Zypernurlaub

Ein Reisebüro in Spittal an der Drau. Jemand hat eine Zypern-Auslage gestaltet. Auf dem blauen Teppich liegen zypriotische Banknoten. Eine zypriotische Telefonwertkarte. Ein Zypernführer. Und eine Ausgabe der Cyprus Mail. Mit der Schlagzeile: Terror in Tel Aviv. Suicide bomber kills three in café blast. Und als Titelbild eine Polizistin, die ein verletztes Baby davonträgt.
Wer hat diese Auslage gestaltet? Ein Zyniker? Jemand, der nicht englisch kann? Jemand, dessen Urlaubsfreude durch solche Meldungen nicht gestört werden kann? Ein Warner, der uns mit der harten Tatsache konfrontieren will, daß wir auch im Urlaub uns mit den Greueln dieser Welt auseinandersetzen müssen? Ein nettes Mädchen, das auf unseren Einwand hin verblüfft antworten würde: „Aber am Strand liest man halt Zeitung und in Zeitungen stehen immer solche Sachen“?

Was die Raben singen

Heute Nachmittag beim Tee im Garten haben wir über Vögel gesprochen. „Warum gehören die Raben zu den Singvögeln?“ hat meine Mutter gesagt. „Die mit ihrem Krah-Krah!“
„Das sind die Bluessänger unter den Vögeln“, hat Nina gesagt. „Die anderen singen Arien. Die Raben singen Blues.“

Als die Soldaten kamen

Als die Soldaten kamen, versteckten wir uns in einer Höhle draußen in der Wüste. Wir hatten einen Sack aus Ziegenleder gefüllt mit Wasser, ein paar Laibe Brot und ein paar Feigen. Das war alles. Unsere zwei Ziegen hatten wir zurückgelassen. Ich war traurig, denn Großvater sagte, dass wir sie nicht wiedersehen würden. Die Soldaten würden sie töten und essen. Mutter weinte leise, aber sie ließ das Baby an ihrer Brust saugen, damit es nicht zu schreien anfing und unser Versteck verriet. Ich wusste, dass ich nicht weinen durfte, denn ich war ja schon ein großes Mädchen und Großvater sagte, dass ich alles verstehe wie eine Erwachsene. Ich durfte ganz leise mit Großvater sprechen. Nur gelegentlich hörte er ein Geräusch von draußen und dann musste ich still sein, damit er besser horchen konnte.
„Warum werden die Soldaten unsere Ziegen töten?“ fragte ich Großvater. „Mögen sie keine Milch?“
„Ach, die mögen schon Milch, aber Fleisch mögen sie lieber. Und vor allem wollen sie nicht, dass die Soldaten von König Babak die Ziegen essen.“
„Ist das nicht unser König, der König Babak?“
„So sagt man, ja.“
„Hätten wir da nicht die Ziegen mitnehmen sollen, um sie für die Soldaten von König Babak zu retten?“
„Die Ziegen hätten uns verraten. Und es ist gleich, ob die Soldaten von König Babak oder die Soldaten von König Ubuk sie essen.“
„Aber wenn König Ubuk den Krieg gewinnt, werden uns seine Soldaten dann nicht töten?“
„Nein. Wenn der Krieg vorbei ist, werden wir Tribut an König Ubuk zahlen müssen statt an König Babak. Das ist der ganze Unterschied.“
„Aber ist Babak nicht unser rechtmäßiger König und der Vater des Landes? Ist er nicht der Vater von uns allen?“
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Wem gehört dieser Garten?

„Wem gehört dieser Garten?“ riefen wir.
„Niemand!“ tönte es von hinter der Mauer.
„Wenn er niemand gehört, dann können wir getrost …“ begann mein Begleiter.
„Lass nur, es ist ein alter Witz“, sagte ich. „Wer ist dieser Niemand“, rief ich, „ist es ein großer Herr?“
„Der größte! Es ist der König Niemand, der Herrscher von Überall!“
„Ah ja. Und wenn wir den Garten betreten, dann wird Niemand uns einkerkern, Niemand uns foltern und Niemand uns köpfen lassen, ist das so?“
„Das ist so! Es sei denn … “
„Es sei denn was?“
„Es sei denn, ihr geht links um die Mauer herum bis zur Kasse und zahlt den Eintrittspreis!“
„Und der wäre?“
„Zwei Groschen jetzt und das erste, was euch beim Heimkommen entgegenläuft!“
„Also die Lieblingstochter!“
„Quatsch!“ kam eine zweite Stimme. „Der Eintritt kostet den Verstand, nichts weiter!“
„Gibt es Ermäßigung?“
„Nur mit Ausweis, Kriegsblinde gratis!“
„Und was kostet der Ausweis?“
„Zwei Groschen jetzt und das erste, was euch beim Heimkommen entgegenläuft!“
„Und den Verstand!“
„Und das Leben!“
„Und den letzten Nerv!“
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Das Gedicht

Es war einmal ein Kind, das schrieb, kaum dass es Lesen und Schreiben gelernt hatte, auf einen Zettel den Satz: Es gibt Blumen. Dann ging es zu seiner Mutter hin, gab ihr den Zettel und sagte: „Schau, ich hab ein Gedicht geschrieben!“
Die Mutter sah den Zettel gerührt an und sagte: „Oh, ein schönes Gedicht!“ und befestigte den Zettel mit Klebestreifen am Küchenschrank. Und als der Vater heimkam, zeigte sie ihm den Zettel und sagte: „Schau, unser Kind hat ein Gedicht geschrieben!“ Und der Vater besah den Zettel, lächelte und sagte: „Oh, ein schönes Gedicht!“ und strich seinem Kind gerührt über die Haare. Und wenn Besuch kam, wurde ihnen der Zettel gezeigt und alle lächelten gerührt und sagten: „Oh, ein schönes Gedicht!“ und strichen dem Kind über die Haare oder schenkten ihm eine Süßigkeit, die sie mitgebracht hatten.
Die Zeit verging und das Kind wurde größer. Es besuchte das Gymnasium und die Universität, studierte zunächst Medizin und dann Philologie und Theaterwissenschaften, brach schließlich alle Studien ab und ging als Entwicklungshelfer in das ärmste Land der Welt. Von dort schickte der junge Mann, der es nun war, Berichte und Erzählungen an die Zeitungen zu Hause, die auch gedruckt wurden. Der junge Mann bereiste viele Länder, sprach mit vielen Menschen, engagierte sich für gute und wichtige Anliegen, und schrieb Erzählungen, Romane und Gedichte, Theaterstücke und Filmdrehbücher, die in großer Zahl veröffentlicht, aufgeführt und verfilmt wurden und viele Menschen beeindruckten. Er wurde älter und er wurde alt. Schließlich schrieb er das Werk, von dem er dachte, dass es wohl sein letztes sein könnte. Er ließ es drucken und binden und kündigte an, bei einer öffentlichen Veranstaltung daraus vorlesen zu wollen. Viele kamen, um den Dichter zu sehen. Im letzten Moment musste noch, wegen der vielen Vorbestellungen, eine größere Halle angemietet werden. Der Dichter trat auf die Bühne, schon etwas langsam und tastend, aber immer noch aufrecht. Er hielt das Buch in der Hand. Es war ein dünner Band in einem schönen, schlichten Einband, und enthielt außer den notwendigen Seiten mit dem Impressum des Verlags und dem Titel und dem Namen des Autors nur ein einziges Blatt, auf dem stand: Es gibt Blumen. Der Dichter las es vor, und alle, die ihn gehört hatten, fühlten und wussten so klar und so tief wie ein Geheimnis, das sich ihnen eröffnet hatte:
Es gibt Blumen.

The three fairies.

I am in Macedonia again to research about the life of the Roma people here, and today I would like to tell you a story I heard from my friend Aida, who heard it from her grandfather when she was a little girl.
Once there were a man and a woman who already had many children. But one day they had another one. Shortly after that someone knocked at their door late at night. It was a travelling merchant who said he had been looking for an inn but could not find one. He asked for a place to sleep. So they let him sleep in their bedroom while they themselves slept on the floor in the other room. This travelling merchant was very rich and he was afraid for the money he was carrying with him. So he decided not to sleep. He would just rest and stay awake. But this was the third night after the baby had been born. And in the third night always three fairies come to write down the destiny of the newborn baby.
The first one said: “I think it would be best to write down that the child will die after one week.”
“But why?” said the second fairy.
“Look here, the family are so poor, they already have ten children, this one is the eleventh. I think it would be better for them if they did not have to feed another hungry mouth.”
“Oh, but it would be a pity to let such a pretty boy die. Let’s write something different”, the second fairy said.
“Look”, said the third fairy. “Here is a rich man, and just three days ago his wife gave birth to a pretty girl. Let’s write down that the poor boy will meet that girl and they will get married.”
And this they did. Weiterlesen

Ich das machen

Am Montag Vormittag putzt Frau Jovanovic immer bei Frau Berger.
„Schauen Sie, Frau Jovanovic“, ruft Frau Berger, „schauen Sie, was der Marcel wieder angestellt hat! Da hat er seinen Kaugummi verloren und ist auch noch draufgetreten, jetzt klebt alles im Teppichboden! Ich weiß nicht, was ich mit den Kindern anstellen soll! Und der André hat irgendwas in die Spüle geschmissen und jetzt ist sie verstopft!“ Und sie rennt ins Kinderzimmer, weil die kleine Amelie gefüttert werden muss.
„Ich das machen“, sagt Frau Jovanovic. Frau Jovanovic holt Eiswürfel aus dem Kühlschrank und tut sie in einen Plastikbeutel. Den Plastikbeutel legt sie auf den Kaugummifleck. Der Kaugummi muss erst einmal ganz kalt werden. Die Kinder schauen gespannt zu. Dann schüttet Frau Jovanovic Backpulver in den Abfluss und gießt Essig drauf. Das sprudelt und zischt und aus dem Abfluss schießt Schaum heraus wie aus einem kleinen Vulkan. Frau Jovanovic pumpt kräftig mit der Saugglocke und der Abfluss ist wieder frei.
„Kommen!“ sagt sie zu Marcel und André. Der Kaugummi ist von dem Eis ganz hart geworden und zu dritt zupfen sie ihn in kleinen Bröseln aus den Teppichfasern. Den Rest weicht Frau Jovanovic mit Vaseline auf. Jetzt ist nur mehr ein kleiner rosa Fleck da, den reibt sie mit Fleckputzmittel heraus.
„Danke“, sagt Frau Berger, „ohne Sie wäre ich vollkommen aufgeschmissen!“, und setzt sich an ihren Computer.
Frau Jovanovic gibt Marcel einen Staubwedel und André ein Wischtuch und dann machen sie gemeinsam sauber.
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Der grindige Sepp

Manchmal, wenn man auf einer Wanderung durch die österreichischen Alpen Rast macht, nähert sich einem ein schüchterner Mann mit Bergschuhen und Rucksack, und einem seltsamen Overall angetan, einer Art Wanderpyjama, und erkundigt sich nach dem Weg. In der Hand hält er ein Tourenbuch, und er fragt immer nach den Namen der umliegenden Gipfel, und ob dort und dort auch ein Gipfelbuch ist und ob’s da einen Stempel gibt. Und dann erzählt er einem, daß er alle Österreichischen Weitwanderwege „macht“, vom 01er bis zum 08er. Jedes Wochenende und jeden Feiertag fährt er dorthin, wo er zuletzt aufgehört hat, und wandert weiter und drückt alle Kontrollstempel in sein Tourenbuch. Im Sommer, wenn er Urlaub hat, macht er natürlich längere Strecken, aber hin und wieder muß er halt doch unterbrechen, weil er muß ja Proviant kaufen „und waschen muß man sich ja auch hin und wieder“. Dann erkundigt er sich noch einmal nach den Gipfelstempeln, und zieht weiter seines Weges.
Der einsame Wandersmann mit seinem Tourenbuch ist der Grindige Sepp, und die Geschichte, die er einem erzählt, stimmt nur halb. In Wahrheit steht er unter einem Fluch.
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Das Riesending

Ein Bauer stieg einmal ins Gebirge hinauf und begegnete dort einem Riesen. Und weil der Riese, wie Riesen das tun, nackt ging, sah der Bauer das mächtige Glied des Riesen und seufzte unwillkürlich auf: „Ach, wenn ich nur auch so eines hätte!“
Der Riese war ein freundlicher Riese und sagte zu dem Bauern: „Wenn es nur das ist – wir können tauschen!“
Der Bauer stimmte hoch erfreut zu, und – man weiß nicht, durch welchen Zauber es möglich wurde, allein: sie tauschten.
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