er mit ihm da und hält ihn fest, damit er an die frische Luft kommt, vielleicht auch, damit er etwas sieht, Menschen und Autos, die da vorbeiziehen. Man sieht es dem Sohn nicht an, ob er gern da ist, ob er versteht, was er sieht. Man sieht es dem Vater nicht an, ob er aus Liebe zu seinem Sohn da steht oder aus Pflichtgefühl, ob ihn der Zustand des Sohns bekümmert. Er spricht nicht zu ihm, er zeigt ihm nichts, er deutet nicht. Er hält ihn nur fest, damit er nicht umfällt. Es ist, wie es ist, und man tut, was zu tun ist, und sie beide gehören zusammen. Aber was weiß ich schon. Ich weiß nur, dass sie immer da stehen, wenn ich vorbeiradle, zwischen acht und halb neun, wortlos, fast ohne Bewegung, der eine den anderen festhaltend, jeden Tag.

Warum Regierungen sich nicht an Erkenntnisse von Ökonom_innen halten

DREI ANTWORTEN AN LEO LUKAS

Leo Lukas hat auf Facebook gepostet:

„Sämtliche Ökonom_innen, die ihre Theorien einigermaßen mathematisch untermauern können, sind längst draufgekommen, dass ein Wirtschaftssystem nur solange funktioniert, als Geld zirkuliert, also die große Masse, die Unter- und Mittlelschichten, nach Bezahlung der Miete und der Stillung der sonstigen, nötigsten Bedürfnisse, noch etwas übrig haben, um einkaufen zu können. Schoko-Nikoläuse, z.B.

Worauf jedoch die angekündigte Politik von Hrn. Kurz und seinen Kürzlingen aber hinaus läuft, ist: ‚Wieso Schoko? Fensterkitt kaut sich genauso gut.‘ „
 
Lieber Leo Lukas,
deine „Ökonom_innen“ haben ja recht, und ich als Unternehmen bin mir sehr wohl bewusst, dass eine hohe Kaufkraft notwendig ist, damit ich meine Schoko-Nikoläuse verkaufen kann. Nur leider kann ich selber nichts dazu beitragen, denn ich als Unternehmen muss konkurrenzfähig bleiben, und damit ich konkurrenzfähig bleibe, muss ich investieren, und damit ich investieren kann, muss ich Gewinn machen, und damit ich möglichst viel Gewinn mache, muss ich Kosten sparen. Und Löhne und Gehälter sind halt Kosten. Darum wär’s mir sehr recht, wenn alle anderen Unternehmen möglichst hohe Löhne und Gehälter zahlen würden, (aber halt nicht in meiner Branche, wegen der Beispielswirkung, weißt du), damit ich meine Waren loswerde und keine Wirtschaftskrise kommt. Aber es sollen halt die anderen, bitte, auf deine „Ökonom_innen“ hören, ich kann es leider nicht, wegen der Konkurrenz, weißt du.
Deine Allgemeine-Unternehmens-AG
 
Lieber Leo Lukas,
deine „Ökonom_innen“ haben ja recht, und ich als exportorientierte Wirtschaft bin mir sehr wohl bewusst, dass international eine hohe Kaufkraft notwendig ist, damit ich exportorientiert bleiben kann. Aber wenn die Kaufkraft nicht so hoch ist, weil die in China nicht so viel verdienen, dann muss ich billig verkaufen, billiger als die Konkurrenz jedenfalls, und darum muss ich Kosten sparen, und Löhne und Gehälter sind halt Kosten. Und Steuern und Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung und Arbeitsschutzeinrichtungen und Umweltauflagen und alles das, das sind halt leider auch Kosten. Und darum brauche ich eine Regierung, die diese Kosten für mich senkt. Wegen der Standortsicherung, weißt du, wegen der internationalen Konkurrenz. Und wenn bei uns im Land die Kaufkraft nicht mehr so hoch ist, dann muss ich um so mehr Schoko-Nikoläuse nach China verkaufen, und dann muss ich noch mehr sparen, das wirst du doch einsehen. Und wenn woanders die Unternehmen besser sparen können als hier, weil sie dort einsichtigere Regierungen haben, dann laufen uns am Ende noch unsere Unternehmen weg. Ich bin sehr dafür, dass die anderen Länder auf deine „Ökonom_innen“ hören (was soll eigentlich das Stricherl da?), aber ich kann halt nicht, so leid es mir tut. Wegen der Konkurrenz, weißt du.
Deine Wirtschaft
 
P.S. Und vergiss nicht: GEHT’S DER WIRTSCHAFT GUT, GEHT’S UNS ALLEN GUT!
 
Lieber Leo Lukas,
da fällt mir noch was ein: In den 60er, 70er, 80er Jahren hab ich mir eine Sozialpartnerschaft leisten können. Da waren wir in Mittel- und Westeuropa noch ein bissel ein geschlossenerer Wirtschaftsraum. Wir haben uns zwar immer gestritten mit den Gewerkschaften, aber wenn die uns gezwungen haben, etwas von der Produktivitätssteigerung an die Leute abzugeben, haben wir uns dann doch breitschlagen lassen, weil wir gewusst haben, dass das uns allen nützt, wenn sich die Leute auch was kaufen können. Aber jetzt haben wir diese blöde Globalisierung mit Kapitalflucht und internationalem Standortwettbewerb, wo alle Länder sich darin überbieten, den Konzernen noch günstigere Bedingungen zu bieten. Da muss unsere Regierung natürlich auch mitmachen, sonst bleiben wir über.
Darum sag bitte den Gewerkschaften, sie sollen sich international mehr vernetzen, denn wenn sie uns auf der ganzen Welt zwingen, etwas von der Produktivitätssteigerung abzugeben zugunsten der Kaufkraft, dann hat ja niemand einen Konkurrenznachteil. Aber das können nicht die Konzerne und auch nicht die Regierungen, das können nur die Gewerkschaften. In Wirklichkeit sind sie es nämlich, die als einzige den Kapitalismus vor Krisen bewahren können. Aber sag niemandem, dass ich dir das gesagt habe.
Deine Wirtschaft
 
P.S. Iss diese Botschaft auf, sobald du sie gelesen hast!

Was tun gegen den Rechtsruck?

Teil 1

Der Rechtsruck in Europa und den USA ist eine Folge der Globalisierung. Die wirtschaftlichen Eliten profitieren von der Ausbeutung des globalen Südens. Und der kleine Mann und die kleine Frau auf der Straße bekommen ein paar Häppchen ab. Die „Flüchtlingskrise“ hat allen klar vor Augen geführt, dass es im Rest der Welt nicht so gemütlich ist wie bei uns. Die Menschen fürchten um ihren Wohlstand, sie haben Angst, dass die Benachteiligten der Welt herkommen und uns wegnehmen, was wir haben. Kurz und Doskozil haben es ausgesprochen: Das größte Problem der nächsten Zukunft wird die Migration aus Afrika sein. Ihre Antwort: Festungsbau.
Die Antwort einer linken, oder grünen, oder demokratischen, oder humanistischen Bewegung muss eine andere sein: Aufzeigen, dass die Welt kein Nullsummenspiel ist, bei dem „wir“ verlieren müssen, wenn es „denen“ besser geht. Eine Politik entwickeln, die über den Tellerrand des eigenen Landes und der EU hinausschaut. Die erste Forderung muss sein, die ENTWICKLUNGSHINDERNISSE für den globalen Süden zu beseitigen, insbesondere für Afrika. Handelsbeziehungen zu schaffen, die den afrikanischen Ländern ermöglichen, ihre eigene Wirtschaft aufzubauen und sich aus der Schuldenfalle zu befreien. ATTAC und andere Organisationen haben die Analysen dazu. Aber es fehlt die politische Kraft, die diese Erkenntnisse und diese Forderungen in die Öffentlichkeit trägt. Ende November findet in Abidjan der fünfte EU-Afrika-Gipfel statt. Da müssen wir die Forderung an die EU stellen: GEBT AFRIKA EINE CHANCE! Das heißt, „die Ängste der Menschen ernst nehmen“: Afrika und dem übrigen globalen Süden eine Chance geben, damit niemand mehr flüchten muss. Damit ein gutes Leben für alle auf der Erde möglich ist.

Teil 2

GEGEN NATIONALISMUS HILFT NUR INTERNATIONALISMUS.

Unsere demokratischen, linken, grünen, humanistischen Bewegungen grundeln viel zu sehr im nationalen Teich, während der neoliberale Kapitalismus global agiert. Amnesty, Greenpeace, Global 2000 sollten uns da Vorbild sein, was globalen Widerstand angeht. Wir leben in der EU, aber wir handeln, als ob Ungarn, Polen, Spanien irgendwo auf fremden Kontinenten wären, als ob der Brexit das Problem der Engländer wäre und Griechenlands Schulden das Problem der Griechen. Wo bleibt unser Engagement gegen Orban, wo bleibt unsere Solidarität mit der Demokratiebewegung in Polen?
Und vor allem: Wo bleiben unsere Gewerkschaften?
Meiner Meinung nach haben die Gewerkschaften ein gutes Stück Mitschuld an der Rechtsentwicklung. Seit den 70er Jahren haben sie die Ausländerbeschäftigungsgesetze und Fremdengesetze mitgetragen, jahrzehntelang haben sie geduldet, das ArbeitnehmerInnen ohne österreichische Staatsbürgerschaft kein passives Wahlrecht für den Betriebsrat hatten (bis 2011). So haben sie ihren Mitgliedern den Internationalismus sukzessive abgewöhnt. Jetzt werden sie die Rechnung präsentiert bekommen. Die Attacken gegen die Arbeiterkammer und gegen Kollektivverträge sind nur der Anfang.
Die letzte Ursache von Wirtschaftskrisen – auch der sogenannten Finanzkrise von 2008 – ist immer nur die, dass die Menschen nicht genug verdienen, um das zu konsumieren, was sie produzieren. Finanzspekulationen, Blasen und faule Kredite sind nur die Auslöser. Und Wirtschaftskrisen führen zu Wirtschaftskriegen und dann irgendwann zu blutigen Kriegen. Nur starke Gewerkschaften können den Kapitalismus vor seinen eigenen Krisen retten. Nur starke Gewerkschaften können bewirken, dass die ständig steigende Produktivität nicht zu immer schärferen Kämpfen um Exportmärkte führt, sondern zu einem besseren Leben mit mehr Muße (Arbeitszeitverkürzung) und mehr Lebensqualität.
Ein Anfang wäre zum Beispiel, LabourStart zu unterstützen: http://www.labourstart.org/news/