Bei der Evolution weiß man nie, was rauskommt

Es gibt eine Zeitschrift für Unkrautwissenschaft. Eigentlich nur auf den ersten Blick überraschend. In dieser habe ich gelesen, wie der Roggen zur nützlichen Pflanze geworden ist: nämlich weil die Menschen ihn weghaben wollten!

Vor ungefähr zehntausend Jahren haben Menschen im Nahen Osten angefangen, Weizen anzubauen. Der Roggen, ein naher Verwandter des Weizens, hat sich auf den Weizenäckern wohlgefühlt. Er war den Menschen aber zu nichts nütze, denn er hatte nur wenige kleine Körner, und außerdem war er mehrjährig, das heißt, eine junge Pflanze brachte im ersten Jahr gar keine Samen hervor. Aber in den Weizenfeldern ist er prächtig gediehen. Klarer Fall von Unkraut also.

Daher haben die Menschen die Roggenpflanzen ausgerissen, wenn sie sie gesehen haben. Und am leichtesten entdeckt haben sie natürlich die, die am wenigsten wie Weizen ausgesehen haben. Je ähnlicher eine junge Roggenpflanze dem Weizen war, um so besser war ihre Chance, beim Jäten übersehen zu werden. Also ist der Roggen dem Weizen von Generation zu Generation immer ähnlicher geworden, mit größeren Körnern, die weniger leicht abgefallen sind.

Das zweite was passiert ist, war, dass einige Mutanten unter den Roggenpflanzen doch schon im ersten Jahr ausgesamt haben. Wenn die Menschen nach der Ernte ihre Äcker umgegraben haben, haben sie die Wurzeln der Roggenpflanzen dabei ausgerissen. Aber die Körner sind im Boden geblieben. Also ist der Roggen nach und nach einjährig geworden. Aus dem Unkraut ist ein brauchbares Getreide geworden und durfte in den Äckern stehen bleiben. Und als sich der Ackerbau nach Norden ausgebreitet hat, hat sich gezeigt, dass der Roggen ein härteres Klima aushält als der Weizen, und so war der Getreideanbau im Norden überhaupt erst möglich. Bingo!

Herausgefunden hat das Ganze ein russischer Botaniker namens Nikolai Vavilov. Der ist bei Stalin in Ungnade gefallen und Stalin hat ihn ermorden lassen.

Meisten geht die Sache für uns aber nicht so gut aus wie beim Roggen. Je ausgefeilter die Techniken zur Unkrautvernichtung werden, um so besser passt sich das Unkraut an. Dass Unkräuter resistent werden gegen Herbizide, ist relativ bekannt. Wenn Unkräuter aber nach äußerlichen Gesichtspunkten gejätet werden, passen sie sich äußerlich an. Es gibt zum Beispiel eine Pflanze, die inzwischen fast perfekt wie Linsen aussieht, aber leider nicht essbar ist, weil die Früchte bitter schmecken. Zur Bekämpfung werden Jätroboter eingesetzt, die das Unkraut optisch erkennen sollen. Die tun sich aber von Jahr zu Jahr schwerer …

Der Mann, der die Insekten liebte

Der Entomologe Jean-Henri Fabre
Ulrike Schmitzer im Gespräch mit Martin Auer
Sendung “Dimensionen”, Ö1, vom 30. Juni 2019

Fabre hielt seine Beobachtungen in literarischen Texten fest. Die 4.000 Seiten faszinieren noch heute in ihrer Detailgenauigkeit und Poesie. – Der Verlag Matthes & Seitz hat jetzt eine 10-bändige Gesamtausgabe seines Werkes fertiggestellt.

Martin Auer hat die erste deutschsprachige Biographie des Forschers geschrieben unter dem Titel “Ich aber erforsche das Leben”.

Liebes Big Data

Die schöne, große, weite, bunte Welt der Werbung wird immer eintöniger und öder, seit du mir auf mich persönlich zugeschnittene Reklame schickst. Ich bin ein Mann, ich möchte aber trotzdem über Bikinimode informiert werden (oder sagen wir: gerade deswegen) . Ich steige aus Prinzip nicht zu meinem Privatvergnügen in ein Flugzeug, aber darf ich deswegen die Traumstrände der Welt nicht wenigstens im Bild genießen? Ich kaufe nie Weichspüler, aber das kuschelweiche Bärli ist doch süß. Meine kleine Tochter ist schon lang aus den Windeln heraus, aber putzige Babys in Pampers sind doch immer herzerwärmend. Ich konsumiere verantwortungsbewusst, aber ich möchte doch wenigstens sehen, was ich alles nicht konsumiere, damit ich mich innerlich damit brüsten kann.

Nein, liebes Big Data, ich will den ganzen Scheiß eh nicht sehen, nämlich überhaupt nicht. Aber wenn ich schon Scheiß sehen muss, dann bitte wenigstens mit Abwechslung; Waschmittel und SUVs und Heimwerkerwerkzeug und Outdoorausrüstungen und HiFi-Anlagen und Hautcremen und Damenstrümpfe und Herrenpullis und Rasierapparate und Barttrimmer und Schlafzimmereinrichtungen und Haartrockner und Epilierwachs und Disneyfilmmerchandisingpuppen und alles, was die Welt an Unnützem und Überflüssigem zu bieten hat, nur nicht immer Grammarly!

Flüchtlingskrise

Gestern Abend habe ich den Geschirrspüler eingeschaltet und bin schlafen gegangen. Heute früh mache ich ihn auf – und finde ein Ameisenvolk darin. Nicht einzelne Ameisen auf Futtersuche, ein ganzes Volk wimmelt da um Massen von Eiern und Larven zwischen den gewaschenen Tellern und Töpfen herum. Gespenstisch. Es ist, als wären sie vor irgend etwas geflüchtet – vielleicht ist ihr Bau vom Regen überschwemmt worden – und hätten sich mit Sack und Pack ins Haus und in meinen Geschirrspüler gerettet. Und ich? Ich drehe den Temperaturregler auf 70 Grad, schließe die Tür und schalte den Geschirrspüler noch einmal ein. Lustig ist das nicht.

Was hat Nationalismus damit zu tun, wenn kein Geld für Gesundheit und Bildung da ist?

Die AK schreibt: “Die Senkung der Körperschaftssteuer wird damit begründet, dass Österreich im internationalen Steuerwettbewerb mithalten muss. Unter Steuerwettbewerb versteht [man] (vereinfacht gesprochen) den Wettbewerb zwischen Staaten um die attraktivsten steuerlichen Standortbedingungen. Wenn das Nachbarland, z.B. Ungarn, seine Körperschaftssteuer auf 10% senkt, dann muss Österreich nachziehen, so die Logik. Die wissenschaftliche Literatur zeigt, dass die Hauptprofiteure dieses Steuerwettbewerbs große multinationale Konzerne sind, die ihre Gewinne in das Land mit der geringsten Steuerbelastung verlagern. Leidtragende sind ArbeitnehmerInnen und KonsumentInnen, die einen größeren Beitrag zum Steueraufkommen leisten müssen, wenn sie die öffentliche Infrastruktur und die sozialstaatlichen Leistungen erhalten wollen.” Soweit die AK.
Den “eigenen” Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern kann man also diese Begünstigung der Unternehmen immer verkaufen, denn man schützt damit ja die ihre Arbeitsplätze. Und kurzfristig stimmt es ja. Aber würden die europäischen Gewerkschaften GEMEINSAM diese Abwärtsspirale bekämpfen, würde es nicht mehr stimmen. INTERNATIONALISMUS wäre also angesagt. Doch was wird verbreitet? NATIONALISMUS. Warum wohl? NATIONALISMUS SCHADET UNS ALLEN!

Facebook löscht (wieder einmal) ein antifaschistisches Video

“A Hitla ghert wieder her!”
Vielleicht sollte man die, die sich heute wieder einen starken Mann wünschen, daran erinnern, wie es “untam Hitla” auch denen ergangen ist, die damals glaubten, sie wären die Herrenrasse. Wie Adorno sagte: “Es gibt also ein drastisches egoistisches Interesse, an das sich appellieren ließe“.

„A Hitla ghert wieder her“, sagst du.
„A Hitla, der aufraamt mit dem Gsindel, des was si da bei uns braat macht,
mit die Bloßfiaßign, die was si auf unsere Kosten
ins gmachte Bett legn wolln, weil s’ es dahaam zu nix bringan,
mit die Neger, die was unsere Kinder mit Drogen vergiftn,
mit die Kameltreiber, was mit eahnere Moscheen unser Landschaft verschandeln,
mit die Kopftuachweiber, die zu fäul san, dass s’ Deitsch lernan,
und mit eahnare sechs Bankertn
von der Kinderbeihilfe leben
auf unsere Kosten!
A Hitla ghert wieder her, der aufraamt,
a Hitla, der die Judn vergast hat, die Zeugen Jehovas aufghängt und die Kommunisten en Schädel abghackt hat.“
„A Hitla ghört wieder her“, sagst du, „der aufraamt“,
weil DU, du ghörst ja net zu dem Gsindel,
du bist ja kaa Bloßfüaßiger, kaa Neger, kaa Kameltreiber, kaa Kopftuachgretl,
du bist ja kaa Jud, kaa Zigeuner, kaa Kummerl,
weil du, wann amoi aufgraamt is,
dann ghörst ja DU zu die HERRN!
Dann ghörst ja du zu die Herrn, die die Goschn haltn miassn,
wann die Wurscht immer teurer wird und nur mehr nach Mehl schmeckt,
zu die Herrn, denen s’ die Kinder abrichten,
dass s’ den Vater anzaagn, wann er si über die Steuern aufregt,
zu die Herrn, die zu kaaner Wahl geh’n brauchen,
weil’s kaane Parteien mehr gibt,
zu die Herrn, die in der Zeitung nur lesn dürfn,
was der Propagandaminister erlaubt.
Dann ghörst ja du zu die Herrn,
die si für ihr Gehalt immer weniger kaufen könnan,
weil der Führer Raketn braucht.
Dann ghörst ja du zu die Herrn,
die in der Schlangen vorm G’schäft kaane Witz’ übern Ernährungsminister machen dürfen,
weil s’ sunst nämlich aa ins KZ kumman!
Dann ghöst ja du zu die Herrn
die vors Gricht gstellt werden, wann s’ sagn, dass da Führer an Kriag anfangt,
und du ghörst dann zu die Herrn, die an die Front gschickt werden,
wann der Kriag anfangt.
Ja, du ghörst dann zu die Herrn, die verbliatn dürfen,
desmal in China vielleicht oder in Afrika
und wann s’ net verbliatn, dann verstrahlt werden oder verbrennt
zu Aschn und Wasserdampf.
Zu DIE Herrn ghörst dann du,
wann wieder a Hitla kummt.

Aus: “Der Himmel ist heut aus Papier”, Klever Verlag
( http://klever-verlag.com/buecher/der-himmel-ist-heut-aus-papier/)

Die Wahrheit über Jesus

Wie ich schon öfter erzählt habe, denke ich mir vor dem Einschlafen gern Witze über Gott aus. Hier ist wieder einer:
Am Montag nach der Erschaffung der Welt sitzt Gott an seinem Schreibtisch, überlegt und kaut an seinem Griffel. Jesus schaut ihm über die Schulter und fragt: „Was machst du da?“
„Ich schreibe die Bibel. Ich schreibe auf, was ab jetzt geschehen wird.“
„Und wie weit bist du schon?“
„Adam und Eva werden mir nicht gehorchen und ich werde sie aus dem Paradies rausschmeißen!“
„Aber wenn du das jetzt schon niederschreibst, dann können sie doch gar nichts anderes machen! Wie kannst du sie dann bestrafen?“
„Red mir nicht drein, Bub, ich muss nachdenken! Hmm, ein bisschen später wird die ganze Menschheit so verderbt sein, dass ich sie alle ertränken werde Nur Noah und seine Familie dürfen sich auf eine Arche retten und zwei von jeder Tierart.“
„Und was haben dir die anderen Elefanten und Rüsselkäfer und so getan, dass du sie alle ersaufen lässt bis auf zwei?“
„Deine Frechheiten kannst du dir sparen, ja! Warte mal – ja, jetzt hab ich‘s: Danach werde ich Sodom und Gomorra mit einem Feuerregen vernichten, weil dort die Unzucht überhand nimmt!“
„Ach komm, das ist jetzt echt homophob von dir!“
Da fängt Gott an zu schreien: „Du treibst mich echt auf die Palme, du Rotzlöffel! Aber eins sag‘ ich dir: Jetzt weiß ich, wie ich das Kapitel über DICH ausgehen lasse!“

Was hat Völkermord mit Kaffee zu tun? Vor 25 Jahren: Genozid in Ruanda

Der Völkermord in Ruanda von 1994 wurde in der damaligen Presse und wird teilweise noch immer als „ethnischer“ Konflikt beschrieben. Ruanda würde von drei kulturell und biologisch unterschiedlichen Gruppen bewohnt: Den jagenden und sammelnden Twa (BaTwa, WaTwa), den ackerbauenden Hutu (BaHutu, WaHutu) und den viehzüchtenden Tutsi (BaTutsi, WaTussi). In dem Völkermord wäre ein „uralter ethnischer Hass“ zum Ausbruch gekommen. Nach Mahmood Mamdani jedoch waren Hutu und Tutsi weder biologisch bestimmte Gruppen (Rassen) noch durch den Markt bestimmte Gruppen (Klassen), sondern durch Politik definierte Gruppen. In den Medien wurde und wird das Grauen des Völkermords ausführlich dargestellt. Die Analyse der Hintergründe kommt dabei oft zu kurz.

In Ruanda lebten seit Jahrhunderten Jäger und Sammler, Ackerbauern und Rinderzüchter. Migrationen gab es immer wieder, vor allem, wenn Hungersnot Menschen zwang auszuwandern. Im 17. Jahrhundert drang eine Gruppe von Rinderzüchtern aus dem Norden ein. Sie nannten sich Hima, ihre obersten Krieger nannten sich Tutsi. Sie errichteten ein kleines Reich, das sie immer weiter ausdehnten und militärisch organisierten. Als Tutsi bezeichneten sich die Krieger, die aus den Viehzüchtern rekrutiert wurden. Die Hilfstruppen, die für Wegebau, Nahrungsmittelbeschaffung und dergleich zuständig waren, bezeichneten die Tutsi als Hutu – als Bauerntölpel. Die Hutu selbst bezeichneten sich nicht so. König Rwabugiri, der von 1853 bis 1895 herrschte, richtete eine zentrale Verwaltung ein. Jede Provinz wurde von einem Militärhäuptling verwaltet. Die Provinzen waren in Bezirke unterteilt. Jeder Bezirk unterstand zwei von einander unabhängigen Häuptlingen: einem, der die Weidegründe verwaltete und Steuern von den Viehzüchtern einhob, und einem, der das Ackerland verwaltete und Steuern von den Bauern einhob. Die Bezirke waren in die einzelnen Hügel unterteilt, die auch jeweils einem Häuptlung unterstanden. Militärhäuptling und Häuptling des Weidelands konnten nur Tutsi sein. Häuptling des Ackerlands und Hügelhäuptlung konnten auch Hutu sein. Das Königshaus war ausschließlich Tutsi. Hutu mussten nicht nur Abgaben abliefern, sondern auch Fronarbeit für die Häuptlinge, die Armee und das Königshaus leisten. Je mehr Kriege die Könige führten, um so schärfer wurde die Ausbeutung der Hutu durch den Tutsi-Adel. Es gab aber auch arme Tutsi, die nur wenige Rinder hatten. Wenn sie ihre Rinder verloren, stiegen sie zu Hutu ab. Auf der anderen Seite konnten Hutu, wenn sie zu Wohlstand gelangten und Rinder erwarben, zu Tutsi aufsteigen. Wie der europäische Adel heiratete auch der Tutsi-Adel standesgemäß. Bestimmte körperliche Merkmale wurden von Generation zu Generation weitergegeben, so wie im europäischen Adel zum Beispiel die berühmte Habsburger-Lippe. Tutsi, Hutu und Twa sprachen dieselbe Sprache und nahmen an denselben religiösen Zeremonien teil. Es stimmt, dass die herrschende Klasse hauptsächlich – aber nicht ausschließlich – aus Tutsi bestand. Doch nur eine Minderheit der Tutsi gehörte zur herrschenden Klasse.

Den englischen, deutschen und belgischen Kolonisatoren fiel auf, dass der Tutsi-Adel, insbesondere das Könighaus, besonders groß und schlank war. Für sie war klar, dass die Herrscher einer anderen Rasse angehören mussten. Der „wissenschaftliche“ Rassismus hatte seinen Ursprung in der europäischen Aufklärung. Wenn man allgemeine Menschenrechte propagierte und gleichzeitig Sklaven aus Afrika nach Amerika verkaufte, musste es dafür eine Begründung geben: die Sklaven konnten keine richtigen Menschen sein, sie mussten einer Rasse angehören, die den Tieren näher stand. Als die Europäer tiefer nach Afrika eindrangen, konnten sie nicht verleugnen, dass es auch hier Staaten gab, Kultur, Zivilisation. So entstand die Hamitentheorie, die besagte, dass ein Volk aus Äthiopien, das den Europäern näher stand – sozusagen Weiße mit schwarzer Haut – nach Süden vorgedrungen sei, und den „Negern“ die Zivilisation gebracht hätte. Die „Neger“ selbst hätten das nicht von sich aus leisten können. Die Tutsi mussten also der hamitischen Rasse angehören, ein Eroberervolk aus dem Norden, während die Hutu Bantu, also „Neger“ waren.

In den Missionsschulen bildeten die Kolonisatoren die Söhne von Tutsi zu Verwaltungsbeamten aus, lehrten sie Französisch und natürlich die Hamitentheorie. Nach dem Ende des ersten Weltkriegs bekam Belgien Ruanda von Völkerbund als Mandat zugesprochen. Die Belgier verfestigten die Rassifizierung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen, indem sie Identitätskarten ausstellten, die festhielten, wer Hutu oder Tutsi oder Twa war. Mit Hilfe des Königshauses und des Tutsi-Adels übte Belgien indirekte Herrschaft über das Land aus.

Nach dem zweiten Weltkrieg verstärkten sich in ganz Afrika die Unabhängigkeitsbestrebungen. In Ruanda war auch eine kleine Schicht gebildeter Hutu entstanden, die nun auch Mitsprache in der Politik forderte. Es gab zwar Gruppen, die sich sowohl für die Interessen der Hutu als auch der armen Tutsi einsetzten, doch politisch konnten sich Hutu-Nationalisten durchsetzen, die die Rassentheorie der Kolonisatoren übernahmen und gegen die „Fremdherrschaft“ der Tutsi opponierten und Rache forderten. Sie übernahmen mit der Unabhängigkeit die Macht im Staat. Es gab Massaker an den Tutsi und viele Tutsi flüchteten nach Uganda, wo es schon lange eine Bevölkerungsgruppe gab, die Ruandisch sprach. An der ökonomischen Ungleichheit änderte sich unter der Herrschaft der Hutu-Nationalisten kaum etwas. Die europäische Bevölkerung und der Tutsi-Adel behielten ihre ökonomischen Privilegien. Nur eine Hutu-Elite entstand, die sich vor allem durch den Staatsdienst emporarbeiten konnte.

Die Kaffeeproduktion hatten schon die Belgier gefördert und die Tutsi-Häuptlinge ermuntert, Plantagen anzulegen und Hutu als Fronarbeiter einzusetzen. Mit der Unabhängigkeit wurde Kaffee zum wichtigsten Exportgut und Devisenbringer. Die Hutu-Elite um den Präsidenten Kayibanda sicherte sich durch die staatliche Vermarktungsorganisation den Einflusss auf die Kaffeeproduktion. Hutu-Geschäftsleute aus dem Norden fühlten sich durch Kayibandas Gruppe benachteiligt. Auf die Widersprüche innerhalb der Hutu reagierte die Machtelite wieder einmal damit, die Tutsi als gemeinsamen Feind darzustellen, gegen den sich alle zusammenschließen müssten. Wieder gab es Gewaltausbrüche gegen die Tutsi. Die entstehende Unordnung nutzte General Habyarimana, den die nördlichen Hutu unterstützten, zu einem Staatsstreich. Habyarimana löste die staatliche Kaffeeorganisation auf und förderte die ökonomische Liberalisierung, um westliches Kapital anzuziehen. Wohlhabende Farmer kauften in rasantem Tempo das Land verarmter Bauern auf, um Kaffee anzupflanzen. Die sozialen Unterschiede zwischen der armen Landbevölkerung und der städtischen Elite wurden immer schärfer. Die Nahrungsmittelproduktion ging immer weiter zurück zugunsten von Kaffeeanbau. Das Staatsbudget wurde zu einem immer größeren Teil von Kaffee finanziert (Zölle, Steuern). Als die Kaffeepreise fielen, brachen die staatlichen Sozialeinrichtungen zusammen, Krankheiten breiteten sich aus, die Zahl der unterernährten Kinder nahm zu, viele Bauern mussten ihre Kaffeebäume ausreißen, um Nahrung für die eigene Familie anbauen zu können. Und auch die korrupte Hutu-Elite bekam den Einbruch zu spüren, der Staat war tief verschuldet, da gab es bald nichts mehr zu holen, der Staat konnte seine Staatsdiener nicht mehr bezahlen.

Ungefähr eine halbe Million Tutsi-Flüchtlinge lebte in Uganda. Sie waren in acht großen Flüchtlingslagern untergebracht. Als Flüchtlinge hatten sie Anspruch auf Hilfe durch die UNO-Flüchtlingsorganisation. Viele Kinder konnten so Schulen besuchen, manche die Universität. Das erregte den Neid der einheimischen armen Bevölkerung, und selbst die ausgebildeten jungen Tutsi konnten sich deshalb in Uganda nicht integrieren. Als der berüchtigte Idi Amin an die Macht kam, holte er den abgesetzten König von Ruanda ins Land, versorgte ihn mit einem Haus und einem Wagen. Unter den Tutsi entstand die Hoffnung, er könnte das ruansiche Königreich wieder aufrichten, und viele traten in seine Dienste in der Armee und im Geheimdienst. Als Amin vertrieben war, gab es wieder Racheaktionen des neuen Regimes gegen Tutsi – und Ruander im allgemeinen. Ruander aus Uganda flüchteten nach Tansania und in die alte Heimat Ruanda, doch Ruanda schloss seine Grenzen. Die verschiedenen politischen Gruppierungen in Uganda versuchten, die Ruander auf ihre Seite zu ziehen oder sie als Ausländer und Feinde darzustellen. Schließlich verbot die Regierung allen Ruandern, deren Vorfahren nicht schon seit vier Generationen in Uganda lebten, Land zu erwerben oder Positionen im Staatsdienst einzunehmen. Das gab den Ausschlag für die Forderung nach Rückkehr. Und diese Rückkehr konnte, so hieß es, nur bewaffnet stattfinden. Die Tutsi-geführte Ruandische Patriotische Front (RPF) drang in Nordruanda ein, der Bürgerkrieg begann.

Je weniger es für die ruandische Machtelite zur verteilen gab, um so schärfer wurde der Kampf zwischen den Fraktionen um die verbleibenden Reste – und um den Einfluss auf die Bevölkerung. Und wieder war das Mittel dazu die Mobilisierung gegen den gemeinsamen Feind: die Tutsi. Alle Tutsi wurden als Unterstützer der eindringenden RPF dargestellt. Ein ungeheuerlicher Propagandafeldzug begann, vor allem übers Radio ausgetragen. Die Tutsi wurden als Schädlinge, als Kakerlaken bezeichnet, die ausgerottet werden mussten. Sie waren die fremde Rasse, die ausländischen Eroberer, von denen sich die Hutu endlich befreien mussten. Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds gaben der Regierung immer noch Kredite, in der Hoffnung, sie würde damit die Wirtschaft sanieren. Doch die Regierung kaufte mit dem Geld Waffen. Die großen Kaffeproduzenten versorgten die „Interahamwe“, die Jugendorganisation der Präsidentenpartei, mit Macheten. Die internationale Gemeinschaft drängte Habyarimana zu einem Abkommen mit der RPF, das den Bürgerkrieg beenden und die RPF an der Macht beteiligen sollte. Nachdem ihm Frankreich und die Weltbank drohten, keine Kredite mehr zu geben, gab Habyarimana nach und unterschrieb das Abkommen. Wer Habyarimanas Flugzeug abschoss, ist bis heute nicht geklärt. Doch die radikalen Elemente in seiner Partei und im Staat, die das Abkommen nicht akzeptieren wollten, beschlossen nun, die Macht an sich zu reißen: Indem sie die Ausrottung der Tutsi organisierten, konnten sie sich zu Rettern der Hutu stilisieren. Der Völkermord von 1994 war kein plötzlicher Ausbruch uralter ethnischer Konflikte. Er war geplant und organisiert. Rund 800.000 Tutsi wurden innerhalb von hundert Tagen ermordet und Tausende Hutu, die die Anti-Tutsi-Politik ablehnten. Die Schätzungen, wie viele Menschen sich am Morden beteiligten, liegen weit auseinander. Eine gut begründete Schätzung von Scott Straus besagt, dass es rund 200.000 Hutu-Zivilisten waren, neben einer Armee von 40.000 Mann. Das waren ca. 15 Prozent der erwachsenen männlichen Bevölkerung (Allerding nahmen auch einige Frauen an den Morden teil). Was bewog die „einfachen“ Hutu, ihre Tutsi-Nachbarn zu ermorden? Viele befolgten einfach Befehle von Soldaten oder Beamten. Viele beteiligten sich am Morden erst, als man ihnen sagte, man würde sie als Komplizen der Tutsi behandeln und sie umbringen, wenn sie nicht mitmachten. Aber alle, die mitmachten, dachten, dass sie etwas Richtiges taten. Da die Kolonialisten und die Hutu-Machthaber die Tutsi als fremdes Eroberervolk bezeichnet hatten, da dies in den Schulen gelehrt wurde, in politischen Reden betont wurde, war es leicht, die Hutu davon zu überzeugen, dass alle Tutsi Komplizen der RPF waren. Und nachdem die RPF – wie behauptet wurde – die Präsidentenmaschine abgeschossen hatten, den Vater der Hutu getötet hatten, würden nun alle Hutu an die Reihe kommen. Die Tutsi auszurotten wäre ein Kampf auf Leben und Tod, ein Befreiungskampf. Auch die Möglichkeit, sich straflos am Eigentum der Ermordeten zu bereichern war nun gegeben. Das Land, das Vieh, die Häuser der Tutsi würden nun den Hutu gehören – in einem Land, das übervölkert war, in dem Grund und Boden knapp waren. Und je weiter das Morden voranschritt, um so logischer erschien es natürlich, dass die Hutu die Rache der Tutsi zu fürchten hätten – obwohl die Tutsi-Zvilisten sich nirgends bewaffnet zur Wehr setzten. Propagandalügen werden leicht zu selbsterfüllenden Prophezeiungen. Erst der Sieg der RPF über das ruandische Militär machte dem Völkermord ein Ende.

Literaturempfehlung:

Vansina, Jan (2005): Antecedents zu Modern Rwanda – The Nyginya Kingdom (https://amzn.to/2VyrsGC)

Mamdani, Mahmood (2001): When Victims Become Killers – Colonialism, Nativism and the Genocide in Rwanda
(https://amzn.to/2Z0qrJt)

Straus, Scott (2006): The Order of Genocide – Race, Power and War in Rwanda
(https://amzn.to/2KhXd5x)

Kamola, Isaac (2006): The International Coffee Economy and Production of Genocide in Rwanda
(https://pol.illinoisstate.edu/downloads/conferences/2006/Coffee–Isaac_Kamola.pdf )

Ein seltsamer Fund vom Flohmarkt

Ein seltsamer Fund vom Flohmarkt: Eine Erinnerung an das Arbeitslager Łódź Sikawa 1945. Es ist eine Zigarettendose aus Aluminium. Auf der einen Seite ist ein Bild von einem Zaun und einem Wachturm eingraviert, auf der anderen Seite die Initialen FB mit Eichenlaub und einem Kätzchen. An den Seiten die polnischen Inschriften: “Obóz Pracy” (Arbeitslager), “Łódź Sikawa” und das Datum “26. VII. 1945”.
“Das Zentrale Arbeitslager Sikawa bei Łódź in Polen wurde 1945 auf dem Gelände des vorherigen Arbeitserziehungslagers Litzmannstadt eingerichtet. Von 1945 bis 1948 wurden hier tausende Deutsche, überwiegend Volksdeutsche, interniert und zur Arbeit verpflichtet.” (https://de.wikipedia.org/wiki/Zentrales_Arbeitslager_Sikawa).
Wer hat diese Gravuren gemacht? Ein Insasse? Oder ein Bewacher? War die Dose ein Geschenk? Von wem für wen? Und wie ist sie nach Wien auf den Flohmarkt gekommen?