Das I

Wenn ich Nuria, die gerade sechs geworden ist, erzähle, was der Förster macht, dann ergänzt sie – nahezu automatisch – „… oder die Försterin“. Das ist Ergebnis einer Grundeinstellung, die sie von ihrer Mutter, ihren Kindergärtnerinnen, natürlich auch von ihrem Vater und wohl auch vom Kinderfernsehen KiKa vorgelebt bekommt. Für sie ist es eine selbstverständliche Grundannahme, dass ihr als Mädchen die ganze Welt offen steht. (Wie weit das in der realen Welt zutrifft, wird sie noch herausfinden müssen). Das Binnen-I hat zu dieser Sozialisation nichts beigetragen. Kann es gar nicht haben, weil es in der gesprochenen Sprache nicht vorkommt.

Das ist auch meine Hauptkritik an diesem Konstrukt. Es ist eine Ausgeburt aus Akademia, erdacht von Leuten, für die nur der schriftliche Ausdruck zählt. In der Hauptsache ist es ein Abzeichen, ein Code, an dem Gleichgesinnte einander erkennen, auch wenn es durch ministerielle Verordnung eine größere Verbreitung gefunden hat. (Noch stärker gilt diese Abzeichenfunktion für den Unterstrich: „Lehrer_innen“, den sogenannten gender gap, der auch alles, was zwischen Mann und Frau ist, einschließen soll. ) Solche Codes dienen aber nicht nur als Erkennungszeichen für die Gruppenzugehörigen, sondern auch der Ausgrenzung nicht Zugehöriger, genauso wie Juristendeutsch, Hackerslang, Parteichinesisch etc.

Vielleicht hat das Binnen-I als Provokation dazu beigetragen, dass sich mehr Menschen darüber Gedanken gemacht haben, wie man wirklich gendergerecht sprechen kann. Ich befürchte aber, dass die Diskussion über Sprachverhunzung oder nicht viel Energie von der Diskussion über Geschlechtergerechtigkeit in der realen Welt abzieht. Als Zugeständnis an die Frauen ist das Binnen-I jedenfalls billiger als gleicher Lohn für gleiche Arbeit.

Den ihm zugedachten Auftrag, über Gendergerechtigkeit in der Sprache Gendergerechtigkeit im Denken zu bewirken, kann das Binnen-I nicht erfüllen. Weil es eben nicht Bestandteil der Sprache, sondern höchsten der Schreibe sein kann.

Das Geheimnis des Antisemitismus oder Wie konnte so etwas geschehen?

Zu den unerklärbaren Phänomenen der Geschichte der Menschheit gehört der bis in die Antike reichende Antisemitismus.“ (Wilhelm J. Wagner, Bildatlas der österreichischen Zeitgeschichte 1918-1938, Wien 2007)

Wenn sie an die grauenvollen Vorgänge des Holocaust denken, befällt die meisten Menschen das Gefühl, einer unbegreiflichen, unerklärlichen Katastrophe gegenüberzustehen. Und wer sich mit der Geschichte des Judentums befasst, erfährt von einer anscheinend endlosen Kette von Verfolgungen, Vertreibungen und Pogromen, ja Kreuzzügen gegen die Juden. Ein geheimnisvolles Schicksal scheint auf diesem Volk oder dieser Glaubensgemeinschaft zu lasten, etwas, was einen mit Scheu erfüllt, etwas, woran man lieber nicht rührt. Eine rationale Erklärung für all diese Ereignisse zu suchen, ihre Ursachen verstehen zu wollen, scheint aussichtslos. Doch um eine Krankheit bekämpfen zu können, muss man sie verstehen.

Zwei Fragen

Über Jahrhunderte wurden Juden im christlichen Europa verfolgt, vertrieben, beraubt und ermordet. Aber wie kommt es, dass sie nicht gänzlich vertrieben und ausgerottet worden sind?

Ganz einfach: Weil man sie gebraucht hat: Als Handwerker, als Kleinhändler, die die Waren aus den Städten zu den Bauern brachten, als Fernhändler, die Güter aus dem Orient in den Westen brachten, als Ärzte, als schreibkundige Gutsverwalter und Steuereinnehmer, als Geldverleiher und Bankiers, die den Fürsten das Geld für ihre Hofhaltung und ihre Kriege besorgten.

Aber wenn Juden so nützlich für die Gesellschaft waren, warum hat man sie dann als Fremde verfolgt, warum hat man ihnen nicht die gleichen Rechte zugestanden wie anderen Menschen?

Ganz einfach: Weil sie als Fremde, als nur Geduldete, noch größeren Nutzen brachten. Weil man sie als Fremde leichter wieder loswerden konnte, wenn man sie nicht mehr brauchte, oder wenn man ihre Konkurrenz fürchtete, oder wenn man ihnen Geld schuldig war und es nicht zurückzahlen wollte, oder wenn man sich ihr Vermögen, ihre Häuser und Grundstücke aneignen wollte. Weil man von ihnen als Fremde dafür, dass man sie duldete, höhere Steuern verlangen konnte. Weil man ihnen als Fremde die Schuld an allem möglichen Unglück in die Schuhe schieben konnte, an der Pest, an verlorenen Kriegen, an Teuerung und Wirtschaftskrisen.

Konkurrenz zwischen verwandten Religionen

Judentum und Christentum sind verwandte Religionen und haben sich in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung parallel zueinander entwickelt. Das klingt verwunderlich, denn meistens heißt es, dass die jüdische Religion um mehr als 1000 Jahre älter sei als die christliche. Doch bis zur Zerstörung des zweiten Tempels durch die Römer im Jahr 70 war die jüdische Religion eine ganz andere als danach: Sie bestand im wesentlichen in einem Opferkult, den geweihte Priester in einem zentralen Tempel pflegten. Nach der Zerstörung des Tempels gewann im Judentum eine Gruppe, Pharisäer genannt, die Vorherrschaft, die das Opfer im Tempel durch das Gebet ersetzte und meinte, das ganze Leben müsse geheiligt werden, indem man sein Leben nach ethischen Regeln lebte, unter denen die Nächstenliebe einen wichtigen Platz einnahm. Tatsächlich haben das Christentum und das heutige Judentum beide ihre Wurzeln in den Ansichten der Pharisäer, auch wenn die Pharisäer in den christlichen Evangelien negativ dargestellt werden. Die ersten Jesusanhänger begründeten keine neue Religion, sondern sahen in Jesus den „Messias“. Für die Juden ist der Messias ein von Gott auserwählter siegreicher Anführer, der auf Erden ein Reich des Friedens begründen soll. Für die meisten Juden allerdings war der Kreuzestod Jesu der Beweis, dass er nicht der Messias sein konnte. In den ersten Jahrhunderten war die Abgrenzung zwischen Judentum und Christentum noch nicht so scharf. Es gab Juden, die Jesus zwar nicht als Messias, aber als Propheten anerkannten, es gab Christen, die Jesus zwar als den Erlöser, aber nicht als Gott ansahen, es gab Christen, die die jüdischen Feiertage einhielten und in der Synagoge beteten usw. Natürlich gab es theologische Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen. Doch als das Christentum nach Kaiser Konstantin Schritt für Schritt zur Staatskirche wurde, wurde es für die Kirche aus machtpolitischen Gründen notwendig, eine einheitliche Lehre zu entwickeln, der sich alle unterzuordnen hatten. Die Kirche bekämpfte christliche Sekten wie die Arianer, die die heilige Dreifaltigkeit nicht anerkannten, ebenso wie die Juden. Nun konnte die Kirche ihren Einfluss auf den Staat nutzen, um die jüdische „Konkurrenz“ zu bekämpfen.

Die Staatskirche festigt ihre Macht

Unter dem Einfluss der Kirche untersagten die römischen Kaiser den Juden, für ihre Religion zu werben oder Maßnahmen gegen Juden zu ergreifen, die zum Christentum übertreten. Harte Strafen wurden Nichtjuden angedroht, die zum Judentum übertreten wollten. Das Vermögen eines Christen, der zum Judentum übertrat, fiel dem Staat zu. Ehen zwischen Juden und Nichtjuden wurden bei strengen Strafen verboten. All das zeigt allerdings, dass das Judentum immer noch eine starke Anziehungskraft auf viele Menschen hatte, sonst wären die Verbote überflüssig gewesen.

Nach der Völkerwanderung

In den neu entstehenden germanischen Staaten kamen den Juden bedeutende gesellschaftliche Aufgaben zu. Als Ackerbauern, Ärzte, Richter und Münzmeister waren sie integrierter Teil der Gesellschaft. Die Kaufmannsklasse rekrutierte sich damals aus drei ethnischen Minderheiten: „Griechen“, „Syrern“ und „Juden“, die zu Lande und zur See begehrte Güter aus dem Orient brachten. Die Könige ließen sich in ihrer Politik gegenüber den Juden mal mehr von wirtschaftlichen Überlegungen leiten, mal mehr von den Wünschen der Kirche.

Im Karolingerreich: Schutz bedeutet Abhängigkeit

Im karolingischen Reich stand das Interesse an der wirtschaftlichen Entwicklung im Vordergrund. Ludwig der Fromme stellte Juden Privilegienbriefe aus, die es ihnen ermöglichte, ihren ökonomischen Aktivitäten vor allem im Handel und Fernhandel nachzugehen, und ihr Leben nach den rabbinischen Vorschriften zu leben. Juden gehörten am Hof zum engeren Kreis, Adelige liehen sich Geld von Juden, Christen erbaten sich den Segen von Juden, die wegen der Propheten und Stammväter bei den Christen in hohem Ansehen standen. Bekannt wurde der Fall eines christlichen Diakons, der zum Judentum konvertierte.

Die königlichen und kaiserlichen Schutzbriefe brachten die Juden aber auch in Abhängigkeit vom Monarchen. Als Gegenleistungen für den Schutz mussten die Juden 10% ihrer Einkünfte an den kaiserlichen Hof abführen. Auch Fürsten und sogar Bischöfe stellten Juden unter ihren Schutz, denn da die Bischöfe auch weltliche Herrscher wurden, waren sie am wirtschaftlichen Wohlergehen ihrer Diözese und damit am wirtschaftlichen Erfolg „ihrer“ Juden durchaus interessiert.

Konkurrenz zu den christlichen Zünften

Als in den mittelalterlichen Städten allerdings die christlichen Zünfte erstarkten und zum mächtigsten Faktor wurden, wurden die jüdischen Konkurrenten mehr und mehr zu Bürgern zweiter Klasse. Dieses Schicksal teilten die Juden mit Frauen, Leibeigenen und Knechten sowie Durchreisenden.

Glaubensgemeinschaft und Volk

Für Juden bedeutete Religionszugehörigkeit und Volkszugehörigkeit praktisch dasselbe. Wer zum jüdischen Glauben übertrat, gehörte zum Jüdischen Volk, unabhängig von seiner oder ihrer Abstammung. Und ebenfalls zur jüdischen Religion gehörte es, Israel als die Urheimat anzusehen, obwohl diese Heimat schon längst eine rein symbolische war. Das erleichterte es, die Juden nicht nur als Anhänger einer „falschen“ Religion anzuprangern, sondern sie als „fremdes Volk“ auszugrenzen. Indem man sie als Fremde behandelte, auch wenn sie seit Generationen im Land lebten, konnte man begründen, dass man ihnen weniger Rechte zugestand.

Kennzeichnung als Fremde

Das Vierte Laterankonzil von 1215 forderte von den weltlichen Machthabern, Bevölkerungsgruppen wie Juden, Sarazenen und Muslime zum Tragen eines besonderen Kennzeichens zu verpflichten. Für Juden wurde in vielen deutschen Ländern ein spitzer Hut, Bart, ein langer Kaftan und ein gelber Ring an der Kleidung vorgeschrieben, für Jüdinnen ein blau gestreifter Schleier. So wurde ihr Status als „Fremde“ auch äußerlich kenntlich.

Kreuzzüge gegen die Juden

Zu Beginn des Hochmittelalters waren große Teile des Adels in Folge der Erbteilung verarmt. Durch Verbesserungen in der Landwirtschaft wuchs die Bevölkerung, aber gleichzeitig wuchs auch der Anteil der Armen an der Bevölkerung. Im Jahr 1095 rief Papst Urban zum ersten Kreuzzug auf, um das Heilige Grab aus der Herrschaft der Muslime zu „befreien“. Für die nicht erbberechtigten zweiten und dritten Söhne des Adels war das die Chance, weiter ein ritterliches Leben zu führen und in der Fremde Land zu erobern. Auch die verarmte Land- und Stadtbevölkerung sah in den Kreuzzügen eine Hoffnung auf Verbesserung ihrer Lage. Und sie erinnerten sich daran, dass es gar nicht nötig war, bis nach Jerusalem zu ziehen, um die Feinde des Herrn zu bekämpfen. In den wohlhabenden Städten gab es große jüdische Gemeinden. Den Angriff auf die Juden rechtfertigte man mit einer Verdrehung der biblischen Geschichte. Laut den Evangelien musste der römische Statthalter Pontius Pilatus zum Passahfest der Bevölkerung von Jerusalem einen zum Tod verurteilten Gefangenen freigeben. Das Volk entschied sich nicht für Jesus, sondern für Barabbas. Daraus leitete man nun ab, dass die Juden die Schuld am Tod Jesu trugen, und bezeichnete sie als Gottesmörder, obwohl es doch die römischen Machthaber waren, die Jesus zum Tod verurteilt hatten und ihn dann auch hinrichteten. So wurde der Kreuzzug zum Vorwand genommen, um wohlhabende Judengemeinden auszurauben. Auch der Anführer des Ritterheers, Gottfried von Bouillon, drohte, das Blut Christi an den Juden zu rächen, begnügte sich dann aber damit, Schutzgeldzahlungen zu verlangen. Der Kaiser und viele Fürsten und Bischöfe bemühten sich, die Juden zu schützen, allerdings nicht immer erfolgreich. Auch der zweite und dritte Kreuzzug waren von Gräueltaten gegen Juden und Jüdinnen begleitet. Den Juden wurde vorgeworfen, dass sie Brunnen vergiftet hätten und christliche Kinder rituell schlachteten.

Kaiser und Päpste nahmen die Juden gegen diese Blutbeschuldigung immer wieder in Schutz. Doch immer, wenn Adelige oder Städte bei jüdischen Kaufleuten oder Bankiers verschuldet waren, konnte man diese Vorwürfe zum Vorwand nehmen, um die Juden zu vertreiben oder zu ermorden und sich so der Schulden zu entledigen. Wenn man die Dienste der Juden als Händler und Geldverleiher wieder brauchte, erlaubte man ihnen die Rückkehr.

Pest: Die Juden sind schuld

Als im Jahr 1348 die große Pest wütete, fand man in den Juden einen bequemen Sündenbock. Da man sich diese plötzliche tödliche Epidemie nicht erklären konnte, fand die Behauptung, die Juden würden Brunnen vergiften und so die Pest verursachen, bei vielen Menschen Glauben.

Vertreibung aus Deutschland – Aufnahme in Polen

Da die Juden vom frühen vierzehnten bis zum fünfzehnten Jahrhundert aus einer deutschen Stadt nach der anderen vertrieben wurden, suchten sie ihr Heil in der Auswanderung nach Italien oder Polen. Die polnischen Könige förderten die Ansiedlung von Juden aus Deutschland, weil sie in das wenig entwickelte Polen handwerkliche und kaufmännische Kenntnisse brachten und so der Entwicklung des Landes dienen konnten. Die weltlichen Herrscher machten Juden zu Münzmeistern und Steuerpächtern oder Gutsverwaltern. Wenn nun die Steuerpächter im Auftrag ihrer adeligen Herren die Abgaben von den Bauern eintrieben, zogen sie sich den Hass der armen Bevölkerung zu, der eigentlich den wirklichen Herrschern hätte gelten sollen. Auch hier gab es wieder Blutbeschuldigungen, mörderische Pogrome, Zwangstaufen, Vertreibungen und das Einbehalten der Schulden.

In Italien führte die kirchliche Ächtung des Wuchers zur Herausbildung einer Klasse jüdischer Bankiers, die neben vielen Handwerkern, Kleinhändlern und Landwirten am Aufstieg der italienischen Städte beteiligt waren. Christliche Orden agitierten auch hier gegen die Juden.

Auch in Frankreich stellte der König die Juden unter seinen Schutz, ruinierte sie aber gleichzeitig, indem er ihren Schuldnern 30% der Schulden erließ.

Reines Blut

Als die christlichen Könige Spanien von den muslimischen Mauren zurückerobert hatten, hielten sie es für notwendig, ihre Herrschaft über die Köpfe der Menschen zu festigen, indem sie einen einheitlichen Glauben vorschrieben. Muslime und Juden mussten sich taufen lassen oder das Land verlassen. Viele wanderten aus und wurden vom türkischen Sultan freundlich aufgenommen, der ihre Kenntnisse und Fähigkeiten für sein Land zu schätzen wussten. Viele ließen sich auch taufen, um im Land bleiben zu können. Doch da von den Zwangsgetauften nicht wenige im Geheimen an ihrem Glauben festhielten, stand ihnen die Kirche und die Inquisition misstrauisch gegenüber. Wer höhere Ämter anstrebte, musste nicht nur christlichen Glaubens sein, sondern nachweisen, dass er nicht von Juden oder Mauren abstammte, sondern „reines Blut“ hatte. Hier kam also zum ersten Mal nicht nur die Religion, sondern die Abstammung ins Spiel.

Münzmeister der Babenberger – von Kreuzfahrern ermordet

Auch in Österreich spielte sich die Geschichte der Juden zwischen Schutz und Verfolgung, Vertreibung und Wiederansiedlung ab. Der Babenberger Herzog Leopold V. beschäftigte einen jüdischen Münzmeister, einen gewissen Schlom (Salomon), dessen Aufgabe es war, Silber für die Münze zu beschaffen. Schlom und seine Familie wurden 1196 von Kreuzfahrern ermordet.

Erste Vertreibung aus Wien – Erfolg für den erfolglosen Feldherrn

Herzog Friedrich der Streitbare stellte ein Judenprivileg aus, um das Kreditwesen zu fördern. Im 13. Jahrhundert entstanden Judengemeinden in Krems, Wiener Neustadt und Wien. Doch als der Kaiser und mit ihm der Herzog von Österreich Krieg gegen die reformatorisch-revolutionäre Bewegung der Hussiten in Böhmen führte, wurden die Juden verdächtigt, diese Feinde der Kirche zu unterstützen. Als Herzog Albrecht nach einer militärischen Niederlage zurückkehrte, konnte er wenigstens einen Erfolg vorweisen, indem er die Juden aus Wien vertreiben ließ. Die meisten wurden nach Mähren und Ungarn verjagt, von den zurückgebliebenen starben viele unter der Folter, andere begingen in der Synagoge Selbstmord, um der Zwangstaufe zu entgehen, etwa 200 bis 300 wurden auf einem Scheiterhaufen auf der Gänseweide in Erdberg verbrannt.

Bis 1580 wuchs die Wiener Gemeinde wieder und 1624 stellte Kaiser Ferdinand II. die Wiener Juden unter den Schutz des Hauses Österreich und wies ihnen einen Teil des „Unteren Werd“, der heutigen Leopoldstadt, als Wohngebiet zu. Der Grund für diese Großzügigkeit war der Dreißigjährige Krieg. Der Kaiser sorgte dafür, dass „seine“ Juden ungestört ihren Geschäften nachgehen konnten, damit sie die Steuern für seinen Krieg aufbringen konnten.

Wieder aus Wien vertrieben – wieder zurückgeholt

Doch bald begann die Wiener Bürgerschaft gegen die Juden zu agitieren, da sie in ihnen eine Konkurrenz sah. Als der Wiener Neustädter Bischof Kollonitsch dies mit theologischen Gründen untestützte und außerdem Vorwürfe auftauchten, die Juden würden für die Türken spionieren, beschloss Kaiser Leopold I. die Ausweisung der Juden. Anstelle der Synagoge wurde eine dem heiligen Leopold geweihte Kirche errichtet. Als Folge der Vertreibung verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage Wiens dramatisch, so dass der Kaiser nur wenige Jahre später mit einigen reichen jüdischen Familien Verhandlungen über ihre Rückkehr führte.

Kredite für den Krieg aufnehmen – und nicht zurückzahlen

Der Kaiser bot auch dem aus Heidelberg stammenden Kaufmann Samuel Oppenheimer an, sich in Wien niederzulassen. Im Krieg gegen die Türken belieferte Oppenheimer die Armee des Prinzen Eugen, zu dem er ein freundschaftliches Verhältnis hatte, und verschaffte auch die nötigen Kredite für den Krieg. Als Österreichs Staatskasse 1701 infolge des Ausbruchs des Spanischen Erbfolgekriegs vor dem Bankrott stand, stellte Oppenheimer die erforderlichen Mittel zur Verfügung, um die Finanzkrise zu bewältigen. Oppenheimers Kredite waren der größte Posten unter Österreichs damaligen Schulden. Nach seinem Tod zahlte die Staatskasse die Schulden nicht zurück. Über Oppenheimers Nachlass wurde einfach der Konkurs verfügt, was alle mit Oppenheimer in Verbindung stehenden Geldgeber in eine schwere Krise stürzte.

Aus Böhmen vertrieben – und wieder zurückgeholt

Als Maria Theresia gegen Preußen Krieg um Schlesien führte, wurden die böhmischen Juden beschuldigt, Preußen zu unterstützen. Maria Theresia ließ alle Juden aus Prag und Böhmen ausweisen. 1745 vertrieb sie auch die Juden aus dem eroberten Teil Schlesiens. Diese Vertreibung war ein wirtschaftlicher Rückschlag und aus diesem Grunde gewährte die Kaiserin 1748 den Juden einen befristeten Aufenthalt von zehn Jahren in Böhmen. Zusätzlich mussten die Juden eine jährliche Steuer bezahlen. Wegen dieser enorm hohen Steuern und einem erneuten Großbrand in Prag verschuldete sich die jüdische Gemeinde schwer.

Toleranz – bedingt

Kaiser Joseph II. wird heute noch gerühmt wegen seiner Toleranzpatente für Protestanten und Juden. Doch diese Toleranz war von bürgerlicher Gleichstellung weit entfernt. Joseph hob die Kleiderordnung auf, erließ den Juden die „Leibmaut“ (eine Kopfsteuer), hob die „Judenhäuser“ (Ghettos) auf und gestand ihnen Gewerbefreiheit ohne Bürger- und Meisterrecht zu. Dafür mussten sie ihre Kinder auf deutschsprachige, meist christliche Schulen schicken. Auch ihre Berufe durften sie nur bei christlichen Meistern lernen. In Wien ansiedeln durften sich nur wohlhabende Juden. Einige von ihnen erlangten bald hohes Ansehen in der Wiener Gesellschaft.

1816 zog Salomon Rothschild nach Wien. Als Bankier organisierte er die Wiener Börse neu und arbeitete eng mit dem Staatskanzler Fürst Metternich zusammen. 1822 wurde er als Freiherr in den Adelsstand erhoben. Eine jüngere Generation von jüdischen Unternehmern und Intellektuellen aber stellte sich gegen das Metternichsche System und bereitete mit anderen jungen Kräften der Revolution von 1848 den Weg. Der junge jüdische Arzt Dr. Adolf Fischhof gab mit seiner Rede am 13. März im Landhaus das Signal zur Volkserhebung. Beim Begräbnis der ersten Gefallenen der Revolution hielten ein katholischer Priester, ein protestantischer Pfarrer und der Oberrabbiner von Wien eine gemeinsame Totenfeier. Ein – spätes – Ergebnis der Revolution von 1848 war die bürgerliche Gleichstellung der Juden in der Verfassung von 1867, die erstmals die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz festschrieb.

Emanzipation – bedingt

Erstmals in ihrer Geschichte wurde den Juden im ganzen kaiserlichen Österreich der ungehinderte Aufenthalt und die Religionsausübung garantiert. (Freilich war die Emanzipation immer noch nicht vollständig, denn im Staatsdienst und im Heer gab es weiterhin Beschränkungen für Juden.) Die Jüdische Gemeinde wuchs als Folge dieser Entwicklungen sehr rasch: Registrierte die Israelitische Kultusgemeinde Wien 1860 6.200 jüdische Einwohner, so waren es 1870 bereits 40.200 und zur Jahrhundertwende 147.000. Auch aus anderen Bevölkerungsschichten kamen Zuwanderer, doch der rasche Anstieg des jüdischen Anteils an der Gesamtbevölkerung war sicherlich besonders auffällig. Und auffällig war auch, dass von diesen zugewanderten Juden viele sehr erfolgreich waren und rasch die gesellschaftliche Stufenleiter hochstiegen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Viele der nichtjüdischen Zuwanderer waren Söhne und Töchter verarmter Bauern, die in den Fabriken und Ziegeleien Arbeit suchten oder als Köchin, Dienstmädchen, Amme in häusliche Dienste traten. Sie waren wenig gebildet und hatten so schlechte Voraussetzungen für einen baldigen Aufstieg. Die Juden hingegen waren in der Mehrzahl des Lesens und Schreibens mächtig. Sie kamen aus einer Kultur, in der das Studium und das scharfsinnige Diskutieren heiliger Texte zur Religionsausübung gehört. Die Bildung der Frauen war nicht so ausgeprägt, doch war auch ihr Bildungsgrad höher als im Durchschnitt der weiblichen Bevölkerung. Die Juden waren oft mehrsprachig: Neben ihrer Muttersprache Jiddisch beherrschten viele Hebräisch, die Sprache der heiligen Schriften. Als Händler oder Gutsverwalter oder Steuereinnehmer sprachen sie auch die Sprache der bäuerlichen Mehrheitsbevölkerung und die Sprache der adeligen Herrschaft, in Böhmen also Tschechisch und Deutsch, in Ungarn Ungarisch und Lateinisch und so weiter. Als Händler und Kaufleute nützten ihnen ihre Beziehungen zu den Daheimgebliebenen. Und noch etwas kommt hinzu: Ihr Glück in der Fremde suchen einerseits die, die die Not am härtesten drückt, die gar keine andere Wahl haben. Doch von denen, die die Wahl haben, sind es die Aktivsten, die Mutigsten, Aufgeschlossensten, die es wagen, die Heimat hinter sich zu lassen und wo anders von vorne zu beginnen. Die Ängstlicheren, Konservativeren bleiben lieber da, wo sie sich schon auskennen. Auch wenn ein Großteil der jüdischen Bevölkerung Wiens in bescheidenen Verhältnissen, ein Teil auch im Elend lebte, war der rasche Aufstieg eines Teils dieser Bevölkerung auffällig und erregte Missgunst. 1890 waren fast ein Drittel der Studenten an der Wiener Universität Juden. Viele Juden strebten in den Arztberuf – der unter den europäischen Juden eine jahrhundertelange Tradition hat – oder ins Pressewesen und in die Literatur. Dass unter den Kapitalisten und Bankiers einige jüdische Familien – wie z.B. die Rothschilds – herausragten, lag nicht zuletzt an der Ansiedlungspolitik der Kaiser, die eben jahrhundertelang nur reichen Juden den Aufenthalt in Wien erlaubt hatten.

Doch neben diesen Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur gab es ganz andere, viel bedeutendere Veränderungen. Durch die voranschreitende Industrialisierung kam das traditionelle Kleinbürgertum, die Handwerker und kleinen Kaufleute, in immer größere Bedrängnis. Viele kämpften verzweifelt gegen den Abstieg ins Proletariat. Für politische Karrieristen wie den Begründer der Christlichsozialen Partei und späteren Bürgermeister Lueger war es nicht schwer, die Schuld an den Nöten der Kleinbürger wieder einmal den Juden in die Schuhe zu schieben.

Neben den kirchlichen Antijudaismus, der sich gegen die jüdische Religion wandte und der unter anderem vehement von der Wiener Kirchenzeitung betrieben wurde, trat nun der Antisemitismus, der sich mit halbgaren biologischen Theorien gegen die Juden als „Rasse“ wandte.

Im Zuge der Emanzipation begannen viele assimilierte, aufgeklärte Juden sich als Deutsche zu fühlen. Das konnte Zugehörigkeit zur deutschen Kultur bedeuten oder auch extremen Deutschnationalismus. Sie betonten auch ihre Treue zum Haus Habsburg. Kaiser Franz Joseph war vor allem in späteren Jahren ein entschiedener Gegner des Antisemitismus.

Auf die Tatsache, dass trotz Emanzipation und Assimilation der Antisemitismus eher zu- als abnahm, reagierten die Juden auf unterschiedliche Weise. Viele, indem sie sich taufen ließen und sich so der christlichen Mehrheit anschlossen. Andere sahen nur in der Auswanderung einen Ausweg. Theodor Herzl entwickelte in seinem Buch „Der Judenstaat“ die Idee des Zionismus. Er dachte dabei noch nicht unbedingt an einen jüdischen Staat in Palästina. Ostafrika oder Südamerika zog er ebenfalls in Erwägung. Aber nur Palästina hatte genügend Symbolkraft, um wirklich viele Menschen für diese Idee zu gewinnen. Trotzdem blieb in Wirklichkeit das Hauptziel der jüdischen Auswanderer Amerika.

Im ersten Weltkrieg flohen eine große Zahl galizischer und polnischer Juden vor den heranrückenden russischen Truppen nach Wien, was die wirtschaftlich erschöpfte Stadt vor große Probleme stellte und die antijüdischen und antisemitischen Ressentiments in der Bevölkerung verstärkte. Auch die „alteingesessenen“ Juden schauten nicht selten auf die „Ostjuden“ herunter.

In der Zwischenkriegszeit bedienten sich fast alle Parteien in ihrer Wahlpropaganda antijüdischer Slogans. Sogar die Sozialdemokratische Partei, die von der Mehrzahl der Juden unterstützt wurde, war nicht frei davon.

Die politischen Ziele der Nationalsozialisten fanden auch in Österreich großen Anklang. An erster Stelle stand die „Vereinigung aller Deutschen in einem Großdeutschen Reich“. Damit war vor allem gemeint, dass Österreich und die deutschsprachigen Teile der Tschechoslowakei an Deutschland angeschlossen werden sollten. Dann sollte für das deutsche Volk Lebensraum im Osten erobert werden. Eine pseudowissenschaftliche Rassentheorie behauptete, dass die germanische Rasse allen anderen überlegen und deshalb berechtigt sei, über die anderen zu herrschen. Das richtete sich vor allem gegen die jüdische Bevölkerung, aber auch gegen Roma und Sinti und andere Minderheiten. Juden sollten aus der deutschen Staatsbürgerschaft ausgeschlossen und unter Fremdengesetzgebung gestellt werden. Von der Gesetzgebung und von Regierungsämtern sollten sie ausgeschlossen werden, im Falle einer Ernährungskrise sollten sie ausgewiesen werden können. Die Nationalsozialisten bekämpften die linken Parteien und die Gewerkschaften und stellten den Kommunismus als Teil einer jüdischen Weltverschwörung hin. Das Programm der NSDAP sprach sich offen gegen den Parlamentarismus und für eine Zensur der Presse aus.

Es waren viele unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Gesellschaftsschichten, die sich von dieser Bewegung etwas versprachen und ihr zum Erfolg verhalfen.

Für die Großindustrie war die Aussicht auf einen neuen Eroberungskrieg verlockend. Nicht nur für die Rüstungsindustrie, die der Regierung Waffen verkaufen konnte, die von den Steuern der Bevölkerung bezahlt würden. Die deutsche Industrie stand auf dem Weltmarkt in erster Linie mit den USA im Wettbewerb. Und schon der frühere Reichskanzler Stresemann hatte ausgerechnet, dass Deutschland einen gesicherten Markt von 150 Millionen Menschen brauchen würde, um mit Amerika konkurrieren zu können. Von einem Eroberungskrieg erwarteten sich viele deutsche Industrielle eben einen solchen sicheren Markt im Inneren, der ihnen dann möglich machen würde, auch auf dem Weltmarkt nach der Vorherrschaft zu greifen. Bis zur Machtübernahme Hitlers unterstützte die deutsche Großindustrie zwar andere nationalistische und antisemitische Parteien weitaus stärker als die NSDAP, aber sie konnte sich mit den Großmachtzielen und antidemokratischen Absichten dieser Partei durchaus identifizieren. Nach der Machtübernahme arbeitete die Großindustrie eng mit den Nationalsozialisten zusammen.

Den Industriellen konnte es auch nur recht sein, dass die NSDAP die Gewerkschaften beseitigen wollte, die für die Arbeiter und Arbeiterinnen einen höheren Anteil an den erarbeiteten Werten forderten, die kostspielige Arbeitsschutzmaßnahmen durchsetzen und die Arbeitszeit verkürzen wollten. Und sie sahen in Hitlers Bewegung einen Schutz gegen einen befürchteten kommunistischen Umsturz, der sie enteignet und entmachtet hätte.

Für viele Menschen war der Antisemitismus der Nationalsozialisten anziehend. Wer lässt sich nicht gern sagen, dass er aus irgend einem Grund wertvoller ist als andere? Und wenn einem gesagt wird, dass an allem Unglück die Juden schuld sind, vom verlorenen Krieg bis zur Weltwirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit, dann hat man für alles eine einfache Erklärung, über die man nicht lange nachzudenken braucht. Aber auch wenn sie die Rassentheorien der Nationalsozialisten nicht besonders überzeugend fanden, konnten sich viele einen Vorteil von der Entrechtung der Juden versprechen. Als das Regime die jüdischen Beamten entließ, konnten andere an ihre Stelle nachrücken, als jüdische Ärzte aus den Spitälern entfernt wurden, konnten andere ihre Posten übernehmen. An den Universitäten, an den Schulen, überall galt nun die Rasse mehr als die tatsächliche Befähigung. Als man die Juden zur Auswanderung zwang, mussten viele ihre Geschäfte, ihre Unternehmen, ihre Häuser oder Wohnungen, ihre Möbel und Bilder und was sie sonst noch besaßen, viel zu billig verkaufen. So manche – auch Österreicher – konnten sich an der Vertreibung der Juden bereichern. Aber für viele bedeutete die Ausschaltung der jüdischen Konkurrenz gar keinen großen Gewinn. Oft nicht mehr als nur eine kleine Hoffnung auf eine möglicherweise verbesserte Aufstiegschance. Viele hatten vielleicht bei einer Versteigerung bloß einen hübschen Ziergegenstand oder ein nützliches Küchengerät billig erworben. Und doch schuf sich das Regime so viele, viele Mittäter und Mitschuldige, die bei jeder Maßnahme gegen ihre jüdischen Kollegen, Geschäftsfreunde, Nachbarn, Mitbürger Augen und Ohren verschlossen und schließlich auch bei Deportationen in die Ghettos und Vernichtungslager wegschauten und weghörten.

Die NSDAP errichtete im Deutschen Reich innerhalb kürzester Zeit einen totalitären Einparteienstaat unter Führung Adolf Hitlers. Denn waren sie auch mit Unterstützung eines großen Teils des Volks an die Macht gekommen – halten konnten sie ihre Macht nur durch Terror. Missliebige Personen wurden aus allen staatlichen Organisationen entfernt. Konzentrationslager wurden errichtet, um politische Gegner zu beseitigen, insbesondere Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Presse und Rundfunk durften nur mehr im Sinne der NSDAP berichten. Der gesamte Kunstbetrieb wurde auf Parteilinie gebracht – unerwünschte Kunstwerke wurden für „entartet“ erklärt. Schon auf Kinder wurde Druck ausgeübt, den Parteiorganisationen beizutreten und die Eltern zu bespitzeln. Die Geheime Staatspolizei, die „Gestapo“, wurde als politische Polizei zur Bekämpfung der politischen Gegner eingesetzt. Die Wirtschaft wurde auf den Krieg ausgerichtet. Die „Nürnberger Gesetze“ von 1935 entzogen den Juden ihre staatsbürgerlichen Rechte und verboten die Heirat zwischen Juden und so genannten Ariern. Juden verloren zuerst alle öffentlichen Ämter, wurden willkürlich verfolgt, bestohlen und erpresst und schließlich mit einem völligen Berufsverbot belegt. Unter dem Begriff „Arisierung“ wurden alle jüdischen Unternehmen enteignet. Immer häufiger wurden nun auch Juden und Jüdinnen in Konzentrationslager eingewiesen. Viele fassten den Entschluss auszuwandern, andere aber blieben in Deutschland, weil sie sich als Deutsche fühlten und ihre Heimat nicht verlassen wollten. 1938 wurden Österreich und das Sudetenland annektiert, 1939 auch die restliche Tschechoslowakei. Demütigung, Terror und Raub brachen hier über die jüdische Bevölkerung noch schlimmer herein als in Deutschland. Der Novemberpogrom in Wien, die sogenannte Reichskristallnacht, war brutaler und niederträchtiger als alles, was Juden bis dahin in Deutschland hatten erleiden müssen. Mit dem Angriff auf Polen begann der zweite Weltkrieg. Deutschland überfiel die neutralen Staaten Luxemburg, Belgien und die Niederlande und besetzte Frankreich. Den Juden wurde nun die Ausreise verboten, sie mussten in Ghettos ziehen und den Judenstern tragen. Viele starben durch mangelnde Ernährung. 1941 marschierten deutsche Truppen in Russland ein. Gleichzeitig begann das Regime mit der systematischen Ermordung der Juden, Roma und Sinti.

Das war nur logisch. Dieses größte aller Verbrechen, der Holocaust, die Shoah, der Porajmos war die logische Konsequenz aller vorhergehenden Verbrechen gegen die Juden und „Fremdrassigen“. Da man sie entrechtet und beraubt hatte, hatte man sich gefährliche Feinde geschaffen. Da man ihnen die Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, genommen hatte, hätte man sie ernähren müssen. Die deutschen und österreichischen Juden hätte man ja gehen lassen, wenn das Ausland sie nur genommen hätte, man hätte sich mit ihrer Vertreibung begnügt, wenn sie schnell genug hätten fliehen können. Aber in den besetzten Gebieten hatte man es nun mit einigen Millionen Juden und Jüdinnen zu tun. Sie ins Ausland abzuschieben war unmöglich. Sie in Ghettos zu sperren und zu bewachen war zu gefährlich. Sie zu ernähren war zu teuer. Die Nationalsozialisten waren an einem Punkt angelangt, an dem es kein Zurück mehr gab. Das ist keine Rechtfertigung für den Holocaust. Sondern eine um so schärfere Verdammung all der vorangegangen Taten, die schließlich auf den Holocaust zusteuerten.

Die SS errichtete Vernichtungslager in Polen, Weißrussland und der Ukraine. 6,3 Millionen Juden wurden vergast, erschossen oder sonst zu Tode gequält. Da ein Großteil der deutschen und österreichischen Arbeiter an der Front waren, wurden aus den besetzten Ostgebieten Zwangsarbeiter nach Deutschland geholt. Die in den besetzten Gebieten erzeugten Lebensmittel sollten nach Deutschland und an die Armee geliefert werden, 30 Millionen Russen und Russinnen sollten planmäßig dem Hungertod preisgegeben werden. Je länger der Krieg dauerte, um so schärfer wurde der Terror gegen die eigene Bevölkerung. Die kleinste Unmutsäußerung wurde bestraft. Flugblätter zu verbreiten, die zum Sturz der Regierung oder zur Beendigung des Kriegs aufriefen, galt als Vorbereitung zum Hochverrat und wurde mit dem Tod bestraft. Politische Gegner, die zu Gefängnis verurteilt wurden, kamen nach Verbüßung ihrer Strafe in Konzentrationslager, wo viele durch Hunger, Überarbeitung und Krankheit starben oder zu Tode gefoltert wurden.

Zusammenfassung

Die Judenfeindschaft ging von der christlichen Kirche aus, als die sich zur Staatskirche wandelte und im Judentum eine Konkurrenz sah. Die weltliche Macht nahm die Juden meist in Schutz, aber nur so weit, als es ihr nützlich war und sie die Juden damit in ihre Abhängigkeit bringen konnte. Der Schutz ging nie so weit, die Juden mit den Christen rechtlich gleichzustellen. Auch die Kirche war in ihrer Verfolgung nicht konsequent. Für viele Bischöfe als weltliche Machthaber war der wirtschaftliche Erfolg der Juden in ihrer Diözese wichtig. Die zwiespältige Haltung der Kirche drückt sich auch in einer eigenartigen kirchlichen Lehre aus,die ungefähr folgendes besagt: Die Tatsache, dass die Juden in der Welt zerstreut ohne eigenes Heimatland leben, sei die Strafe für ihre Rolle als Gottesmörder. Man solle sie daher nicht ausrotten, sondern als warnendes Beispiel, als „unfreiwillige Glaubenszeugen“ am Leben lassen. Die bewusste Ausgrenzung der Juden durch Siedlungsbeschränkung, Kleiderordnung und andere Maßnahmen zementierte ihren Status als „Fremde“ und förderte in der übrigen Bevölkerung Misstrauen und Vorurteile.

Von der Stellung der Juden zwischen inkonsequenter Verfolgung und inkonsequentem Schutz konnten verschiedene Gesellschaftsgruppen auf verschiedene Weise profitieren: psychologisch, wirtschaftlich, politisch. Doch immer wieder wurde aus der inkonsequenten Verfolgung eine konsequente, wurde der inkonsequente Schutz ganz fallen gelassen, immer wieder kam es zu Beraubung, Vertreibung und Ermordung.

Der Holocaust begann mit Hasspropaganda, die auf jahrhundertealte Traditionen des Antijudaismus zürückgriff und den Juden eine Sündenbockrolle zuwies. Damit verbunden war das Versprechen an die „Arier“, sich an den Juden bereichern zu dürfen. Als die Nazis an die Macht kamen, wurde das Versprechen eingelöst. Konsequente Folge davon war, dass die verarmten, ausgeraubten Juden, die man zu nichts mehr brauchen konnte, vertrieben wurden. Und als das nicht mehr möglich war, war die logische Konsequenz der bisher größte Völkermord der Geschichte.

Vorurteile allein können eine Katastrophe wie den Holocaust nicht bewirken. Da müssen politische Kräfte am Werk sein, die diese Vorurteile benutzen und in die gewünschte Richtung lenken. Andererseits: Die Kenntnis der Tatsachen allein schützt nicht vor Vorurteilen. Die Wiener und Wienerinnen kannten ihre jüdischen Nachbarn und Nachbarinnen gut, sie hatten mit ihnen die Schulbank gedrückt, sie gingen bei ihnen einkaufen oder arbeiteten mit ihnen zusammen im Büro, im Geschäft oder in der Fabrik. Doch wenn man ihnen einen Vorteil verspricht, sind viele Menschen auch gegen ihr besseres Wissen bereit zu glauben, dass sie einer überlegenen Gruppe angehören, die das Recht hat, die „Anderen“ zu unterdrücken und zu berauben.

Es genügt also nicht, bloß Vorurteile zu bekämpfen. Immer ist auch politische Wachsamkeit notwendig. Wer profitiert davon, wem nützt es, wenn Nichtjuden gegen Juden, Nichtroma gegen Roma, Inländer gegen Ausländer, Weiße gegen Schwarze, Christen gegen Muslime ausgespielt werden?

Oder anders herum gefragt: Was hat es der Masse der „arischen“ Deutschen und Österreicher gebracht, wenn sie die Nazis unterstützten in der Hoffnung, sie würden einmal als Herrenmenschen in einem Großdeutschen Reich über minderwertige Untertanenvölker herrschen? Sie wurden in einen mörderischen Krieg gestoßen, der viele von ihnen das Leben kostete, den sie mit ihren Steuern bezahlen mussten und für den ihnen schließlich ihre Löhne und Lebensmittelrationen gekürzt wurden, dass sie hungern und frieren mussten, sie wurden ihrer politischen Rechte beraubt und konnten für die kleinste Kritik, den kleinsten Ungehorsam bestraft werden. Und weil sie sich mitschuldig gemacht hatten, konnten sie sich gegen all das auch nicht wirklich zur Wehr setzen.

Herr Kohn und Herr Öztürk

Herr Kohn, 1938 aus Wien geflohen, kommt auf Besuch in die alte Heimatstadt. Im Flugzeug sitzt er neben Herrn Öztürk, der seine Tochter in New York besucht hat. Herr Öztürk beklagt sich über die Fremdenfeindlichkeit der Österreicher. “Sehen Sie, vor drei, vier, fünf Jahrzehnten sind wir als arme Gastarbeiter nach Österreich gekommen. Aber wir haben hart gearbeitet, Geschäfte und Unternehmen aufgebaut, unsere Kinder aufs Gymnasium und auf die Universität geschickt. Heute gibt es in Österreich türkische Ärzte, türkische Rechtsanwälte, sogar türkische Politiker und Politikerinnen. Und so werden wir uns mit der Zeit und Schritt für Schritt die Achtung der Österreicher erwerben und gleichberechtigte Mitglieder dieser Gesellschaft werden.”
“Ja,” sagt Herr Kohn, “das haben wir auch geglaubt.”

Weinviertelfestival: Wandern mit Theodor Kramer im Ohr

Samstag 18. Mai 2013 16:00bis Dienstag 31. Dezember 2013 23:45

Theodor-Kramer-Haus: Theodor-Kramer-Weg 5, 2004 Niederhollabrunn

Mit der von Martin Auer gestalteten kostenlosen App "Lössland" (für iPhone, Android und als Web-App) können Sie jederzeit durch die Landschaft rund um Niederhollabrunn wandern und dabei Gedichte Theodor Kramers hören. Ihr Smartphone wird zum Audioguide. Eröffnungsfest am 18. Mai mit Klezmer Reloaded und Martin Auer Hier geht's zum App-Download: http://loessland.kwikk.info/#getApp Oder mit dem Handy den QR-Code scannen Ein Projekt des Weinviertelfestivals 2013

Eintritt: frei

Martin Auer – Lesungen und Auftritte: Lössland – Eröffnungsfest für den Theodor-Kramer-Soundwalk

Samstag 18. Mai 2013 16:00

Theodor-Kramer-Haus: Theodor-Kramer-Weg 5, 2004 Niederhollabrunn

Klezmer Reloaded spielen auf. Martin Auer liest Theodor Kramer Landesrat Mag. Karl Wilfing und Bürgermeister Leopold Wimmer eröffnen Zu essen und zu trinken gibt's auch Alles beim Theodor-Kramer-Geburtshaus Theodor-Kramer-Weg 5, 2004 Niederhollabrunn. Im Rahmen des Weinviertel-Festivals 2013 Wandern Sie durch die Felder rund um Niederhollabrunn, wo einer der bedeutendsten Lyriker Österreichs geboren wurde, und hören Sie dabei Texte, die durch diese herb-schöne Landschaft inspiriert wurden. Ihr Smartphone wird dabei zum Audio-Guide. Laden Sie einfach die kostenlose App auf Ihr Handy, stecken Sie die Kopfhörer an und unternehmen Sie den Spaziergang, wann immer Sie Lust dazu haben. Die App zeigt Ihnen den Weg und lässt Sie an den vorgesehenen Orten die Gedichte hören. Es sind insgesamt 25 Texte Theodor Kramers. Je nach dem, wie stramm oder gemütlich sie gehen, wird der Weg zwischen einer und zwei Stunden dauern. Zwischen den einzelnen Stationen lässte Ihnen die App Zeit, die Texte nachwirken zu lassen.

Eintritt: Eintritt frei

Pädagogik und Ironie

Gelegentlich muss ich erklären, was ich mit einem Text gemeint habe. Hier geht es um die Geschichte “Peter in der Schule”, die in der Kinderzeitschrift “Kleines Volk” abgedruckt war. Sie endet mit der Warnung: “Also Freunde, wenn ihr wissen wollt, warum etwas so ist, wie es ist, hört rechtzeitig zu fragen auf.”

Ein Vater oder eine Mutter mit dem Pseudonym “Berner Sennenhund” hat sich bei der Redaktion bitter über diese Geschichte beschwert.

Zuerst also die Geschichte, dann die Beschwerde und dann meine Antwort.

Peter in der Schule

Es war einmal ein seltsamer kleiner Bub, der hieß Peter, und der machte alle wahnsin­nig mit seiner Fragerei.

Als er in die Schule kommen sollte, frag­te er: “Warum muss ich in die Schule ge­hen?”

“Damit du lesen und schreiben und rechnen lernst!”, sagte die Mutter.

“Kannst du das denn?” fragte der Peter.

“Natürlich kann ich lesen und schreiben und rechnen!”

“Warum zeigst du mir nicht einfach, wie das geht?”

“Das geht nicht. Lesen und schreiben und rechnen lernt man in der Schule!”

“Und Zähne putzen und Schuhe zubin­den und den Popsch abwischen?”

“Das lernt man zu Hause!”

“Warum?”

“So, jetzt ist Schluss mit der Fragerei, jetzt ist Schlafenszeit!”, sagte die Mutter.

 

Als die Lehrerin ein A an die Tafel malte und sagte: “Das ist das A”‘ da sagte der Peter nur: “Warum?”

“Was meinst du mit ,Warum’?”

“Warum ist das ein A?”

“Schau, Peter, das ist ein Buchstabe und jeder Buchstabe hat einen anderen Na­men. Und mit verschiedenen Buchstaben kann man verschiedene Wörter schreiben. Und das hier ist eben der Buchstabe A.”

“Aber warum?”

“Schau, Peter, du hältst uns alle auf. Schreib jetzt das A in dein Heft!”

 

Als die Kinder alle Buchstaben gelernt hatten, fragte Peter: “Und wie schreibt man das?”, und schnalzte mit der Zunge.

“Was meinst du, Peter?”

“Na das da!”, und er schnalzte wieder mit der Zunge.

“Dafür gibt es keinen Buchstaben.” ,

“Warum denn nicht?”

“Weil es doch keine Wörter mit so einem Zungenschnalzer gibt.”

“Und wenn ich meinen Hund rufe?” Dabei schnalzte Peter mit der Zunge und winkte mit der Hand.

“Peter, wir müssen jetzt weiterarbeiten, sonst werden wir nicht fertig!”

 

Als die Kinder lernten, dass zwei und zwei vier sind, sagte der Peter nur: “Warum?”

“Sag Peter, was meinst du schon wieder mit ,Warum’?”

“Na, warum sind zwei und zwei vier?”

“Aber Peter, schau doch her: Hier sind zwei Stäbchen. Und wenn ich noch zwei Stäbchen dazulege und nachzähle, dann sehe ich, dass es vier Stäbchen sind. Das siehst du doch, Peter, oder?”

“Ja”, sagte der Peter, “ja, ich sehe, dass es vier sind.”

“Na also, Peter!”

“Aber ich will doch wissen, warum es vier sind!”

 

Und so war das einfach immer mit dem Peter. Wenn von den Fischen die Rede war, dann fragte er: “Warum leben die Menschen nicht auch im Wasser?”

“Weil sie ertrinken würden.”

“Und warum würden sie ertrinken?”

“Weil sie unter Wasser nicht atmen kön­nen!”

“Und warum können sie unter Wasser nicht atmen?”

“Weil sie keine Kiemen haben wie die Fi­sche!”

 

Jetzt hätte der Peter doch aufhören kön­nen zu fragen, nicht wahr? Jetzt hätte er doch Ruhe geben können. Jetzt hätte er sich doch denken können, dass er für heute genug erfahren hatte. Aber nein, er konnte es nicht lassen, es juckte ihn einfach, er musste weiterfragen: “Und warum haben die Menschen keine Kie­men?”

Findet ihr das in Ordnung? Muss man immer so lange weiterfragen, bis man keine Antwort mehr bekommt? Das ist doch lästig. Damit verärgert man doch nur die Leute.

Und dann: Hätte der Pe­ter rechtzeitig zu fragen aufgehört, dann wüsste er jetzt, warum die Menschen nicht unter Wasser leben. Weil sie keine Kieman haben. Aber weil er weitergefragt hat – weiß er wieder nichts!

Also, Freunde, wenn ihr wissen wollt, warum etwas so ist, wie es ist, dann hört rechtzeitig zu fragen auf.

 

Nun die Kritik von Berner Sennenhund:

Von: [Berner Sennenhund]

Datum: 01. Februar 2013 23:18:22 MEZ

An: redaktion@kleinesvolk.at

Betreff: Bodenlose Frechheit!

Sehr geehrte Redaktion,

ich gehöre zu den Leuten, die sich ab und an und bei Gelegenheit die Hefte durchlesen, die ihre Kinder so durchschmökern, dazu auch das “Kleine Volk”, das in unserer Volksschule als Lesehefte gebraucht werden (schlimm genug, dass für Lesebücher anscheinend kein Geld da ist und von den Eltern selbst bezahlte Heftchen als Lesestoff für den Leseunterricht herhalten müssen…). Auch die Jänner-Ausgabe fiel mir in die Hände und ich muss sagen, ich bin aus allen Wolken gefallen! Erst hab ich zweimal geguckt, ob ich wirklich das “Kleine Volk” erwischt habe. Ja. Dann zweimal, ob wirklich 2013 draufsteht und ich nicht zufällig eine Ausgabe von 1939 oder früher erwischt habe……

Dann habe ich noch zweimal den Text auf den Seiten 14/19 gelesen, und verzweifelt nach einer Auflösung für die Volksschulkinder gesucht, entweder in Richtung Philosophie (ich weiß, dass ich nichts weiß…..) oder in Richtung Ironie (…und dann wachte Peter auf aus seinem Alptraum und war

froh, dass nichts davon wahr war….). Nein! Nichts! Ich kam zu dem Schluß, dass Ihr das ernst meint! Falls nicht, dann hättet Ihr den Text wohl für Volksschulkinder anders aufbereiten müssen! Ich zeigte den Text zuerst in meinem Freundeskreis, weil ich nicht sicher war, ob das wahr sein konnte was da zu lesen war und auch einer Schulpsychologin und der Tenor war eindeutig: Blankes Entsetzen auf allen Seiten!

Was um Himmels Willen berechtigt Euch dazu, Kinder, die FRAGEN als “SELTSAM” zu bezeichnen? Seit wann dürfen Kinder keine Fragen mehr stellen, um Erwachsene nicht zu verärgern? Lehrerschonung?

Ok, man kann Kindern vermitteln, dass es jetzt nicht passt oder auch sagen, dass man hier nicht mehr weiter weiß. ABER: Kindern Fragen aufzulisten, die mit durchschnittlichem Wissen in Naturwissenschaften oder einschlägigen Seiten (kleiner Tipp: Wikipedia) zu beantworten sind, ist schlicht eine FRECHHEIT sondergleichen!

Gerade Kinder, die neugierig sind, sind gesund und normal und Kinder die NICHT FRAGEN sind SELTSAM!

Zu sagen: Wer zuviel fragt, weiß weniger als jemand, der einfach hinnimmt, was gesagt wird und nicht hinterfragt widerspricht allem, was man Kindern vermittelt.

Ich werde dieses Schreiben und die entsprechende Ausgabe “Kleines Volk” auch an die Frau Landesrätin Dr. Vollath und Frau Landesrätin Mag. Grossmann weiterleiten, die meinen Kindern bei einer Veranstaltung der Kinderuni Graz das Versprechen abgenommen haben, neugierig zu bleiben und sie fragen, wie ein solcher Text an unsere Volksschulkinder gelangen kann!

Es ist eine Frechheit und bestärkt alle Kinder, die andere Kinder, die mehr wissen oder mehr wissen wollen mobben, in ihrem Tun!

Ich kann nur noch einmal sagen: ich und viele andere sind schockiert, ich werde die Hefte weiterleiten wo auch immer ich kann und um Rat fragen.

Vielleicht können ja auch Sie mir erklären, was sie mit dem Verbot von Fragen gerne erreichen würden, aber natürlich nur, wenn ich Sie mit meiner Frage nach einer Antwort nicht allzu sehr verärgere………..

Von: [Berner Sennenhund]

Datum: 01. Februar 2013 23:24:28 MEZ

An: redaktion@kleinesvolk.at

Betreff: jänner 2013 die zweite

Nachdem Ihr auf Eurer Homepage so toll mit “Macht Lust auf Lesen, Wissen und Medien” werbt und nach Euren Angaben (man darf zitieren…):

All die oben genannten Schulzeitschriften ab der 1. Schulstufe werden laut Erlass des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur in Österreich unter der Geschäftszahl GZ. 33.359/1-V/12c/2003 für die Verwendung im Unterricht empfohlen. Sie unterliegen einer permanenten Qualitätskontrolle und werden von den Redaktionsteams stets gemäß den Erfordernissen der österreichischen Schulen und den Erwartungshaltungen und Bedürfnissen ihrer

Leserschaft inhaltlich und grafisch angepasst bzw. weiterentwickelt.

[Da] der Frageverbots-Text ja für die Verwendung im Unterricht empfohlen wird, werde ich und einige andere sicher auch noch auch beim Bundesministerium nachfragen, was damit bezweckt werden soll. Auch auf die Gefahr hin, dass wir lästig sein mögen, jemand ärgerlich wird und uns das Fragen verbieten möchte!

Von: [Berner Sennenhund]

Datum: 02. Februar 2013 17:55:25 MEZ

An: redaktion@kleinesvolk.at

Betreff: noch eine anmerkung zum jännerheft

Und bitte kommen Sie jetzt bloß nicht mit dem Argument “die Geschichte wird ja in Gruppenarbeit aufgelöst”!

In KEINER Zeile im Heft wird die kritische Seite erwähnt, mit der die Geschichte zu betrachten ist! Die Kinder bekommen die Hefte, schmökern sie durch und lesen sie selbständig schon mal durch. Dass die Lehrer dann mit den Kindern arbeiten und debattieren sollen ist ja schön und gut, aber dass

Kinder in der 3. Klasse mit dem Lesen des Heftes vielleicht nicht warten? Mein Kind hat die Geschichte gelesen, ich habe ihm danach lange erklären müssen, dass es nicht so ist, mein Sohn macht eine schwierige Zeit durch, weil er eben genau so ein Kind wie Peter ist und Schwierigkeiten in der Schule mit seinen Klassenkollegen hat und dann kommt SO eine Geschichte! Unkommentiert ausgeteilt und am Ende des Monats Jänner auch nicht im Unterricht wie vielleicht geplant bearbeitet!

Vielleicht sollte man sich überlegen, dass nicht immer alles nach Plan läuft?

Ich meine, es wird doch auch nicht eine Geschichte gedruckt, die lernschwache Kinder diskriminiert und dann so stehen gelassen und den Kindern selbst zur Auswertung überlassen!

Und hier meine Antwort:

Lieber Berner Sennenhund,
vielen Dank für Ihre Kritik an meiner Geschichte „Peter in der Schule“, über die ich mich durchaus gefreut habe. Denn Sie haben fast genau so reagiert, wie ich es mir von den Lesern und Leserinnen der Geschichte wünsche: mit Protest!
Denn die Geschichte ist natürlich geschrieben, um Widerspruch zu wecken. Und bei meinen Lesungen habe ich immer wieder festgestellt, dass sie das auch wirklich tut. Denn die Kinder merken sehr schnell, dass die Fragen, die Peter stellt, die Erwachsenen wirklich in Verlegenheit bringen. Es ist nämlich gar nicht so leicht zu beantworten, warum man Lesen und Schreiben in einer besonderen Einrichtung lernen soll, und es nicht zu Hause von den Eltern gezeigt bekommt so wie das Zähneputzen und das Popsch-Abwischen. Die Kinder merken üblicherweise gleich, dass der Hinweis, dass jetzt Schlafenszeit ist, von der Mutter nur vorgeschoben ist.
In der Schule bringt Peter wiederum die Lehrerin in Verlegenheit, die nicht erklären kann oder will, warum das A ein A ist. Vielleicht weiß sie ja, dass im Proto-Kanaanitischen Alphabet das stilisierte Bild eines Ochsen für den stimmlosen glottalen Plosiv stand und dass das aus dieser Glyphe abgeleitete Zeichen, als die Griechen es von den Phöniziern übernahmen, für den Vokal a umgedeutet wurde und wie aus dem griechischen Alpha das lateinische A entstand. Aber es ist ihr zu mühsam, diese Geschichte zu erzählen, oder sie hält sie für zu kompliziert für das Verständnis der Kinder, oder sie meint, dass die Geschichte jetzt nur ablenken würde, oder sie hält sich einfach an den Lehrplan, in dem davon nichts steht – und statt eine Antwort zu geben, weist sie Peter nur an, das A in sein Heft zu schreiben.
Und wieder bringt Peter die Lehrerin in Verlegenheit mit der Frage, wie man denn den Zungenschnalzer, mit dem er seinen Hund zu rufen pflegt, schriftlich wiedergeben kann. Leider geht das mit unserem Alphabet nicht, aber die Lehrerin macht sich nicht die Mühe zu erklären, warum.
Und der Gipfel: Peter, der genau sieht, dass zwei plus zwei vier ergibt, begnügt sich nicht damit, sondern er will wissen, warum zwei plus zwei vier ist. Hier muss ich als Autor zugeben, dass ich diese Frage auch nicht beantworten kann, obwohl ich das Gefühl habe, dass es eine sinnvolle Frage ist. Aber schon darüber nachzudenken, ob die Frage überhaupt sinnvoll ist, führt in tiefe philosophische Regionen.
Am Schluss wird noch gezeigt, dass man, wenn man Antworten auf Fragen weiter hinterfragt, sehr schnell zu einer Grenze gelangen kann, wo es keine Antworten mehr gibt oder wo man keine mehr bekommt. Warum fallen Steine zur Erde? Weil die Erde sie anzieht! Und warum zieht die Erde sie an? Wegen der Schwerkraft! Und woher kommt die Schwerkraft? Tja, an der Antwort arbeiten die Physiker noch, warten wir mal ab. Daher die Warnung: „Wenn ihr wissen wollt, warum etwas so ist, wie es ist – hört rechtzeitig zu fragen auf!“ Und das ist schon auch ernst gemeint: Wenn ihr ein sicheres Weltbild wollt – hört rechtzeitig zu fragen auf. Wenn ihr euch mit euren Fragen zu weit vorwagt, tja dann – dann werdet ihr wohl oder übel mit Unsicherheiten und Zweifeln leben müssen.
Bei einer Lesung hat mich ein Mädchen einmal gefragt: „Und wie weiß man, wann man aufhören muss zu fragen?“
„Du musst genau dann aufhören, wenn du auf die nächste Frage keine Antwort mehr bekommen würdest!“
„Und woher soll ich wissen, dass ich keine Antwort mehr bekommen werde?“
Genau: Wenn man nur ein bisschen darüber nachdenkt, dann merkt man, dass die Anweisung, rechtzeitig mit dem Fragen aufzuhören, gar nicht wirklich befolgt werden kann, weil man nicht gar nicht wissen kann, wann „rechtzeitig“ eigentlich ist.
Und nun komme ich zu dem, was glaube ich der Kern unseres Problems ist. Ich erhoffe mir von den Leserinnen und Lesern meiner Geschichten ein wenig selbständiges Denken. Ich hänge nicht eine große, rot umrandete Hinweistafel daran: „Achtung: Ironie! Ich meine es gar nicht so! In Wirklichkeit hat der Peter recht, und ihr sollt ja eh fragen!“
Die meisten Kinder spüren ganz ohne Hinweis, dass in der Geschichte der Peter recht hat und nicht die Erwachsenen, die sich nicht bemühen, seine Fragen zu beantworten. Und dass die Aufforderung des Autors, rechtzeitig mit dem Fragen aufzuhören, nicht einfach so hingenommen werden kann.
Es gibt leider immer noch viele Menschen, vor allem Eltern, aber auch Lehrer und Lehrerinnen, Bibliothekarinnen und Bibliothekare und – heutzutage schon recht selten – Rezensentinnen und Rezensenten, die meinen, in einer Geschichte für Kinder muss die „Moral“ ganz klar erkennbar sein. Aber ich fürchte, Kindern, die über die Geschichte vom Peter nicht nachdenken, und die die Aufforderung, nicht weiter zu fragen, einfach so hinnehmen, denen wird auch eine angehängte Aufmunterung „immer neugierig zu bleiben“ nichts nützen. Denn die Kinder zum Fragen ermuntern kann man nur, indem man ihre Fragen beantwortet, oder es zumindest versucht, oder ihnen hilft, die Antwort selbst zu finden – und zwar nicht irgendwann, sondern dann, wenn sie sie stellen! Leider ist unser Schulsystem mit seinen Lehrplänen und seiner Einteilung in Unterrichtsfächer und mit der Größe der Klassen und mit der Ausbildung der LehrerInnen nur beschränkt dafür geeignet. Im großen und ganzen erzieht es die Kinder immer noch weniger zum selbständigen Fragen und Forschen als dazu, sich einen vorgegeben Stoff möglichst gut zu merken – unabhängig davon, ob er einen interessiert oder nicht.
Wenn Ihr Sohn in der Klasse Probleme hat, weil er angeblich zu viel fragt, dann fragen Sie sich doch auch einmal, wie seine LehrerIn(nen) mit seinen Fragen umgehen. Wenn LehrerInnen die Fragen eines Kindes ernstnehmen und beantworten, zeigen Sie den anderen Kindern, dass dieses Fragen etwas Positives ist. Wenn die LehrerInnen aber das fragende Kind als obergscheit, lästig oder etwas in der Art behandeln, kann das von den anderen Kindern aufgegriffen werden. Es kann aber auch sein, dass das eine besonders wissbegierige Kind den anderen so oft als Vorbild hingestellt wird, dass diese sich benachteiligt und übergangen fühlen und – um ihre Selbstzweifel zu überdecken -, dieses vorbildliche Kind als Schleimer oder Ähnliches behandeln. Da würde ich einmal die Gesamtsituation betrachten und das Problem nicht ausschließlich bei den SchulkollegInnen suchen. In einer besonderen seelischen Situation kann es natürlich sein, dass man für den Humor oder die Ironie eines Textes nicht empfänglich ist, sondern alles, was irgendwie Bezug auf die Situation hat, als weitere Kränkung empfinden.
Lieber Berner Sennenhund,
mir ist schon klar, dass das Verständnis für Ironie sich nicht bei allen Kindern gleich schnell entwickelt. Aber wenn man Kinder nicht mit Ironie konfrontiert, werden sie auch kein Verständnis dafür entwickeln. Ich denke, wenn Sie die Geschichte in einer Sammlung von Satiren für Erwachsene gelesen hätten, wäre Ihnen die Ironie auch sofort aufgefallen. Im „Kleinen Volk“ haben Sie sich etwas anderes erwartet, und daher das Missverständnis. Trauen Sie den Kindern ruhig etwas mehr selbständiges Denken und Kritikfähigkeit zu.
Denn, wie schon gesagt, die meisten Leserinnen und Leser reagieren auf diese Geschichte fast so wie Sie: mit Protest. Nur eben mit fröhlichem Protest statt mit grimmigem. Aber das macht nichts: Hauptsache, wir sind uns einig.

Herzlichst
Martin Auer

 

Martin Auer – Lesungen und Auftritte: Jour fixe der Literaturzeitschrift "Driesch" – Zum 75. Todestag Ödön von Horvaths

Mittwoch 8. Mai 2013 19:00

Café Haltestelle 1er: Rotundenallee 15, 1020 Wien

Lesung aus weniger bekannten Werken Horvaths.

Eintritt: Eintritt frei

Martin Auer – Lesungen und Auftritte: "Driesch" Literaturzeitschrift feiert den Welttag des Buches

Dienstag 23. April 2013 19:00

Café Gschamster Diener: Stumpergasse 19, 1060 Wien

Zum Welttag des Buches lesen die "Driesch"-AutorInnen: Martin Auer Franz Blaha Harald Darer Wolfgang Ellmauer Barbara Fegerl Dagmar Fischer Doris Fleischmann Nicole Mahal Nicole Makarewicz Peter Mitmasser Milan Racek Pascal C. Tanguy

Eintritt: Eintritt frei

Masken, Fratzen, Löwentatzen

Masken Stadtplan

Adolf Loos nannte das Ornament ein Verbrechen. Ganz sicher dienten die Stuckverzierungen an den Fassaden der Gründerzeit-Mietskasernen dazu, die kriminellen Wohnverhältnisse hinter diesen Fassaden zu beschönigen. Doch soll man deswegen die unbeschönigte Untat vorziehen, die die schmucklose, eintönige Wohnmaschine darstellt? Die Wohnmaschine demonstriert unverhüllt ihre Verachtung für die Individualität der darin wohnenden Menschen. Die Stuckfassade mit ihren Dämonen, Göttinnen, Engerln, Löwenhäuptern, Gorgonenfratzen, Atlanten und Karyatiden täuscht Individualität wenigstens vor. Vielleicht lässt es ja auch Rückschlüsse auf den Charakter des Bauherrn zu, ob er seine Fenster von prallbusigen Damen ohne Unterleib flankiert oder von kotzenden Teufeln gekrönt sehen wollte. Und während der an die Zinskasernen geklebte Stuck das Elend dahinter bemänteln sollte, signalisierte die Fassade der Bürgerhäuser schamlos den Klassenunterschied zwischen der Beletage und den Dienstbotenkammerln unterm Dach.

Die Zeit lässt ja vergangene Torheiten in milderen Licht erscheinen, und im Vergleich zur lieblosen Nüchternheit der Siedlungsblocks suggeriert der Kitsch von einst heute Wohnlichkeit, Behaglichkeit, Gediegenheit. Zumal ja die früheren Zimmer-Kuchl-Wohnungen und Einzelkabinette zusammengelegt worden sind, die Bassena höchstens noch als nostalgischer Blumentopf am Gang hängt und ein im Hof angebauter Lift einen bis zum ausgebauten Dachboden trägt. Zum entsprechenden Preis natürlich. Das Proletariat muss heute ohne Ornament auskommen und rächt sich durch Graffiti.

Ich jedenfalls hege Sympathie für die dämonischen Torwächter und industriell vervielfältigten Gipsköpfe und sammle ihre Konterfeis. So ist schon ein kleiner Führer durch das gipserne Pandämonium entstanden, das auf den Fassaden unserer Stadt ein geheimnisvolles Leben führt. Einmal im Jahr, in der Nacht zum 18. Juli (Das ist das Gründungsdatum des Zentralverbands der Hausbesitzer im Jahre 1888) kann man leise die Höllenhunde jaulen und die Löwenköpfe brüllen hören, und die identischen Mädchenköpfe über den Fenstersimsen flüstern im Chor den ebenfalls im Chor flirtenden Kriegerköpfen von gegenüber zu: „Gehn S‘, hörn S‘ auf, Sie Schlimmer!“

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Der Fratzen-Stadtführer hat sein Heim auf der Plattform broadcastr. Einfach die App (gratis) für iPhone oder Android herunterladen und unter „Tours near you“ nach „Masken, Fratzen, Löwentatzen“ Ausschau halten.